24. September 2018

Umfrage von Infratest dimap über die Beliebtheit von Prominenten Kaum jemand ist stolz auf Merkel!

Die „Welt“ stürmt die Manipulationscharts

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Schon wegen des Zeitdrucks manipulativ: Telefonumfrage

Die „Welt“ vermeldet stolz: „Die Deutschen sind stolz auf ihre Politiker“. „Die Deutschen“ sind hier 1.047 von Infratest dimap telefonisch Befragte. Eine offene Frage, selten genug in der Meinungsforschung, so dass man schon hier skeptisch werden muss, hat Infratest dimap im Auftrag der „Welt am Sonntag“ 1.047 telefonisch Befragten im Fest- und Mobilfunknetz gestellt.

„Welche Deutschen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Kultur“ fallen Ihnen ein, „auf die man wegen ihrer Bedeutung in Vergangenheit und Gegenwart besonders stolz sein“ kann? Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Zug, Ihr Smartphone klingelt, und jemand stellt Ihnen diese Frage. Woran denken Sie noch, außer dass Sie diesen Befrager so schnell wie möglich wieder loswerden wollen? Doch verlassen wir diese Stippvisite in die Befragungswirklichkeit und wenden uns wieder den phantastischen Welten zu, wie sie Politikredakteure in Deutschland, hier Matthias Kamann von der „Welt“ bewohnen: „Für keine Persönlichkeit der deutschen Geschichte und Gegenwart empfinden die Deutschen mehr Stolz als für Bundeskanzlerin Angela Merkel.“

Wie viele Brownie-Punkte bekommt man wohl als Politikredakteur für diese Meisterleistung in rektaler Anbiederung? Denn: Die Aussage ist so falsch, wie sie nur sein kann. Niemand hat „die Deutschen“ nach ihrer Stolz-Hitliste gefragt. Niemand hat sie gefragt, wo sie Merkel im Vergleich zu anderen Deutschen, Politikern oder Wissenschaftlern, einordnen. Stattdessen wurden die 1.047 Befragten, die natürlich auch nicht „die Deutschen“ sind, mit der Aufforderung überfallen, schnell Namen zu produzieren, Namen von Personen „aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Kultur“, „auf die man wegen ihrer Bedeutung in Vergangenheit und Gegenwart besonders stolz sein“ könne. „Namen“ im Plural ist hier von „besonderer“ Bedeutung, denn die Überfallenen 1.047 mussten drei Angaben machen, drei Namen nennen. Stellen Sie sich vor, Sie werden am Telefon mit der Frage überfallen, die ich oben zitiert habe. Stellen Sie sich nun vor, Sie lebten in der Zeit von Konrad Adenauer oder von Helmut Schmidt. Wie viele Nennungen wären wohl für beide zusammengekommen? Jeweils 16 Prozent?

Damit sind wir beim Thema Manipulation, das ich dieses Mal mit der Frage einläute, was hier eigentlich gemessen wird. Gemessen wird: Salience – Präsenz im Kurzzeitgedächtnis. Wer sich einer hohen medialen Aufmerksamkeit erfreut, wie Merkel das mit Sicherheit tut, der hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, genannt zu werden. Und ein Politiker, der hohe mediale Sichtbarkeit zeigt, hat eine noch höhere Wahrscheinlichkeit, das stellen die Reihenfolge und die Länge der Frage sicher.

Machen Sie den Selbsttest. Lassen Sie sich unvorhergesehen anrufen und fragen: „Welche Deutschen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Kultur“ fallen Ihnen ein, „auf die man wegen ihrer Bedeutung in Vergangenheit und Gegenwart besonders stolz sein“ kann. Bis der Befrager am Ende seiner Frage angelangt ist, haben Sie vom Anfang nur noch Politik und Wirtschaft, vielleicht, wenn Sie sportbegeistert sind, auch noch den Sport in Erinnerung. Deshalb ist es kein Wunder, dass 49 Prozent der Nennungen auf Politiker entfallen. Die Frage ist so gestellt, die Stimuli sind so angeordnet, dass sichergestellt ist, dass bevorzugt Politiker genannt werden.

Hätte Infratest dimap mit der Frage nicht manipulieren wollen, sie hätte gelautet: „Auf welche drei Personen des öffentlichen Lebens aus der deutschen Gegenwart oder Vergangenheit sind Sie besonders stolz?“ Die Meinungsforscher haben eine andere Frage gestellt. Sie werden ihre Gründe dafür gehabt haben. Offensichtliche Gründe. Manipulative Gründe, an die man sofort denkt, wenn man hört, dass ein Meinungsforschungsinstitut eine offene Frage gestellt hat, also eine Frage, zu der keine Antwortvorgaben gemacht werden.

Offene Fragen sind besonders zugänglich für jede Form der Suggestion, wie man sie im vorliegenden Beispiel in zwei Stufen findet, einmal durch den primären Stimulus „aus Politik…“, einmal durch die überfallartige Form der Befragung am Telefon, die eine Antwort unter Zeitdruck erfordert und zur Konsequenz hat, dass die Befragten den beziehungsweise die Namen nennen, denen sie unmittelbar zuvor in den Medien oder in einem Gespräch begegnet sind. Was Infratest damit gemessen hat, weiß ich nicht, aber ich halte jede Wette, dass das Ergebnis von Infratest nicht unter kontrollierten Bedingungen repliziert werden kann.

Gemessen am Ausmaß der Suggestion, die telefonisch Befragte zunächst in Richtung Politiker und dann in Richtung aktuelle Politiker (Salience) leiten soll, ist es jedoch in hohem Maße erstaunlich, dass gerade einmal 16 Prozent der Einzelnennungen auf Merkel entfallen. Insbesondere wenn man bedenkt, dass der dritte Manipulationsstimulus dahingehend wirken muss, dass Personen der aktuellen Zeitgeschichte eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, genannt zu werden. Das wird durch die Formulierung „wegen ihrer Bedeutung in Vergangenheit und Gegenwart“ sichergestellt. Wie verstehen Sie diese Formulierung? Als Aufforderung, eine Person zu nennen, die für sie in Vergangenheit und Gegenwart Bedeutung hat, also seit einigen Jahren im öffentlichen Leben steht, zum Beispiel letztes Jahr und in diesem Jahr oder vor zehn Jahren und in diesem Jahr? Manipulation gelungen. Hätte Infratest dieses Missverständnis ausschließen wollen, das Institut hätte formuliert: „wegen ihrer Bedeutung in Vergangenheit oder Gegenwart”. Das hat es nicht. Warum wohl nicht?

Trotz aller Manipulation entfallen nur 16 Prozent aller Einzelnennungen auf Merkel. Das ist armselig, vor allem wenn man bedenkt, dass jeder Befragte drei Namen nennen konnte. Damit ist eine dreifache Chance für Merkel, genannt zu werden, verbunden. Dass Sie es dennoch auf nur 16 Prozent der Einzelnennungen gebracht hat, ist sehr bescheiden. So wie das gesamte Ergebnis für aktuelle Politiker ein Armutszeugnis ist. Trotz aller Manipulation und Suggestion in der Frage bleiben sie hinter Helmut Schmidt, Willy Brandt und selbst Helmut Kohl zurück. Kurz: Die Infratest-dimap-Frage ist so gestellt, dass Politiker eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, genannt zu werden, dass aktuelle Politiker, die schon länger in der Öffentlichkeit stehen, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, genannt zu werden, und dass Personen, die in der Berichterstattung von Medien häufiger vorkommen, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, genannt zu werden.

Und aus diesem Junk konstruiert Matthias Kamann dann: „Die Deutschen sind stolz auf ihre Politiker, wobei Kanzlerin Merkel an der Spitze liegt.“ Eine bemerkenswerte Leistung von durch Kenntnis und Überlegung ungetrübte Phantasie, die die Frage provoziert, ob man bei der „Welt“, die die Umfrage über ihre Sonntagsausgabe finanziert und in Auftrag gegeben hat, bestimmte Interpretationen bereitliegen hatte und nur noch eine Umfrage gesucht hat, deren Befragte man als Basis der eigenen Manipulationsabsicht missbrauchen konnte.

Die Art und Weise, in der Meinungsforschung benutzt wird, um Stimmung zu machen, um zu manipulieren, um Befragte zu missbrauchen und vorzuführen, lässt eigentlich nur die Konsequenz zu, vor einer Teilnahme bei Umfragen von in diesem Fall Infratest dimap zu warnen – sofern man nicht missbraucht werden will.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Science Files“.


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