20. Oktober 2018

„Vergessene Gesten“ von Alexander Pschera Nekrologe auf reizende Konventionen

Fortschritt hat seinen Preis

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: shutterstock Länger als einen Augenaufschlag: Einer Dame Feuer geben

Nun, da die Buchmesse vorüber ist, liegt es nahe, der einen und anderen Neuerscheinung, die mir dort in die Hände geriet, ein paar Worte zu widmen. Beginnen will ich mit Alexander Pscheras Buch „Vergessene Gesten“, einer Sammlung kurzer Nekrologe auf allerlei reizende Konventionen, die von der Furie des Verschwindens aus dem Alltag vertrieben werden oder bereits vertrieben worden sind. Zu solchen Gesten zählt der Autor beispielsweise: Gedichte auswendig lernen; einer Dame die Hand küssen; einen Stammtisch besuchen; Briefmarken ablösen; in die Pilze gehen; mit dem Bleistift in der Hand lesen; einen Diener machen; jemanden hinauskomplimentieren; etwas im Lexikon nachschlagen; sich eine Nelke ins Knopfloch stecken; einer Dame den Hof machen; in einem Séparée soupieren; zum Abschied mit dem Taschentuch winken; sich auf den Tod vorbereiten...

Pschera hat Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaften studiert, über Mörike promoviert, Bücher über Léon Bloy und Ernst Jünger geschrieben, das Vorwort zu seinem aktuellen Opus stammt von Martin Mosebach; damit sollte die darin herrschende Stimmung klar sein. Auf der Suche nach einer Schublade landen wir bei jener mit der Aufschrift „Konservative Kulturkritik“, wobei Teile auch unter „Stoizismus“ einsortiert werden könnten und für die alles durchwirkende verliebte Wehmut überhaupt keine Lade existiert. Es ist jedenfalls nicht schön, wenn schöne Dinge verschwinden. Zum Beispiel das besagte Souper im Séparée, weil es einfach kein Restaurant mehr gibt, in dem es stattfinden könnte. Ich war unlängst und seit Jahren einmal wieder während eines Hamburg-Besuchs in Cölln‘s Austernstuben, die jetzt „Cölln‘s Mutterland“ heißen (ungefähr wie das Westfalenstadion heute „Signal-Iduna-Park“ heißt), und auch dort sind die offenbar überholt vaterländischen Séparées verschwunden. Die Diskretion des abgeschlossenen Raumes, das ungestörte Unter-vier-Augen-Gespräch, ob mit dem Geschäftspartner oder der Herzensdame, die Frivolitäten im letzteren Fall – passé. Der heutige Restaurantbesucher will vor allem sehen und gesehen werden.

Sich separieren bedeutet: „Leise leben“ – so der Titel eines weiteren Kapitels – statt permanenter Selbstdarstellung und -vermarktung. Mit Pscheras Worten: „In seinem Büro den Arbeitsalltag sanft zu verdösen und sich auf den Feierabend zu freuen, an dem dann vielleicht Gedichte entstehen, die später, nach dem Tod des Autors, in die Weltliteratur eingehen – solch ein formidabler Lebensentwurf ist eine Unmöglichkeit geworden in einer Gesellschaft, die Träumen, Faulenzen und Versponnensein keine Bedeutung mehr zuerkennt.“ (Ich glaube, es war Nabokov, der die Möglichkeit erwog, dass dieser Kioskverkäufer dort vielleicht gerade am großen literarischen Werk seiner Epoche schreibe und wir nicht die geringste Ahnung davon besäßen...)

Nichts mag trostloser sein als ein Konservatismus, der das Überkommene nur aus unreflektierter Gewohnheit und Bequemlichkeit in Ehren hält und jede Entwicklung als solche ablehnt, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es solche Zeitgenossen wirklich gibt. Jeder Fortschritt hat einen Preis, und der lässt sich nicht nur in Dummköpfen berechnen, wie Don Nicolás spottete, sondern vor allem in ästhetischen Verlusten. Man muss sie freilich wahrnehmen (können). Wer vermisst die alte Klospülung, den nach der Betätigung geheimnisvoll und auch ein bisschen bedrohlich rauschenden Kasten weit oberhalb des Kopfes, an dem eine Schnur oder Kette mit zylindrischem Griff hing, der dazu diente, die Apparatur in Betrieb zu setzen? Pschera offenkundig schon: „Diese Kettenreaktion hatte etwas ungemein Befriedigendes an sich, weil sie auf einfacher, einsichtiger Physik beruhte. Man sah, was geschah, und war so Herr der Elemente.“

Eine Weltsekunde lang war oder ist auch deren Herr, wer einer Dame Feuer gibt: Ihr dankbarer Augenaufschlag „kann durchaus eine Aufforderung sein, den Augenblick zu verlängern, die bergende Hand nicht zurückzuziehen. Die bloße Mechanik der Feuererzeugung hebt sich in einem Moment des Glücks selbst auf. Aber auch als reine Geste der Nonchalance verbindet uns die Flamme, die unversehens gelbweiß aus der Faust züngelt, mit den Göttern und unserem mythischen Ursprung. Das kalte Glimmen der E-Zigarette hat keinerlei solche Kraft. Der Elektroraucher mag zwar gesünder und länger leben, aber er ist transzendental obdachlos und dadurch fundamental einsam.“

Das führt uns zum nahezu ausgestorbenen Antichambrieren, der in Vorzimmern zelebrierten Kunst der Geduld bis zu jenem Augenblick, da endlich der ersehnte Kontakt mit dem bedeutenden Menschen zustandekommt – wahrscheinlich sind heutzutage nur noch Sopranistinnen, die unbedingt eine Rolle wollen und den Dirigenten in seinem Hotel abzupassen suchen, zu solchen Ausharrensleistungen fähig. Pschera: „Das moderne Ich verlangt dort, wo es auftaucht, sofort und abstrichslos bedient, behandelt und gehört zu werden. Wahrscheinlich scheitern deswegen auch so viele Ehen. Denn bis man zum Innersten des Partners vorgelassen wird, ist meist jahrzehntelanges Antichambrieren notwendig.“

Ein Kapitel ist von aphoristischer Knappheit – „Eine gute Partie machen: Um die betrüblich hohe Scheidungsquote zu senken, wäre es hilfreich, sich wieder auf die finanziellen Aspekte einer Eheschließung zu besinnen“ –, ein anderes versucht, jenen Zeitgenossen, die das Praktisch-Hygienische übers Ästhetische stellen, ins Gewissen zu reden, indem es die Konvention, in fremden Häusern die Schuhe anzulassen, einfordert: „Wird man, was immer häufiger passiert, genötigt, in fremden Häusern aus Reinlichkeitsgründen seine Schuhe auszuziehen, so ist das für stilbewusste Menschen schlimmer als Nacktbaden. Es gleicht einer gewaltsamen Entblößung.“

Zu den vergessenen Konventionen rechnet der Autor auch das „Sich selbst gehören“, denn „das Sich-selbst-Verlieren in den Strukturen des Allgemeinen und der Technik“, an Heideggers „Man“, sei kein autonomer Akt mehr, sondern „eine schleichende Erosion von Identität. Es ist die langsame Durchtaktung der eigenen Existenz mit der Idee des Allgemeinen. Es ist Verlust von Würde und, damit zusammenhängend, von Stil.“

Alexander Pschera: „Vergessene Gesten“ (amazon.de)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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