11. September 2018

Privates und Öffentliches Zukunftshorizont Klowand

Wer das Notwendige haben darf, kann Großes schaffen

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock.com Der letzte Ort der Intimität: Das stille Örtchen

Wer etwas auf sich hält, grenzt sich ab. Oder weiß zumindest, was das Wort „Abgrenzung“ zu bedeuten hat: das Distanz-Schaffen (bestenfalls unüberbrückbar) zwischen sich selbst und etwas als negativ Empfundenem. Politiker, Pädagogen, Kultur-Erzeugende, Medien und die ganze Therapie-Industrie werden nicht müde, das Lob des Sich-Abgrenzens zu singen. Mehr noch, seine Pflicht zu predigen. Schüler sollen sich von Lehrern abgrenzen und von Mitschülern, Ehepartner voneinander und überhaupt von der ganzen Familie, Arbeitnehmer von Kollegen und Chefs. Dass gleichzeitig und ohne dass der Widerspruch schmerzt von denselben Leuten Grenzüberschreitungen von einer Groteske, die, wenn nicht zutiefst erschreckt, so zumindest belustigt (Landesgrenzen, Kultur-Grenzen, wissenschaftliche Grenzen, und so weiter), zu Pflicht und Programm erhoben werden, fällt nicht weiter auf.

Was de facto propagiert wird, ist also zweierlei: Erstens die Trennung und damit Spaltung dessen, was natürlich, bewährterweise und meist freiwillig sich zusammentut, zweitens das Zusammenführen von Dingen, Kategorien und Menschen, die natürlicherweise in den meisten Fällen nicht zusammenfinden würden. Was in all dieser Welt- und Menschen-erneuernden Gestaltungsrhetorik nicht stattfindet, ist jene Grenze und ihre sukzessive Verschiebung, die sowohl über das eine wie über das andere entscheidet und die unsere Zukunft bestimmen wird beziehungsweise längst bestimmt hat: die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem.

Privat war zur Zeit der Generation meiner Großeltern das, was in den eigenen vier Wänden geschah. Essen, schlafen, zur Toilette gehen. Der innerste Kern dieses Privaten war das Intime. Ob das Wort überhaupt bekannt war, weiß ich nicht. Dass es zu intim war, um es im Mund zu führen, allerdings schon. Die Vorstellung, dass meine Großmutter das Wort „Intimsphäre“ ausspricht, ist schlicht unmöglich.

Man kann also sagen, dass privat jener Lebensbereich der Menschen war, der den Rahmen um das zum Leben Nötige bildete. Nicht ein Ort der Freiheit also, sondern der Ort, der die Basis zur Möglichkeit von Freiheit bildete. Keinem wäre es in den Sinn gekommen, sich über das, was er in seinen vier Wänden tat – besser: tun musste –, zu definieren. Es war notwendig. Punkt. Individualität fand ihren Ausdruck weder in dem, was der Mensch aß, noch in der Art und Frequenz seines Stuhlgangs.

Die Möglichkeit zur Individualität, dazu, Großes zu schaffen, fand sich demnach konsequenterweise außerhalb des Privaten. Beruf, Engagement in Vereinen, Karitas, Gemeindepolitik – dort gestalteten die Menschen Gegenwart und Zukunft der Gemeinschaft. Und dort war es auch, wo Individualität entstand, wo Menschen sich im Wettbewerb unterschieden, sich also in einem positiven Sinn abgrenzten und so Bedeutung erlangten und Sinn fanden und stifteten.

Dieser Ort des Öffentlichen gilt heute nach wie vor als öffentlich mit dem Unterschied, dass der private Mensch sich halb daraus zurückgezogen hat, halb daraus verdrängt wurde. Vom Staat. Der Bereich, wo Menschen einst die eigene Zukunft gestalteten, ist delegiert worden an Professionelle. Die Menschen zogen sich in der Folge zurück in das Private und traten den Versuch an, Sinn und Ziel des Lebens im „Innerhalb“ zu schaffen und zu finden. Der Versuch war von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Man braucht kein Jünger Pascals zu sein, um zu wissen, dass Großes nur im Außerhalb entsteht. Dort, wo einer es schafft, sich von sich selber freizumachen. Und dass das endlose und immer kleinere Aufsplittern des sich selbst betrachtenden Ichs unter dem Deckmantel der Befreiung des Individuums dazu führt, dass der Mensch zerfällt.

Um dem Dilemma aus dem Weg zu gehen, um Bedeutung zu schaffen, wo im Grunde nur Notwendigkeit war, wurde das Private an die Öffentlichkeit gezerrt. Alles wurde nach und nach öffentlich verhandelbar und musste einzig aus diesem Grund auch öffentlich verhandelt werden. Wer sich dagegen stemmte, nicht über die eigene Sexualität, die Gesundheit, die Handicaps oder Lebensgewohnheiten sprechen wollte, galt und gilt als Spießer und verklemmt.

Da stehen wir heute. Wieviel Alkohol ich trinke, wieviel Salz ich in meine Suppe gebe, ob ich rauche und wieviel, mit wem ich ins Bett gehe, wie oft und als was, und vor allem wer schuld ist an der ganzen Misere, die ich mein Leben nenne – das sind die Bereiche, wo ein Großteil der Menschen heute Individualität, Grenzen, Bedeutung und Sinn sucht. Befindlichkeiten, Benachteiligungen, Betroffenheit. Intimität gibt’s nur noch auf dem Scheißhaus – pardon!

In einer solchen gesellschaftlichen Wirklichkeit, wo jeder in sich selbst eingeschlossen ist, sind Worte wie „Solidarität“, „Gemeinschaft“, „Nation“, „Kultur“, „Tradition“, „Patriotismus“ leer, mehr noch: ein Hohn. Was kann man tun? Hören wir auf, uns selber und das Schwache anzubeten. Seien wir vielmehr dankbar. Denn Tatsache ist, dass, wenn einer das Notwendige – ein Dach über dem Kopf, jeden Tag einen vollen Teller – haben darf, er jederzeit den Versuch antreten kann, Großes zu schaffen, Sinn zu finden, ein Ziel zu erreichen. Für sich selber und für andere. Sich hinter modischen Parolen verschanzen und in Wahrheit nur „So gut wie möglich leben“ wollen, reicht nicht. Es ist Haustierniveau.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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