07. Februar 2019

Die „Zeit“ über Rollenbilder im Internet Sexy wie in den Fünfzigern

Und ohne eigene Meinung

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: shutterstock Auf Youtube verbreitet: Frauenbild der Fünfziger

Die „Zeit“ schlägt Alarm: „In ihrer Selbstdarstellung auf Youtube und Instagram orientieren sich junge Frauen und Mädchen weitgehend an veraltet anmutenden Rollenbildern. Das ist das Ergebnis mehrerer repräsentativer Studien zu Geschlechterdarstellungen in den sozialen Medien, die die von Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth gegründete Stiftung Malisa in Auftrag gegeben hat. Die Geschlechterdarstellungen in den erfolgreichsten Youtube-Kanälen basieren den Studien zufolge zudem auf althergebrachten Stereotypen.“

Reichlich veraltet anmutende weibliche Rollenbilder sind seit einigen Jahren in Deutschland tatsächlich en vogue, das stimmt. Einwanderer aus einer speziellen Weltgegend betrachten Frauen als ihr Eigentum, auch diejenigen, die sie eben erst in der Disco oder auf dem Schulhof geschossen haben; die maskuline Polygamie wird Schritt für Schritt legalisiert, und der deutsche Steuerzahler darf die mit einer gewissen Folgerichtigkeit daraus entstehenden fidelen Großfamilien alimentieren; immer mehr weibliche Köpfe verschwinden unter Kopftüchern oder kompletteren Verhüllungen; minderjährige Mädchen werden neuerdings auch hierzulande zwangsverheiratet; Hunderte Zwangsbeschneidungen von Mädchen finden inzwischen jährlich im einstigen Stammland der Aufklärung statt. Außerdem diskriminieren politische Hinterwäldlerinnen wie Justizministerin Barley und SPD-Chefin Nahles andere Frauen, indem sie unterstellen, sie seien zu dämlich, ohne Quoten an gute Jobs zu kommen.

Aber das meint die feministisch bewegte Milliardärsgattin Furtwängler natürlich nicht, sie stößt sich vielmehr daran, dass hier „das Frauenbild der 50er Jahre gefördert“ werde, also der deutschen 50er Jahre, der Spätausläufer des sexistischen europäischen Mittelalters, eine bleierne Zeit, als man noch an Geschlechtsunterschiede beziehungsweise Geschlechterrollen glaubte statt an die freie Wahl seines Geschlechts und juvenile Blondinen sich reiche beziehungsweise einflussreiche ältere Männer angeln mussten, um eine Filmkarriere hinlegen zu können.

„Auch in Musikvideos, die heute überwiegend über Youtube konsumiert werden, werden Frauen den Angaben nach noch immer mehrheitlich sexy und passiv inszeniert“, ächzt die „Zeit“-Autorin, zu deren Gunsten wir mal annehmen, dass sie sich allzeit aktiv unsexy inszeniert. „Wenn man sieht, dass die Frauen auch in den Medien, die hauptsächlich von Jugendlichen konsumiert werden, nur ein Drittel der Protagonistinnen und Protagonisten stellen, muss man sich fragen, was mit den Strukturen nicht stimmt“, meint wiederum Furtwängler, schreibt die „Zeit“. Dass mit den Strukturen etwas nicht stimme, wenn irgendwo zu wenige Frauen vertreten sind, wo sich etwas abgreifen lässt: Dieses Mantra kennt man inzwischen zur Genüge, und zumindest die „Tatort“-Mädels haben es geschafft, ihre numerische Gleichstellung durchzusetzen, auch wenn in der tristen Realität Kommissarinnen eher die Ausnahme sind. Nochmals: Die Maid mit dem erlauchten Namenspedigree spricht von Youtube und Instagram – „nach Angaben der Stiftung Malisa wurden für die Studie der Universität Rostock und der Filmuniversität Babelsberg 1.000 Youtube-Kanäle analysiert, 2.000 Videos untersucht und 14 Youtuberinnen in Interviews zu ihrer Sicht auf die Branche befragt“ –‍, also von zwei Online-Plattformen, deren angeblich „nicht stimmende“ Struktur darin besteht, dass jeder dort freien Zugang hat, wo also die völlige Freiheit der Selbstdarstellung herrscht. Und das passt Quotenforderern und Regulierern bekanntlich nicht, nie sind solche Figuren mit der Freiheit zufrieden, weil die immer zu falschen Ergebnissen führt. Gibt man Frauen und Männern die Möglichkeit, sich einfach so zu präsentieren, wie sie mögen, dann kehren auf einmal die sogenannten Geschlechterstereotype wieder, gegen die auf allen Kanälen und in allen Redaktionen rund um die Uhr vergeblich agitiert wird. Allerdings handelt es sich dabei nicht um die „Geschlechterrollen der Fünfziger“, sondern um jene der Conditio humana. Dann stellen sich, ein paar teils liebenswürdige, teil bedauernswerte Freaks ausgenommen, Frauen eben weiblich und Männer eben männlich dar – und es gibt kein Mittel dagegen außer Quotenforderungen, Diskriminierungsgeplärr, Gesinnungsterror, Manipulation und staatlichem Druck.

Auf Instagram, jammert es weiter, seien insbesondere Frauen erfolgreich, die einem normierten Schönheitsideal entsprächen, und die seien „dünn und langhaarig“ – nicht etwa fett und mindestens auf einer Seite des Schädels kahlrasiert, wie es in Berliner Szenebezirken guter Standard ist. Außerdem hätten die für die Studie befragten Youtuberinnen „von Hürden gesprochen, die es erschwerten, aus dem Thema Schönheit auszubrechen und sich neue Genres wie Comedy oder Politik zu erschließen“. Eine der 14 gab zu Protokoll: „Eine starke eigene Meinung schmälert deinen finanziellen Wert, weil sich dann bestimmte Firmen nicht mehr mit dir zeigen wollen.“ Zum Beispiel, wenn man die starke eigene Meinung vertritt, dass Frauen sich weiblich und Männer sich männlich präsentieren sollten. Oder die starke eigene Meinung, dass Frauenquoten begabte Frauen erniedrigen und unbegabte fördern. Oder auch nur, wenn man seine starke eigene Meinung auf Plattformen wie „achgut“ oder eigentümlich frei publiziert. Oder wenn man die starke Meinung am Ende gar, hui-buh!, in der Schwefelpartei vertritt...

Die Vorzeile des „Zeit“-Artikels lautet übrigens: „Junge Frauen inszenieren sich einer Studie zufolge auf Instagram und Youtube nach althergebrachten Stereotypen. Ihr Credo: Hauptsache, keine eigene Meinung vertreten.“ Dass man bloß von einer Probandin thesenorientiert auf alle anderen schließen muss, um zur erwünschten Aussage eines Artikels zu gelangen, das haben sie im Hamburger Weltblatt seit langem verstanden, zum Höcke! Von den Vertreterinnen der deutschen Wahrheits- und Qualitätsmedien könnten die sich im Netz spreizenden langhaarigen und schlanken Dummchen, so sie denn wollten, immerhin lernen, welche Meinungen bei ihnen als „eigene“ durchgehen würden. Deren Zahl ist gottlob überschaubar.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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