05. Januar 2019

Nach den Präsidentschaftswahlen auf der „großen Insel“ Hat Madagaskar noch eine Chance?

Eines der ärmsten Länder der Welt

von Volker Seitz

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Arm, aber sexy: Madagaskar

Der frühere madagassische Staatschef Andry Rajoelina hat die Stichwahl am 19. Dezember 2018 mit 55,66 Prozent gegen Marc Ravalomanana, ebenfalls ein früherer Präsident, gewonnen. 2009 stürzte Rajoelina mit Hilfe der Militärs Ravalomanana und trat selbst an die Staatsspitze. Die Rivalität zwischen beiden Politikern prägt seit Jahren Madagaskars Politik. Wegen des Putsches bekam die Regierung keine Hilfsgelder mehr. Bei der nächsten Wahl 2013 durften beide auf internationalen Druck nicht mehr antreten. Beide waren erfolgreiche Unternehmer und hatten im Wahlkampf versprochen, die Insel aus der Armut zu führen. Rajoelina pflegt enge Kontakte nach Frankreich, wo er die letzten Jahre verbrachte.

Die Insel ist seit 1960 von Frankreich unabhängig. Die Entwicklung wurde seit ihrer Unabhängigkeit von zahlreichen politischen Krisen gekennzeichnet. Nach einer Periode des Sozialismus ist Madagaskar seit dem 19. August 1992 eine Republik (offiziell: République de Madagascar). Staatsoberhaupt und oberster Inhaber der Exekutivgewalt ist der direkt für fünf Jahre gewählte Staatspräsident.

Madagaskar mit der Hauptstadt Antananarivo liegt vor der Ostküste von Mosambik im Indischen Ozean. „La Grande Île“, „die große Insel“, nennen die Madagassen ihre Heimat. Die Bevölkerung soll von Indonesiern und Afrikanern abstammen. Die indonesische Komponente der madagassischen Kultur kommt sehr deutlich in der Sprache zum Ausdruck, die eng verwandt ist mit einem Dialekt in Borneo. Die Amtssprachen von Madagaskar sind Malagasy und Französisch. Madagaskar ist eine der größten Inseln der Welt und mehr als anderthalb Mal größer als Deutschland. Politische Krisen haben das Land in seiner Entwicklung immer wieder zurückgeworfen. Nur knapp fünf Prozent der ländlichen Bevölkerung haben Zugang zu Elektrizität.

Seit Jahren gibt es nicht genug Nahrung auf der Insel, Madagaskar muss vieles importieren, auch das Hauptnahrungsmittel Reis. Madagaskar ist hauptsächlich ein Agrarland: Export von Kaffee, Vanille, Gewürznelken, Pfeffer, Sisal, Kakao, Holz und Graphit. Die Struktur ist von der französischen Kolonialzeit geprägt. Über 80 Prozent der Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft in bäuerlichen Klein- und Kleinstbetrieben und leben überwiegend von Subsistenzwirtschaft. Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt liegt bei 30 Prozent.

Die biologische Vielfalt ist eine der höchsten der Erde

Das Land ist reich an Bodenschätzen: Chrom, Glimmer, Graphit, Edelmetalle und Edelsteine. Deren wirtschaftliche Bedeutung und ihr Anteil am Export sind bislang noch gering. Rio Tinto hat investiert und betreibt eine Ilmenitmine bei Fort-Dauphin und verschifft Titansand nach Kanada, und Sherritt baute die größte Nickel- und Kobaltmine der Welt bei Moramanga. Die wirtschaftliche Entwicklung Madagaskars leidet unter der schlechten Verkehrsinfrastruktur, es gibt nur wenige gute Straßenverbindungen, die ganzjährig befahrbar sind, aber auch unter Rechtsunsicherheit und Strukturschwächen der öffentlichen Verwaltung. „Staatliche Institutionen in Madagaskar dienen oft den Interessen der Eliten statt denen der breiten Bevölkerung“, stellte die Weltbank fest.

Die biologische Vielfalt Madagaskars ist eine der höchsten der Erde. Rund 200.000 bekannte Arten gibt es auf Madagaskar, davon kommen 150.000 ausschließlich dort vor. So zum Beispiel 60 Arten von Lemuren, die nur auf der Insel existieren. Die Primatenart Cleese-Wollmaki wurde 1990 entdeckt. Der Name ehrt den britischen Schauspieler John Cleese („Monty Python“), der sich für den Erhalt der Lemuren auf Madagaskar einsetzt. Obwohl das Land seit den 1990er Jahren mehr als 700 Millionen US-Dollar für den Naturschutz erhielt, hat die Insel trotz immer neuer nationaler Umwelt-Aktionspläne zum Regenwaldschutz seit dem Jahr 2000 mehr als 2,3 Milliarden Hektar Waldfläche verloren. Kaum ein Fünftel Madagaskars ist noch bewaldet. Bis 2020 sollen weitere 6,4 Milliarden US-Dollar an Entwicklungs- und Umwelthilfe fließen. Die Bevölkerung ist weniger an dem Regenwaldschutz interessiert, die Menschen gewinnen durch das Roden und Niederbrennen der Wälder Platz für ihre Reisplantagen.

2017 und 2018 war auf der Insel erneut die Pest ausgebrochen. Betroffen sind vor allem Hafenstädte und die Hauptstadt Antananarivo. Die WHO zählte 2.300 Krankheitsfälle. Etwa zehn Prozent starben an der Infektionskrankheit. Grund für den Ausbruch sind die schlechten Hygienebedingungen: Ratten, Mücken und Flöhe übertragen die Beulenpestbakterien auf den Menschen. Diese vergiften das Blut und können zu Nieren- und Leberversagen führen. Die Lungenpest wird über die Atemluft von Mensch zu Mensch übertragen.

Der neue Präsident hat versprochen, nach den Wahlen die Armut zu bekämpfen. In seiner früheren Amtszeit war ihm dies aber nicht gelungen. Jeder Fortschritt beim Kampf gegen Armut und Unterentwicklung wird auch in Madagaskar durch die wachsende Bevölkerung wettgemacht. Madagaskar ist eines der ärmsten Länder der Welt. Jeder Dritte kann nicht lesen und schreiben; die Geburtenrate zählt zu den höchsten der Welt. Die korrupten Regierungen seit der Unabhängigkeit haben dazu geführt, dass jeder dritte Madagasse unter der Armutsgrenze lebt. Gut ausgebildete junge Leute verlassen die Insel. Über 60.000 qualifizierte Madagassen leben allein in Frankreich.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Afrika

Mehr von Volker Seitz

Über Volker Seitz

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige