30. Januar 2019

Der „Tagesspiegel“ erfindet ein Zitat von Winfried Kretschmann Von Haltung überrannt

Die Grenze nach „rechts“ soll in der linken Mitte gezogen werden

von Alexander Wendt

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Bildquelle: shutterstock Statistisch auffällig: Männerhorden

Warnt Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann neuerdings generell vor Migration, und das auch noch in harschem Ton? Der „Tagesspiegel“ vom 24. Januar suggeriert genau das – indem er dem Politiker ein frei erfundenes Zitat in den Mund legt. In einem Kommentar unter der Überschrift „Phantomdebatte beenden“ ruft dort Autor Fabian Löhe dazu auf, endlich anders, nämlich weniger problemorientiert über Migration zu diskutieren.

Löhe schreibt: „Deutschland wird nämlich nicht von ‚Männerhorden‘ überrannt, wie der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann behauptete.“

Nur: Das hatte Kretschmann nirgendwo behauptet, weder wörtlich noch sinngemäß. Tatsächlich hatte er nach einer Gruppenvergewaltigung in Freiburg durch eine Gruppe von Syrern und einem Deutschen gesagt: „Salopp gesagt ist das Gefährlichste, was die menschliche Evolution hervorgebracht hat, junge Männerhorden. Solche testosterongesteuerten Gruppen können immer Böses anrichten. Die Vergewaltigung in Freiburg ist ein schlimmes Beispiel.“

Dass weltweit und kulturübergreifend die meisten Gewalttaten und insbesondere Vergewaltigungen durch junge Männer begangen werden, ist statistisch gut belegt. Die Sätze des Grünen-Politikers sind also völlig unspektakulär, einen Zusammenhang mit Migration stellt er gar nicht her. Davon, dass Deutschland von Männerhorden „überrannt“ würde, findet sich in dem Originalzitat Kretschmanns kein Wort, auch nicht irgendwo anders.

Wie im Fall des „Spiegel“-Reporters Claas Relotius passt auch die „Tagesspiegel“-Erfindung gut in ein sogenanntes Narrativ: Um seine Behauptung zu stützen, Politiker würden „falsch“ über Migration debattieren, erfindet der Autor ein Zitat, über das er sich moralisch erregt. Außerdem fügt sich der Artikel in eine ganze Reihe von Versuchen ein, Grünen-Politiker wie Boris Palmer und Winfried Kretschmann als fremdenfeindlich zu stigmatisieren und damit die Grenze nach „rechts“ schon in der linken Mitte zu ziehen.

Auf meine Bitte, einen Beleg für die angebliche Kretschmann-Aussage zu nennen, schickte der „Tagesspiegel“ die automatische Nachricht: „Wir werden uns schnellstmöglich um Ihr Anliegen kümmern.“ Bis jetzt folgte keine Antwort.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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