19. November 2018

Wolfgang Wichmann vom ARD-„Faktenfinder“ über den Konflikt zwischen Fulbe und Berom in Nigeria Wie steigert man Heuchelei?

Ein neuer Twist in der Lügenspirale

von Michael Klein

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Bildquelle: BigNazik / Shutterstock.com Fake News: Schuld der sozialen Medien?

„Wegen Fake News sterben Menschen“, diese revolutionäre Erkenntnis hat Wolfgang Wichmann vom ARD-„Faktenfinder“ über seinen Beitrag gestellt. Wer sich dafür interessiert, was dem Konflikt, um den es in der Folge gehen wird, tatsächlich zugrunde liegt, der muss wie gewöhnlich englischsprachige Quellen zu Rate ziehen.

Der Gegenstand des Beitrags spielt in Nigeria und ist schnell erzählt. Die Fulani oder Fulbe sind in der Sahelzone und in Westafrika beheimatet. Rund 40 Millionen Fulbe gibt es, rund 15 Millionen davon leben in Nigeria. Die Fulbe sind meist Nomaden oder Halbnomaden, manche Fulbe leben auch in Städten. Die Berom sind eine autonome Volksgruppe, die mehrheitlich vom Ackerbau lebt und in Zentralnigeria beheimatet ist.

Konflikte zwischen Ackerbauern und Nomaden, zwischen Sesshaften und Fahrenden, ziehen sich durch die Geschichte der Menschheit. Wer einen kleinen Eindruck von Ursache und Häufigkeit der Konflikte bekommen will, der lese Leon Festingers „Archäologie des Fortschritts“ oder stelle eine Liste der heute noch vorhandenen Nomadenvölker zusammen.

So alt, wie der Konflikt zwischen Ackerbauern und Nomaden ist, so alt ist das boshafte in die Welt Setzen von Gerüchten, um anderen zu schaden. Wer aus einem Dorf kommt, der weiß um die lokalen Gerüchteküchen mit den entsprechend auf Ausschmückung von Fakten oder freies Erfinden spezialisierten Klatschbasen. Der Historiker Bev Newman beschreibt, dass diese Tradition mindestens bis ins Mittelalter zurückreicht und Frauen aus allen Schichten der Bevölkerung umfasst hat. Die Nutzung von Gerüchten, um anderen zu schaden, ist vermutlich so alt wie die Menschheit, und das in die Welt Setzen von Lügen, um ein eigenes Ziel zu erreichen, ist auch nicht neu.

Erinnert sich noch jemand an die bemerkenswerte Präsentation von Colin Powell, in der auf Basis gefälschter Daten, wie man heute weiß, im UN-Sicherheitsrat der angebliche Nachweis geführt wurde, dass der Irak „Massenvernichtungswaffen“ in großer Zahl hat? Vor allem Kinder sind ein häufig gewähltes Mittel, wenn es darum geht, Gerüchte in die Welt zu setzen. Werden Kinder zu Opfern gemacht, dann ist die Wirkung des entsprechenden Gerüchts gleich größer. Dass irakische Soldaten in kuwaitischen Krankenhäusern Frühgeborene aus ihren Brutkästen gerissen und haben sterben lassen, ist ein Gerücht, das tränenreich vor der Uno vorgetragen wurde. Es war eine Lüge, wie man heute weiß. Aber das Gerücht kippte die Stimmung der US-amerikanischen Öffentlichkeit, so dass ein militärisches Eingreifen der USA legitimiert wurde. Im Jahre 1750 gab es heftige Krawalle in Paris. Das ungeklärte Verschwinden von zahlreichen Kindern, ergänzt um das Gerücht, König Ludwig der XV. sei an Lepra erkrankt und lasse Kinder einsammeln, um in deren Blut baden zu können, war Anlass der Krawalle.

Fast Forward zu Wolfgang Wichmann, obwohl man sich fragt, ob Wichmann tatsächlich im 21. Jahrhundert lebt. In Nigeria gibt es einen blutigen Konflikt zwischen den Fulbe und den Berom. Mindestens 80 Berom werden bei Landstreitigkeiten getötet. Auf Facebook verbreiten sich Bilder von Opfern, darunter auch eines, das zeigt, wie ein Baby getötet wird. Diese Aufnahme war jedoch älter, stammte nicht vom aktuellen Vorfall, wurde also genutzt, um etwas, das tatsächlich stattgefunden hat, die Ermordung von Berom durch Fulbe, zu visualisieren. Wie gesagt, Kinderbilder sind immer gut geeignet, um Stimmung zu machen.

Wichmann berichtet, dass die Situation zwischen Fulbe und Berom nach dem Tod der 80 Berom sehr gespannt war. Er berichtet, dass die BBC einen Berom aufgetan hat, der sagt, er hätte, nachdem er das Video von dem getöteten Baby gesehen hat, am liebsten alle Fulbe in seiner Nähe umgebracht. Tatsächlich sind bei den Vergeltungsmaßnahmen circa elf Fulbe ums Leben gekommen.

„Wegen Fake News“, so schließt Wichmann aus den kargen Belegen, die ich hier zusammengetragen habe, „sterben Menschen“, und Facebook ist schuld. Das sagt auch die nigerianische Polizei, und wenn die nigerianische Polizei, die natürlich über jeden Verdacht von Korruption oder gar eigener Verbreitung von Fake News erhaben ist, das sagt, dann muss es stimmen.

Das ist moderner deutscher angeblicher Journalismus. Wilde Mutmaßungen werden so lange wiederholt, bis der mutmaßende mutmaßliche Journalist sie selbst glaubt, im Zuge dieses Prozesses erfolgreicher Selbstsuggestion wird so getan, als sei vollkommen ausgeschlossen, dass die Berom auf die Ermordung von 80 Angehörigen ihrer Volksgruppe durch die Fulbe reagiert hätten, wenn es nicht Facebook gäbe. Die Präsentation von einem empörten Berom, der am liebsten jeden Fulani in seiner Nähe aufgehängt hätte, als er die Bilder der getöteten Berom gesehen hat (ob das Bild des Babys darunter war, ist unklar), welche auch immer, führt zu dem Schluss, dass ein falsches Bild von einem getöteten Baby, das sich unter einer Vielzahl von anderen Bildern ungeklärten Status findet, zur Ermordung von elf Fulbe geführt hat, ohne dass klar ist, ob der zitierte Berom seine Absicht auch in die Tat umgesetzt hat. Kurz: Es ist ein so wildes Spekulieren, dass man um die geistige Klarheit von Wichmann ernsthaft besorgt sein muss.

Worum geht es, wenn öffentlich-rechtliche Schreiber alles an den Haaren herbeiziehen, dessen sie habhaft werden können, um soziale Netzwerke, hier Facebook, zu diskreditieren? Es geht sicher darum, dass sich in sozialen Netzwerken, in Blogs, Foren, auf Facebook und so weiter Formen des alternativen Informationsaustauschs gebildet haben, die von staatlichen und vor allem von öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht beeinflusst werden können. Es geht darum, den Verlust der Deutungshoheit, den die ARD mit Karl-Heinz Köpcke noch beanspruchen konnte, weil Köpcke bei einem von zwei Informationsmonopolisten beschäftigt und zudem sonor und vertrauenserweckend war, zu kompensieren. Es geht sicher darum, die alternativen Informationsnetzwerke zu diskreditieren, zum Beispiel durch eine einseitige Berichterstattung über Fake News, und so zu tun, als wären die alternativen Informationsnetzwerke der Anfang allen Übels. Und es geht darum, mit einer großen Kampagne den im Zusammenhang mit der Diskussion um die Lügenpresse verlorenen Boden zurückzugewinnen, quasi die Lügenpresse umzudefinieren.

Dass ich mit dieser Vermutung richtig liege, zeigt sich an einem Beitrag auf „Tichys Einblick“. Gehen wir kurz zurück nach Chemnitz, an den Tag nach der Ermordung von Daniel Hillig. Damals haben sich die gesammelten Hofberichterstatter Deutschlands der Behauptung von Angela Merkel und ihrem Pressesprecher Steffen Seibert angeschlossen, dass in Chemnitz Hetzjagden auf Ausländer stattgefunden hätten. Mit diesem Narrativ wurde eine Maschinerie in Gang gesetzt, die in der Mobilisierung von Claqueuren durch den Köder eines freien Konzerts endete. Zentral für diese Lügenspirale war ein Video, das eine der angeblichen Hetzjagden zeigt. Das Video wurde von „Antifa Zeckenbiss“ auf Twitter geteilt und fand von dort eine erstaunlich schnelle Verbreitung in den Netzwerken der öffentlich-rechtlichen Medien und der Bundesregierung.

Tichys Holger Douglas ist es nun gelungen, die beiden Chemnitzer ausfindig zu machen, die das Video gedreht haben. Aus ihrer Beschreibung der Umstände wird deutlich, dass es sich um alles, nur keine Hetzjagd gehandelt hat. Vielmehr ist das Narrativ der Hetzjagd frei erfunden. Es wurde bereitwillig aufgenommen, um davon abzulenken, dass ein Mensch von Asylbewerbern ermordet und zwei andere schwer verletzt wurden. Die Fake News der Hetzjagden wurde über einen leicht manipulier- und instrumentalisierbaren Gesinnungsmob so schnell auf die Straße und in die Medien getragen, dass der Tote und die beiden Schwerverletzten schlicht aus der Berichterstattung verschwunden sind.

Diese Inszenierung einer Fake Reality ist nach meiner Beobachtung alles andere als die erste ihrer Art. Die Vorgehensweise ist stets dieselbe, und stets verbreiten die öffentlich-rechtlichen und die Mainstream-Medien problemlos die Fake News, die im vorliegenden Fall, um einmal Wichmanns Argumentationsstrang aufzunehmen, die Bewohner einer ganzen Stadt zu Rechtsextremen erklärt hat. Nimmt man diese Realität und stellt den Salbader von Wichmann daneben, dann will man eigentlich nur noch Max Liebermann zitieren: „Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“

Dass Bundeskanzler Merkel keine Lust hat, den 40.000 Bürgern, die meine gemeinsam mit Werner J. Patzelt gestartete Petition unterschrieben haben, Auskunft darüber zu geben, auf welchen empirischen Fakten ihre Behauptung von Hetzjagden basiert, wird nun verständlich: Wer will schon gern bei einer Lüge ertappt werden.

„Tichys Einblick“: „Tichys Einblick fand die Herkunft des Chemnitz-Videos heraus“


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