20. Dezember 2018

Sascha Lobo gegen Marx über „falsche Zweifel“ Im Teufelskreis der Propaganda

Liberale Demokratien brauchen Einigkeit

von Holger Finn

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Bildquelle: (cc) Tony Sojka I re:publica 2013 (CC BY-SA 2.0)/flickr Befürchtet eine Lähmung der gewählten Regierung durch „falsche Zweifel“: Sascha Lobo

Es treten fürwahr zwei Riesen gegeneinander an. Hier Sascha Lobo, 43, aus Westberlin, geborener Blogger, Buchautor, Journalist und Werbetexter. Und dort Karl Marx, 92 Jahre vor Lobos Geburt in London verstorbener Philosoph, Ökonom, Gesellschaftstheoretiker, politischer Journalist und Quasierfinder der Arbeiterbewegung. Lobo ist der mit dem Irokesenscheitel, immer in Arbeiterbewegungsrot. Marx der mit dem Vollbart und der Hippiemähne.

Zwei Männer, zwei Marxisten, zwei Sichtweisen auf eine Welt im Wandel: Schrieb Marx noch, dass an allem zu zweifeln sei, hat ihm Lobo jetzt entschieden widersprochen: „Falsche Zweifel“, so der digitale Bohemien, müssten davon ausgeschlossen sein.

Das folgt der Logik des Fernsehphilosophen Claus Kleber, der schon vor Jahren Hetzen, Hassen und Zweifeln in eine Schublade gesteckt und sie ins Nachtschränkchen von Alexander Gauland geschoben hatte. Wer es mit Marx hält und zweifelt, der ist ein unsicherer Kantonist, dem ist nicht zu trauen, denn niemand kann wissen, was er alles anzweifelt.

Unsichere Kantonisten

Die Schwerkraft? Die segensreichen Wirkungen der Migration? Die Erderwärmung? Die Auflagenzahlen des „Spiegel“, bei dem Lobo, dessen Name nicht etwa ein Künstlername ist, der sich von „Lobotomie“ hat inspirieren lassen, als sogenannter Kolumnist das Gnadenbrot der Nonkonformität verzehrt?

Das darf nicht, das kann nicht sein. „Falsche Zweifel“, wie sie Georg Friedrich Meier 1752 ‎in seiner „Vernunftlehre“ erstmals erwähnte, zeichnet nachholendes Wissen aus: Wer falsch gezweifelt hat, weiß danach, dass es so wahr. „Da alle unsere Erkenntnis entweder wahr oder falsch ist, so sind auch alle Zweifel entweder wahre Zweifel oder falsche Zweifel“, teilte Meier ein. Ein Zweifel werde „beantwortet oder aufgelöst“, er sei dann keiner mehr oder ein falscher gewesen.

Nach Marx kommt vor dieser Erkenntnis aber eben stets der Moment, in dem gezweifelt wird, ohne dass schon klar ist, ob sich das als falsch herausstellen wird. Nach Lobo etwas, das unbedingt vermieden werden muss, „das geneigte Publikum“ – der Irokese drückt sich gern aus wie ein sauerländischer Edelmann – falle „damit auf den wirkungsvollsten Trick der Propagandageschichte herein: Wer fordert: ‚Zweifeln Sie an allem!‘, der ignoriert nicht nur en passant die messbare Realität – er verhindert vor allem Zweifel am Absender dieser Botschaft selbst.“

Die Welt nicht verändern, sondern akzeptieren

Es kommt nicht darauf an, die Welt verschieden zu interpretieren oder sie zu verändern, es kommt darauf an, sie zu akzeptieren, wie sie ist. „Weil liberale Demokratien aber eine gewisse politische Einigkeit brauchen, um Kompromisse über das weitere Vorgehen zu erzielen, können weitverbreitete Verwirrung, falsche Zweifel und antidemokratisches Ressentiment gewählte Regierungen lähmen“, warnt Lobo vor einem „Teufelskreis der Propaganda“, der „Skepsis an der repräsentativen Demokratie schürt“.

Das Verbot, falsch zu zweifeln, ist deshalb im Grunde auch eines, Skepsis gegenüber der repräsentativen Demokratie zu hegen, nur weil die es schließlich auch gewesen ist, die 1914 die Kriegskredite bewilligte, Hitler später zum Reichskanzler wählte und neulich erst den Weg frei machte, verurteilten Terroristen die Staatsbürgerschaft und damit auch alle Rechte als EU-Bürger abzuerkennen.

Der Zweifel ist der Feind, sein Sohn ist die Skepsis. Beide gehören, so Lobo, wegen des Verdachts der Gesellschaftsgefährdung verbannt aus unserem Leben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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