31. August 2018

Studie von Leif Kramp und Stephan Weichert über „Hasskommentare im Netz“ Blödsinn in Anglizismen ist auch Blödsinn

Wie Rundfunkgebührenzahler geschröpft werden

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Damit Peter seine Suppe isst: Medien und ihre Nutzer (Abbildung ähnlich)

Ich zitiere aus „Hasskommentare im Netz. Steuerungsstrategien für Redaktionen“ von Leif Kramp und Stephan Weichert: „Im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW wurde das Diskussionsverhalten der Nutzerinnen und Nutzer führender Nachrichtenmarken im Netz und deren konkrete Moderationsstrategien untersucht. Analysiert wurden die redaktionellen Webseiten beziehungsweise jeweils ein Social-Media-Auftritt von Deutschlandfunk Kultur, ‚RP Online‘, RTL und tagesschau.de. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses stand die Frage, wie journalistische Medien in Interaktion mit ihrem Publikum durch gezielte Strategien und redaktionelle Steuerungsmechanismen (unter anderem Moderation, Community Management, Audience Engagement, Löschpraktiken) Nutzerdiskurse konstruktiv begleiten und ausufernde Debatten regulieren können.“ Die Armseligkeit der Wirklichkeit.

Ich mute dem Leser das einfach einmal ungefiltert zu. „Die wachsenden Anforderungen an Audience Engagement, Community Development und Plattform Management“ erfordern ein stabiles Nervenkostüm, weil „Hassrede, Hetze, Extremismus, Verunglimpfung und Ausgrenzung“, haben wir was vergessen?, wenig Raum gegeben werden soll auf Plattformen von Medien. Was also machen mit Nutzerkommentaren? „Wie schützen sich Community-Managerinnen und -Manager vor verbaler Gewalt? Sollen Trolle gesperrt, ihre Kommentare gelöscht werden?“

Diese wirklich wichtigen, ja Fragen of Life and Death, Leif Kramp und Stephan Weichert haben sie untersucht. Geklotzt, nicht gekleckert haben sie, schließlich hat die Landesanstalt für Medien NRW den Unfug bezahlt: Qualitative Redaktionsbefragung mit zwölf Experten (für was auch immer), Analyse von 8.500 Nutzerkommentaren zu journalistischen Beiträgen auf Facebook und den redaktionellen Nachrichten-Websites, Erprobung bei „RP Online“, ja, das war richtig viel Aufwand und bestimmt sehr teuer, für die Gebührenzahler, die die Landesanstalt für Medien NRW finanzieren.

Angesichts des großen Aufwands wirken die Befunde eher so, als hätte man eine Armada aufgefahren, um ein Tretboot an der Weiterfahrt zu hindern: Die Redaktionen moderieren so gut wie nicht – das ist wohl das Ergebnis der Experteninterviews. Bei Redaktionen, die kommentieren, sorgen Algorithmen dafür, dass die entsprechenden Kommentare höher gerankt werden. Das erklärt manches, über das sich einige gewundert haben. Der Vorwurf der Lügenpresse ist häufig zu finden. Ein Drittel der Kommentare hat einen thematischen Bezug, was auch immer die Autoren darunter verstehen. Wenige Nutzer sind für viele Kommentare verantwortlich. Fast alle Kommentare werden am Tag der Veröffentlichung gepostet.

Diese erstaunlichen Erkenntnisse, die jeder Nutzer des Internets durch eine halbe Stunde Beobachtung im Kommentarbereich der „Zeit“ oder der „Rheinischen Post“ machen kann, sind also das Ergebnis der von der Landesanstalt für Medien NRW in Auftrag gegebenen vermeintlichen Analyse des Diskussionsverhaltens von Kommentatoren bei den führenden Nachrichtenmarken Deutschlandfunk Kultur, „RP Online“, RTL und tagesschau.de.

Angesichts dieser Armseligkeit der Ergebnisse muss ich eigentlich das methodische Trauerspiel, das hier Analyse geworden sein will, gar nicht mehr auseinandernehmen und nicht darauf hinweisen, dass die Auswahl der Beiträge, zu denen Kommentare analysiert wurden, nach unbekannten Kriterien erfolgt ist. Dass deshalb keine Aussagen darüber gemacht werden können, welchen Gehalt die Ergebnisse haben, armselig, wie sie sind. Dass aus diesem Grund keinerlei Grundlage für Empfehlungen oder Ratschläge vorhanden ist und sowieso die Vergleichsgruppe der Diskussionen zu nicht politischen Themen fehlt… Und natürlich weiß auch niemand, was nun gerade den Herren Kramp und Weichert als Hate Speech aufstößt. Eine entsprechende Operationalisierung sucht man umsonst. Willkür at its best.

Was macht man als Marketer, wenn man Kunden einen Fusel als grandiosen Gaumengenuss aufschwätzen will? Man erklärt ihn zum Premier Cru Exquisite Chateau Néant de la Mirage. Fremdsprachen eignen sich nach Ansicht von Verkaufsstrategen besonders gut, um denen, die Naivität und Dummheit in besonders effektiver Weise in ihrem Geist kombinieren, eine Blechkrone als Tiara aufzuschwätzen. Bei der Landesmedienanstalt NRW hat diese Strategie gewirkt. Und ich lasse es mir nicht nehmen, das infantile Geschwätz, das sich auf den 30 mit Sicherheit zu gut bezahlten Seiten findet, wiederzugeben, zur Erbauung der Leser. Die „Steuerungsstrategien für Redaktionen“ zum Genießen: Links das Etikett, rechts der Inhalt.

„Punishment“: Kommentatoren bei der Polizei verpfeifen

„Counter-Speech“: Versuch, mit Kommentatoren kognitiv mitzuhalten

„Deconstructing“: Versuch, Kommentatoren kognitiv zu zerlegen

„Blocking / Deleting“: Kommentatoren sperren; Kommentare löschen

„Ignorance“: Kommentatoren ignorieren

„Ironization“: Versuch, sich über Kommentatoren lustig zu machen

„Understanding“: Sich als großer Bruder der Kommentatoren inszenieren

„Dialogizing“: Zwischen Kommentatoren vermitteln

„Solidarization“: Sich mit ausgewählten Kommentatoren gemein machen

„Embracing“: Bestimmte Kommentatoren bevorzugen.

Das also sind die Strategien, die Kramp und Weichert getestet haben, um Hate Speech in Kommentarspalten von Medien zu bekämpfen.

Ich habe auch einen Test gemacht, im Kindergarten. Peter will seine Suppe nicht essen, weil sie ihm nicht schmeckt.

„Punishment“: Wenn du deine Suppe nicht isst, bekommst du keinen Pudding.

„Counter-Speech“: Die Suppe schmeckt gar nicht schlecht! Fakt!

„Deconstructing“: Deine Gründe, die Suppe nicht zu essen, sind durch die Fakten nicht gedeckt. Die Suppe ist gut!

„Blocking / Deleting“: Verlass‘ den Raum. Die bekommst keine Suppe mehr.

„Ignorance“: Eigentlich hat Peter seine Suppe ja gegessen.

„Ironization“: Wer keine Suppe isst, wählt auch AfD.

„Understanding“: Als ich so klein war wie Du, habe ich auch keine Suppe gemocht. Ich musste sie dennoch essen und schau, was aus mir geworden ist.

„Dialogizing“: Wenn alle die, die die Suppe mögen, die Hälfte von Peters Suppe essen, dann bekommen wir den Teller leer.

„Solidarization“: Klaus ist ein guter Junge. Er hat seine Suppe gegessen.

„Embracing“: Weil Klaus seine Suppe gegessen hat, bekommt er zwei Portionen Pudding.

Nun, da ich diese Strategien zum Dis- und Empowerment, die Kramp und Weichert in langen Analysen aus ihren umfangreichen Daten extrahiert haben, am Beispiel eines Kindergartens getestet habe, bin ich doch der Ansicht, dass diese Strategien genau das sind, was in deutschen Redaktionsräumen fehlt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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