14. September 2018

Medien richtig lesen Immer locker und flockig bleiben

Nach einer Weile „geschieht“ etwas

von Udo Geißler

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Bildquelle: Magic Eye 1 (CC BY 2.0)/flickr Mit dem richtigen Blick im Medienrauschen den Räuber erkennen: Magisches 3D-Bild

Anfang der 90er Jahre ging bei einer Familienfeier ein Buch mit „magischen Bildern“ herum, in denen sich jeweils verschiedene Motive verbargen. Der Clou war hierbei, dass die versteckten 3D-Effekte ganz ohne Brille herausgefunden werden konnten. Wer es nämlich durch unterschiedliche Methoden des Sehens vermochte, die unglaublichen 3D-Darstellungen aus den wirren Farbmustern herauszulösen, staunte nicht schlecht. Einige versuchten sogar mit dem Finger, in diese phantastischen 3D-Welten hinein zu tippen, die sich aus den Seiten herauskristallisierten. Bald hatte es die ganze Familie geschafft; nur ich bekam keinen „Durchblick“ und konnte deswegen mit der allgemeinen Begeisterung auch gar nichts anfangen. Dabei versuchte ich wirklich alles und zog mich sogar entnervt in ein stilles Zimmer zurück. Es brachte alles nichts; ich erntete nur Spott und bekam zur Krönung noch den Tipp, ich solle doch mal „locker und flockig“ bleiben, alles Weitere würde sich von ganz allein ergeben. Das tat es aber nicht; im Vergleich zu meinen Lieben, die locker-flockig als Wildschnee umherwirbelten, fühlte ich mich eher wie ein tiefgefrorener Eiszapfen.

Es dauerte ein paar Jahre, bis ich zufällig wieder auf jenes Büchlein stieß. Und obwohl ich es gar nicht darauf anlegte, „geschah“ etwas nach einer kurzen Betrachtung der Titelseite! Erst verschwammen die Farben etwas und gingen ineinander über, dann bildete sich aus diesem Mischmasch tatsächlich ein kleiner dreidimensionaler Abschnitt heraus und übertrug sich plötzlich auf das ganze Bild. Und jetzt, da meine Augen richtig „eingestellt“ waren, blätterte ich Seite für Seite um und konnte die ganzen Motive ziemlich schnell erkennen.

Diese Methode des Ausblendenkönnens von Vordergründigem, um Verborgenes zu erkennen, erfreut sich heute – dem Vernehmen nach – wieder größerer Beliebtheit. Nur braucht es dafür keine bebilderten Bücher mehr mit versteckten Motiven, dafür nur etwas Erfahrung mit den Medien. Eine ständig wachsende Zahl von Menschen berichtet davon, dass ihnen dies täglich beim Zeitunglesen oder Nachrichtenschauen widerfährt; es sei jedoch am Anfang nicht ganz einfach, mit dieser neuen Klarheit und vor allem mit den daraus resultierenden Erkenntnissen umzugehen. Die Betroffenen schildern überaus glaubhaft, wie sie mittlerweile „locker-flockig“ durch Geschriebenes oder Gezeigtes hindurchschauen und jedes ablenkende Grundrauschen vollständig ausschalten können. Ein erstes Anzeichen für diese Art des Durchblickens ist ihrer Beobachtung nach eine seltsame Vermischung und Verwirbelung von ganzen Zeilen oder Abschnitten auf einer Zeitungsseite. Später verschwimmen die ganzen Klebers, Slomkas und Miosgas auf der Mattscheibe. Wer diese sich nun weiter auflösen und letzten Endes sogar mit ihrer Studioumgebung ganz und gar verschmelzen sieht, dem soll sich augenblicklich eine ganz eigene Welt erschließen, aus der es kein Zurück mehr gibt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf politkarikatur.de.


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