12. Oktober 2018

„Hitler-Eklat“ und Plagiatsvorwürfe gegen den AfD-Vorsitzenden Gauland, Hitler, Huntington

Die Rückkehr der Davos-Kultur

von Holger Finn

Artikelbild
Bildquelle: Copyright World Economic Forum (www.weforum.org), swiss-image.ch/Photo by Photo by Peter Lauth (CC BY-SA 2.0)/Wikimedia Commons Samuel P. Huntington (1927-2008): Gaulands Stichwortgeber?

Gauland hat von Hitler abgeschrieben und damit sein wahres Gesicht gezeigt, oder aber nur vom „Tagesspiegel“, der natürlich nicht vom Hitler geklaut hat, sondern leitmediale Qualität produziert, bei der der Hitlersound nur erdfarben mitschwingt, weil beide Texter viele Jahre in Berlin verbracht haben, wenn auch nicht gemeinsam.

Oder war es doch Samuel P. Huntington, der Historiker mit dem „Kampf der Kulturen“, an den sich Ältere noch erinnern? In seinem Buch „The Clash of Civilizations“ stellte der Harvard-Professor 1996 die These auf, dass sich der Begriff der „universalen Kultur“, der heute unausgesprochen im Mittelpunkt des Streits um den Widerspruch zwischen „globalisierter Klasse“ – bei Gauland „globalistische“ – und lokal zurückgebliebenen Abgehängten steht, auf Annahmen, Werte und Doktrinen bezieht, die von „Menschen im westlichen Kulturkreis und von manchen Menschen in anderen Kulturkreisen vertreten werden“, die Huntington die Angehörigen einer „Davos-Kultur“ nennt.

„Davos-Kultur“, weil sich im schweizerischen Bergort jedes Jahr „etwa tausend“ – inzwischen sind es mehr als 3.000 – „Wirtschaftsfachleute, Bankiers, Regierungsvertreter, Intellektuelle und Journalisten“ zum Weltwirtschaftsforum treffen. Ein Gipfel der Elite, denn, so Huntington, „fast alle diese Leute haben einen akademischen Abschluss in einem natur‑, sozial –, wirtschafts- oder rechtswissenschaftlichen Fach, gehen mit Worten und/oder Zahlen um, sprechen ziemlich fließend Englisch, sind in Behörden, Unternehmen oder akademischen Einrichtungen mit ausgedehntem internationalem Engagement tätig und reisen häufig ins Ausland“. Gemeinsam sei ihnen „der Glaube an Individualismus, Marktwirtschaft und politische Demokratie, der auch unter Menschen der westlichen Kultur verbreitet ist“.

Damit kontrollierten die „Davos-Leute“, so schrieb Huntington vor 22 Jahren, „praktisch alle internationalen Institutionen, viele Regierungen und einen Gutteil des wirtschaftlichen und militärischen Potenzials der Welt“. Die Davos-Kultur sei daher ungeheuer wichtig und bedeutsam, in ihr interagierten die Entscheidungsträger, abgeschirmt hinter einem Kordon aus Zäunen, Armeeeinheiten und Polizeikontrollen, unerreichbar für den in der Regel linken Protest gegen Entscheidungen, die „von einem Prozent der Menschheit undemokratisch und intransparent über die restlichen 99 Prozent“ getroffen würden, wie Anfang des Jahres hier. Und abgekoppelt von demokratischen Prozessen.

Samuel P. Huntington fragte seinerzeit schon, wie viele Menschen weltweit wirklich Teil dieser Kultur seien. Und antwortete sich: „Außerhalb des Westens wird sie wahrscheinlich von kaum 50 Millionen Menschen oder einem Prozent der Weltbevölkerung anerkannt, vielleicht sogar nur von einem Zehntelprozent der Weltbevölkerung.“

Sie sei damit „weit davon entfernt, eine universale Kultur zu sein, und die Führer, die die Davos-Kultur vertreten, haben nicht unbedingt einen festen Zugriff auf die Macht in ihrer jeweiligen Gesellschaft“. Und diese „gemeinsame intellektuelle Kultur existiert“, zitiert er den australischen Politikwissenschaftler Hedley Bull, „nur auf der Ebene der Eliten: Ihre Wurzeln reichen in vielen Gesellschaften nicht tief, und es ist fraglich, ob sie selbst auf der diplomatischen Ebene das umfasst, was gemeinsame moralische Kultur genannt worden ist, ein System gemeinsamer Werte im Unterschied zu einer gemeinsamen intellektuellen Kultur.“

Der „Tagesspiegel“ plagiiert das 2016 mit der Beschreibung einer „wachsenden Gruppe global orientierter Menschen“, vertreten in jedem Land dieser Erde und gut vernetzt. Diese neue globalisierte Klasse sitze in den Medien, in den Startups und NGOs, in den Parteien, und weil sie die Informationen kontrolliere, gebe sie „überall kulturell und politisch den Takt vor“. Gauland sieht das ebenso und lässt diese „globalisierte Klasse in den international agierenden Unternehmen, in Organisationen wie der UN, in den Medien, Startups, Universitäten, NGOs, Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten“ sitzen, „und weil sie die Informationen kontrolliert, gibt sie kulturell und politisch den Takt vor“.

Das Ergebnis beschrieb Huntington 1996 im Weltmaßstab: Ausgerechnet die Hegemonie des Westens bei der globalen Kommunikation sei es, die „populistische Politiker“ in nichtwestlichen Gesellschaften dazu ermutige, „den westlichen Kulturimperialismus anzuprangern und ihr Publikum zur Sicherung des Überlebens und der Integrität ihrer einheimischen Kultur aufzurufen“. Das Ausmaß, in dem die globale Kommunikation vom Westen beherrscht werde, sei daher „eine wesentliche Quelle des Ressentiments und der Feindseligkeit nichtwestlicher Völker gegen den Westen“.

Wie im Großen, so im Kleinen: Gauland hat, egal ob er seinen „FAZ“-Text inspiriert von Samuel P. Huntington selbst geschrieben oder vom von Huntington inspirierten „Tagesspiegel“-Aufsatz übernommen oder doch bei Hitler abgeschrieben hat, ein geradezu absurd lautes Echo erzeugt, das Huntington recht gibt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Mediales

Mehr von Holger Finn

Über Holger Finn

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige