21. Dezember 2018

Liane Bednarz über rechte Literatur in Buchhandlungen Mit Rechten reden – Der blinde Fleck

Über die Inhalte erfährt man nichts

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Böse: Rechte Bücher

In jüngster Zeit wird viel über „Mit Rechten reden“ geredet. Dass es sich dabei bis auf Weiteres – nur um Gerede handelt und in welche selbstgebauten Fallen die Redewilligen dabei treten, soll an einem typischen Beitrag dargestellt werden.

Doch zuvor: Wo kommt die Motivation eigentlich her? Warum will man überhaupt reden? Doch wohl nur aus einem Grund: Man hält die Rechte für relevant – auch mit jeder Beteuerung, dass sie das gerade nicht sei, wird die Relevanz bestätigt. Allerdings – und das ist eine wichtige Lehre – nur einen besonderen Teil der als rechts firmierenden Kräfte: den intelligenten, differenzierten, kultivierten und zivilisierten. Soweit ich sehe, gilt der erklärte Versuch, mit Rechten zu reden oder sie auch nur ernst oder sogar nur wahrzunehmen, nicht PI-News, Kopp oder Kenfm und ähnlichen Protagonisten, sondern vor allem den „Neuen Rechten“. Das zeigt, dass verbale Entgleisungen, wilde Verschwörungstheorien, ja selbst verzerrte Gesichter und zu viel Polemik dem potenziellen Dialog nicht förderlich sein können.

Liane Bednarz gehört zu jenen Kommentatorinnen, die für sich einerseits Expertise, andererseits prinzipielle Dialogbereitschaft reklamieren. Sie verortet sich selbst gern im konservativen Bereich. Anlässlich der Stokowski-Affäre veröffentlichte sie auf dem Blog „Starke Meinungen“ einen Text, der exemplarisch für den blinden Fleck der Linken, auch und gerade der interessierten, „gesprächsbereiten“, „offenen“, „toleranten“ Linken steht. Die strukturellen Merkmale versetzen Bednarz nach links, ganz gleich, wo sie sich selbst sieht oder welchem Glauben sie anhängt. Gehen wir den Text durch:

Ihr Einstieg scheint Toleranz in alle Richtungen auszudünsten, beginnt er doch mit einer harschen Kritik an Margarete Stokowski, die – wie man sich erinnern wird – eine Lesung in der Buchhandlung „Lehmkuhl“ in München absagte, weil im dortigen Regal „Neue Rechte, altes Denken“ unter einer Vielzahl „kritischer“ Werke – darunter Bednarz‘ „Die Angstprediger“ höchstselbst – auch vier schmale Büchlein aus dem Hause Antaios zum Kauf angeboten waren. Das ging der „Feministin“ Stokowski schon zu weit… sie weigerte sich, das Geschäft zu betreten. Man müsse zwar „die Positionen der Rechten kennen“, aber nur, „um gegen sie zu argumentieren“, und dazu bedürfe es weder des öffentlichen Angebots noch des Besitzes der von Stokowski indizierten Literatur.

Bednarz nun bekennt einleitend, dass „Diskurshygiene in der Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten naiv und kontraproduktiv“ sei. Es wird sich zeigen, dass sie ebenfalls dieser Hygiene frönt, nur mit einem anderen Desinfektionsmittel. Hygiene – das heißt Kontaktscheu aus Ansteckungsgefahr. Mutig bekennt sie, mit Michael Lemling, dem Geschäftsführer der Buchhandlung, schon lange vorher über rechte Literatur diskutiert und bei ihm sogar Bücher des gefährlichen Verlages bestellt zu haben. Man habe auch „über selbige gesprochen“, „stets kritisch, versteht sich“.

Wieso versteht sich das? Kritisches Lesen ist eine ebensolche Voraussetzung des anspruchsvollen Lesens wie die Lesefähigkeit selbst. Dies zu betonen, stellt eine unerträgliche Platitude dar. Oder aber man meint etwas anderes, nämlich kein „kritisches“, also differenziertes Lesen – „κρίνειν“ heißt „trennen“ –, sondern ein vernichtendes, negierendes, geschlossenes, selbstbestätigendes und suchendes oder „vernutzendes“ Lesen.

Dann zitiert sie den Facebook-Eintrag des Journalisten Florian Kessler, der sich wiederum auf ein Foto bezieht, das Bednarz ins Netz gestellt hatte. Es zeigt das Regal, das Corpus Delicti. Kessler hebt nun in Majuskeln hervor, dass die Buchhandlung „kontextualisiert“ habe, das heißt die vier Titel, „das Zeug aus rechten Verlagen“, in einem Haufen von Antifa-Literatur versteckte. Bednarz findet es hervorhebenswert, dass Kessler, obwohl er Martin Lichtmesz und Co lieber nicht in den Regalen sähe, den Mut bei Lehmkuhl doch toleriert, auch wenn man darüber diskutieren könne, „wie mit der Neuen Rechten umgegangen werden soll“.

Nun charakterisiert sie den Shitstorm gegen Lehmkuhl als „infam“, denn aus eigener Erfahrung wisse sie, „wie ungemein kritisch Michael Lemling sich mit der Neuen Rechten beschäftigt“ – siehe oben. Nur „ungemein kritische“, also ablehnende, geschlossene Lektüre kann die Beschäftigung rechtfertigen, und wer es wagt, muss überdies öffentlich verteidigt werden. Zudem weiß sie, „dass gerade die Lektüre rechter Primärquellen einem die Augen dafür öffnen kann, wie in diesem Milieu gedacht wird“ – die nächste Platitude, denn was sonst sollte einem die Augen öffnen? –‍, nebst Hygienevokabel „Milieu“.

Noch eine Rückblende. Bednarz will sich als Kennerin zeigen, denn schon seit 2014 liest sie rechte Literatur, kritisch natürlich, und hat sie sogar bei Lehmkuhl bestellt. Dort allerdings fragte sie „vorsichtig nach, ob es in Ordnung sei“, wenn sie dort rechte Primärquellen bestelle. Das ist nun offenbar gar nicht so leicht, denn anstatt die Bücher einfach zu bestellen, wurde sie vom Personal an den Chef – Lemling – verwiesen, dem sie erklären musste oder zu müssen glaubte, warum sie das lesen wolle. Der hatte – als eingeführte Autorität kraft seiner Leitungsfunktion – keine Probleme damit, denn, zum dritten Mal, er setzte sich selbst „kritisch“ damit auseinander. Derart musste man in der DDR „bürgerliche Ideologie“ lesen.

Es erinnert etwas an Fragen an den Parteisekretär, wenn man liest: „Ich fragte also bei Lehmkuhl nach, ob man bereit sei, mir diese Bücher zu bestellen, und wurde an Michael Lemling verwiesen. Ich erklärte ihm, warum ich diese Werke lesen wollte.“ Die Frage, warum man überhaupt nachfragen solle, statt in einer freien Gesellschaft mit Selbstverständlichkeit eine Bestellung aufzugeben, kommt ihr schon gar nicht mehr in den Sinn – auch Liane Bednarz indiziert, wie Stokowski, im Kopf.

Als Zwischenüberschrift eine weitere Platitude: „Ohne Kenntnis der Primärquellen keine Analyse und kein Auseinandersetzungsfundament“. Doch noch immer nicht genug. Lemling liest rechtes Gedankengut, könnte also infiziert sein und muss nun ein weiteres Mal exkulpiert werden: „Er ist also jemand, der über jeden Zweifel an seiner linksliberalen Haltung erhaben ist…“ – er ist also immun, das wurde vielfach bewiesen, er darf das also lesen… Diskurshygiene in Reinkultur unter sterilen Bedingungen mit Atemmaske, Schutzanzug und Gummihandschuhen, aber im Versuchslabor murmelt man Sätze wie folgende vor sich hin: „…dass Ausgrenzung und Diskurshygiene falsche, da wirkungslose Ansätze im Umgang mit der Neuen Rechten sind“. Man hat den Eindruck, Borderlinern gegenüberzustehen, Menschen, die zwischen Anziehung und Abstoßung hin und her irren und die letztlich ihren „Platz in der Gesellschaft“ als Versteher und Jäger – Kammerjäger also – gefunden haben. Sie sind Nutznießer, Parasiten jener Szene, die sie beobachten.

Dass Lemling über jeden Zweifel erhaben ist, wissen wir nun, aber die Gefahr ist zu groß, um es nicht noch einmal nachzuweisen, bevor die Argumentation fortgeführt wird. Diesmal zitiert Bednarz Lemling aus der „Süddeutschen Zeitung“, wo er die Gelegenheit bekam – Kubitschek und Co warten darauf noch –, seinen Standpunkt kundzutun. Das Muster ist nun bekannt: Wir müssen „dringend wissen“, wie „diese Leute“ (sic!) denken und argumentieren, denn „diese Leute“ sind schlau, gebildet und „fordern einen richtig heraus“. „Wir sollten sie genau studieren.“ „Genau“ heißt: Bis die wahren Gedanken hinter den schönen Wörtern sichtbar werden. Nicht etwa, das versteht sich von selbst, um etwas von ihnen zu lernen, sondern um zu lernen, wie wir sie widerlegen können.

Bednarz nimmt den Faden auf und wiederholt zum x-ten Male: „Will man der Neuen Rechten analytisch entgegentreten und sich nicht nur banal empören, muss man wissen, wie diese Leute ticken…“ „Ticken“, nicht denken. Sie sind zwar schlau und gebildet, aber sie denken nicht eigentlich, sondern sie ticken. Die Bildung – das will das Bild evozieren – dient nur dazu, die Ziele zu verschleiern, zu verbrämen und durch Wissen zu kaschieren. Dass sie aus ihrer Bildung heraus zu anderen Schlussfolgerungen als der Mainstream gekommen sein könnten, gilt als undenkbar.

Wie sie „ticken“, kann man aber nur erfahren „durch die Kenntnis ihrer Schriften“, weshalb Lemling „einige wenige davon mit Recht im Regal hat“. Dieser subtile Gedanke beinhaltet also die Idee: Kennst du eines, kennst du alle. Vier genügen, um eine ganze Bibliothek rechten Denkens einschätzen zu können. Bednarz findet das gut: „Eine solche Vorauswahl zu treffen, ist genau das, was eine Buchhandlung leisten kann.“ Eine Buchhandlung hat demnach nicht mehr mit Büchern zu handeln, nein, sie muss auch wissen oder zumindest zu unterstellen in der Lage sein, was in den Büchern steht, und hat dann für die Kunden auszuwählen.

Man kann sichergehen, dass Lehmkuhl mit „Fifty Shades of Grey“ oder mit „Feuchtgebiete“ gute Geschäfte gemacht hat, aber man weiß auch, dass Martin Lichtmesz‘ grundlegendes Werk „Kann nur ein Gott uns retten?“ oder Kleine-Hartlages „Das Dschihad-System“ dort nicht zu haben ist oder doch nur nach „vorsichtigem“ Anfragen und abgelegter Rechenschaft. Die Aufgabe einer Buchhandlung liegt also heutigentags in der Zensur, der Manipulation – zum Beispiel mit Hilfe „süffisanter Regaltitel“ wie „Neue Rechte, altes Denken“ – und der Anleitung, wie man „sich sehr kritisch mit rechtem Denken auseinandersetzen“ kann. Woraus erwächst die Kompetenz? Wir erfahren es nicht, dürfen aber annehmen, dass „kritische Auseinandersetzung“ eine Rolle spielt.

Immerhin scheint sich Lemling der schiefen Ebene bewusst zu sein, denn es könnte, sagt er, bald „viel kniffliger“ werden: Was, wenn Uwe Tellkamp etwa einen neuen Roman schreibt? Kann man den dann noch verkaufen? Nicht der Inhalt des Romans spielt dann eine Rolle, sondern die politische Position des Autors, und Tellkamp hat bekanntlich den Fehler gemacht, sich öffentlich zu bekennen. Ähnlich argumentiert auch – alles im andeutenden Gestus – Per Leo, der sich fragt: „Wo hört der Kanon auf, wo beginnt die Schmuddelzone? Warum betrachten wir die Hasstiraden Célines als Weltliteratur, aber die Hasstiraden Raspails als Hetze? Müsste man vor Michel Houellebecqs suggestiver Prosa nicht eindringlicher warnen als vor Akif Pirinçcis Fäkalsprache?“

Lemling muss noch einmal sekundieren, und zwar mit dem beweisenden Satz: „Da stehen Titel, die sich mit rechtem Denken und rechtem Treiben beschäftigen.“ Noch einmal: „Treiben“ – die Konjunktion „und“ fungiert hier als Gleichheitszeichen: rechtes Denken ist rechtes Treiben. Dieses „Treiben“ ist mit der „größten Auswahl an Titeln in München“ bei Lehmkuhl vertreten, mit, noch einmal in Lettern, vier Titeln.

Die Litanei aus Platituden geht aber weiter, wenn auch in ewigen Wiederholungen: „Wer sich gegen rechts engagiert, sollte wissen, was Rechte denken und lesen, wie sie argumentieren.“ Nicht wer wissen will, was Rechte denken, sollte wissen, was Rechte denken und lesen, wie sie argumentieren, sondern wer sich gegen rechts engagieren will. Rechte lesen wird gleichsam zum Widerstandsakt: Wehret den Anfängen.

Und wer es noch immer nicht verstanden hat: „Wir haben in der Folge zwei weitere Publikationen von Antaios aufgenommen, deren Kenntnis wir jedem Antifaschisten empfehlen möchten“ – wir stehen demzufolge vor dem antifaschistischen Regal. Kritisch lesen, Kritiker sein heißt also Antifaschist sein, und im Umkehrschluss – daran geht nichts vorbei – sind die zu Kritisierenden natürlich Faschisten! Der Kreis schließt sich, der Brainfuck, oder der Zirkelwichs – beide Ausdrücke findet man bei Lichtmesz (Twitter) – ist perfekt.

In solchen Sätzen versteckt sich aber auch die Urangst des Linken vor der Gefahr: Was, wenn der Leser rechter Literatur sich nicht mehr engagieren will, was, wenn er den Argumenten „auf den Leim geht“, wenn er sie gar überzeugend findet? Sollte das bei einer offenen Lektüre nicht möglich sein? Das ist ein reelles Wagnis, zumal es „bessere Einführungen in rechtes, identitäres Denken als die Bücher der Genannten“ nicht gibt, obwohl im Regal ein halbes Hundert Exemplare von Kontra-Literatur steht. Diese – die Originalschriften – entlarven sich in der Vorstellung der Menschen auf der richtigen und guten Seite also von selbst, vorausgesetzt, der Kunde ist in der Lage dazu. Das freilich gehört in den Bereich der Hoffnung und des Glaubens: „Wir glauben an die intellektuelle Spannkraft unserer Kunden und sind überzeugt, dass das Lesen rechter Publizistik nicht wehrlos macht.“ Man darf vermuten, dass Lemling, Bednarz, Kessler, Stokowski und tuttiquanti unruhig schlafen.

„Einen Rechtsruck bei Lehmkuhl“, werden wir beruhigt, „muss niemand befürchten“. Wenn alles angeboten würde – nur ein kleines Gedankenspiel –, wenn es keine Vorauswahl gäbe, dann könnte es auch keinen Rechts- oder sonstigen Ruck geben! Nur ein ideologisch gesäubertes Angebot lässt einen Ruck überhaupt erst zu.

Es folgt eine vorletzte Volte: Der Übervater der Rechtsextremismusforschung, Wilhelm Heitmeyer, der den Begriff der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ – als Lebensleistung – geprägt hat, wird in Anschlag gebracht, als weitere „Rückendeckung“. „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, das darf man voraussetzen, gibt es natürlich

vornehmlich rechts, und auch wenn wir nicht wissen, wem der Professor dieses Etikett anheftete, nun, bei Bednarz, klebt es an den „Neuen Rechten“.

Hat uns Heitmeyer Neues mitzuteilen? Nein, er dient einerseits als weitere Legitimation für das Ausstellen von viereinhalb rechten Büchern, und wir erfahren andererseits von ihm einmal mehr: „Wir müssen wissen, was sie denken.“ Was sie freilich denken, das haben wir bisher noch immer mit keinem Wort erfahren! Aber wir wissen, dass es gefährlich und böse und „gruppenbezogen menschenfeindlich“ ist!

Hier nun, ganz zum Schluss, wird Liane Bednarz doch noch einmal originell, jetzt liefert sie die Pointe und wird konkret: „Kubitschek lesen, um zu wissen, was auf Deutschland zukommen kann“. Das ist das, was ich andernorts als „linkes Raunen“ gekennzeichnet habe. Den NS-Wink kann jeder sensible Leser erkennen.

Nun konstruiert Bednarz einen Zusammenhang zwischen jener Busblockade im sächsischen Ort Claußnitz im Jahre 2016 und Kubitscheks Artikel. Die Szene ging um die Welt. Ein Bus mit Asylbewerbern wurde vor der Unterkunft blockiert, die Menschen konnten den Bus nicht verlassen, eine Frau im Kopftuch spuckt gegen die Scheibe, ein Jugendlicher weint, ein Polizist zerrt einen Jungen aus dem Bus… davor stehen Menschen und rufen: „Wir sind das Volk“. Für Bednarz sind das nun „rund 100 Rechtsgerichtete“ – in einem früheren Artikel sprach sie noch von „besorgten Bürgern“.

Ihr kommt ein Beitrag Kubitscheks in den Sinn, den dieser ein halbes Jahr zuvor auf „Sezession“ veröffentlicht hatte. Dort habe – sie zitiert hierbei die „Süddeutsche Zeitung“; Bednarz achtet sehr darauf, inkriminierende Äußerungen vornehmlich im Modus des Zitats anzubringen – Kubitschek „solch aggressive Blockadestrategien lange schon propagiert“ – er ist also der Strippenzieher. Tatsächlich bezieht sich Kubitschek auf bereits geschehene Busblockaden im fragenden Gestus und problematisiert während der tumultuarischen Zeiten die bereits stattgefundenen Aktionen: „Ist derlei legitim? Oder sogar legal?“ „Propagieren“ ist doch ein zu schwerwiegendes Wort in diesem Kontext! Und das, obgleich es in der Bundesrepublik eine lange Geschichte von Blockaden, Manipulationen und auch Sabotagen im Namen des Guten und Richtigen gegeben hat.

Für die Rechte – die ja an einer Ein- und Erhaltung der geltenden Ordnung interessiert ist – stellen solche Aktionsformen viel größere Probleme dar, weswegen man in der Regel vorsichtig damit agiert. Bednarz aber will das Gegenteil unterstellen. Wahrscheinlicher ist, dass kaum ein Claußnitzer Protestierender den Namen Kubitscheks auch nur gehört hat – meine eigenen „Recherchen“ haben ergeben, dass man ihn nicht mal in unteren AfD-Kreisen im Jahre 2018 kennt. Dennoch zitiert Bednarz die „SZ“: „Man muss mehr Kubitschek lesen. Um besser vorauszusehen, was alles auf Deutschland zukommen kann.“ Gemeint sind mit diesem linken Geraune keine Busblockaden, das dürfte klar sein, sondern Bilder aus der Vergangenheit werden evoziert.

Nun, da man weiß, was die „wirklichen“ Ziele der „Neuen Rechten“ sind, kann man auch beginnen, sie „zu stellen“ – auch das beliebtes Vokabular. Der Kontext der Vokabel spricht für sich selbst: „Schläger und Mobs gehören der Polizei überantwortet, Redende muss man selbst stellen.“ Aber Redende, rechte zumindest, sind de facto „Schläger und Mob“ – rechtes Denken ist Gewalt mit anderen Mitteln… wir gehen vermutlich nicht zu weit, wenn wir die Gleichung zu Ende rechnen.

Auseinandersetzungen heißen also „stellen“, „ertappen“, „enttarnen“, „entlarven“. Die rechten Texte, das steht von vornherein fest, sagen nie, was sie sagen, sondern enthalten versteckt – wie eine Geheimsprache – düstere und sinistre Botschaften, die der aufgeklärte Leser auch zu entziffern vermag. Die Aufklärung kommt von Bednarz, Leo, Heitmeyer und anderen persönlich, auch wenn man im Wort auf den „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ setzt. Per Leo, der nun bei Bednarz zu Wort kommt, stellt die rhetorische Frage: „Ist es undenkbar, dass ich ein Buch schon nach kurzem Blättern enttäuscht zur Seite lege? Oder dass ich die Lektüre zwar abstoßend, aber informativ finde?“

Die eigentliche Frage ist aber diese: Ist es denkbar, dass ich ein Buch schon nach kurzem Blättern begeistert lese? Ist es denkbar, dass die Argumente überzeugen, dass Schrift und Realität plötzlich eine Einheit bilden? Dass die Worte in mir etwas anklingen lassen…? Das ist die linke Urangst, und deswegen der ganze Aufwand. Für Per Leo jedenfalls steht fest: Bücher aus dem Antaios-Verlag sind gefährlich, und Sarrazin gleich mit. Punkt. Egal welches, ganz gleich, welcher Autor, der Verlag macht‘s: „Sind Titel aus einem rechten Undergroundverlag wie Antaios gefährlicher als die Bestseller des SPD-Mitglieds Thilo Sarrazin?“ Eine graduelle Frage, wie zwischen Pest und Cholera.

Und einen letzten Kronzeugen holt Bednarz auch noch aus der Klischee-Kiste, diesmal von der „taz“, und der darf den „performativen Selbstwiderspruch“ – wie Caroline Sommerfeld es gerade beschrieb – in der Vereinnahmung aller Leser par excellence präsentieren: „Wer um Pluralität, um Diversität kämpfen will, ihren Erhalt und ihren Ausbau, kommt am Streit mit jenen, die politisch ganz anderes wollen, nicht vorbei. Ein Meinungskampf, der nur durch das Grundgesetz begrenzt wird, nicht durch den linken Mainstream ethisch-moralischer Maßstäbe. Tut man es nicht, könnten sich die Sarrazins und Jongens erfolgreich als Diskriminierte inszenieren. Das kann niemand wollen.“

Um Pluralität und Diversität kämpft nicht, wer anderen Stimmen Parität im Gesamtdiskurs zugesteht, sondern derjenige, der sie „argumentativ“ zum Schweigen bringt, sie stellt und entlarvt. Zur Diversität gehört also nicht die andere Meinung, sondern nur die Auseinandersetzung mit dieser. Diese seltsame Riposte ist möglich, weil es eine tatsächliche Auseinandersetzung bisher nicht gegeben hat, weshalb die jetzige neue Auseinandersetzung wie eine Bereicherung, also ein Plus, also gesteigerte Vielfalt wirken muss und man sie als „Diversität und Pluralität“ verbuchen kann. Der Gegenstand dieser hinzugewonnenen Pluralität – und ihr einziger Garant – bleibt noch immer außen vor.

Wirkliche Pluralität läge nur dann vor, wenn man die fremden Gegenstände unvoreingenommen akzeptierte und zwar nicht, weil man ihre Position schon zuvor abgewogen und für gut oder schlecht, diskussionswürdig oder nicht befunden hat, sondern weil sie ganz einfach Teil des Vielen, des Pluralen sind.

Und nebenbei wird – im obigen Zitat – gleich noch das Opfernarrativ bemüht, das es den Rechten verbietet, Opfer zu sein, vor allem dann, wenn sie tatsächlich Opfer waren, denn das sei eine alte Strategie der Rechten, sich als Opfer zu gerieren, wenn sie Opfer sind. Sie haben keine Stimme in den Medien, man redet nur über sie und nicht mit ihnen, sie werden auf Messen behindert und verschwiegen, man streicht ihnen Lokale und Konten, Versandhändler boykottieren die Bücher, sie werden physisch attackiert… geben sich aber als Opfer, wenn sie auf die Tatsächlichkeit des Opfers hinweisen. Zirkularität ist das Grundprinzip auch dieses Ausschlusses.

Im gesamten Beitrag der Liane Bednarz haben wir kein einziges Wort über die tatsächlichen Inhalte „rechten Denkens“ gehört, nur Urteile darüber, und die in vielfacher nahezu agitatorischer Wiederholung. Sie werden uns als „gefährlich“ dargestellt, so wie die Mutter das Kleinkind vor dem „bösen Mann“ warnt, ohne zu sagen, was das Böse sei. Es genügt, die Stimme zu senken und die Stirn zu runzeln, und das Kind wird Angst haben.

Neben der Angst, die vermutlich sogar authentisch ist – die Leute haben wirklich Angst vor den Rechten beziehungsweise vor dem, was sie sich selbst imaginieren – bedient man sich der Apriorität. Man muss keines der Bücher gelesen haben, man muss niemanden gesprochen haben, es steht von vornherein – also vor jeglicher Erfahrung – fest, dass sie Böses wollen. 40 Bücher allein in diesem Regal bezeugen das! Dies muss so sehr feststehen, dass ein eventueller Blick in eines der Bücher nichts anderes als eine Bestätigung der These erbringen kann. Es ist wie die Warnung vor dem Satanismus: Wenn du in diese Bücher schaust, dann hat dich der Teufel schon gepackt, oder die Warnung vor der Droge: Wenn du sie nimmst, wirst du abhängig. Du hast natürlich die Freiheit, das zu tun – Demokratie! Meinungsfreiheit! Ich bitte dich! –, aber wenn du es tust, bist du erstens verdächtig, zweitens gefährdet und drittens gefährlich! Und dumm musst du auch sein, zumindest wenn du nicht begreifst, was wir dir gesagt haben.

Auf dieser Basis funktioniert für Bednarz und ihresgleichen die Auseinandersetzung – noch nicht mal der Dialog! Der wäre zu gefährlich und böte den Rechten nur eine Bühne, und das sei doch alles, was sie wollten…

Und das hindert sie auch, die immer wieder neuen Gesprächsangebote anzunehmen: Gerade eben hatte Kubitschek seines – trotz schwieriger Situation – erneuert.

Liane Bednarz auf starke-meinungen.de: „Rechte Primärliteratur in Buchhandlungen – Die Debatte um ‚Lehmkuhl‘“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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