30. August 2018

Ein Lob des freiwilligen „Müssens“ Der Hass der Emanzipierer auf die Selbstverpflichtung

Je stärker und freier das Individuum, desto schwächer die Obrigkeit

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Zu nichts verpflichtet: Der neue Mensch

Als Selbständige im Bereich Public Relations aß ich fast täglich in Restaurants. Das Motto damals: „Kohlenhydrate sind was für Schwächlinge.“ Der Grund war denkbar einfach: Entgegen hardcore-feministischen Parolen, wonach tamponfreies Bluten Kunst und rosa Pussy-Mützen ein Zeichen von Aufklärung sind, spielt Aussehen im Geschäft sehr wohl eine Rolle. Schmierige Haare, fettige Gesichter, unkontrollierte Körperbehaarung und 100 Kilogramm Lebendgewicht sind kein Alleinstellungsmerkmal, wenn man als Kunden nicht nur das Sozialamt gewinnen will. Ich als Gut- und Gerne-Esser hatte also ein Interesse, mich zurückzuhalten. Heute gilt ein anderes Motto: „Kohlenhydrate sind Sicherheit.“ Der Grund ist budgetärer Natur, da ich mich für ein Einkommen entschieden habe, das unter der Besteuerungsgrenze liegt. Kurz: Ich habe mich nach offizieller Lesart für „Armut“ entschieden als Schutz vor dem Zugriff des Staats auf meine Lebenszeit und Lebensleistung. Gemeinsam ist beiden Situationen, dass es Selbstverpflichtungen sind. Selbstauferlegtes „Müssen“, das Disziplin erfordert.

Behörden, Schulen, Medien und staatlich alimentierte Lobbys versuchen nun seit Jahren, jedwedes Müssen in den Dreck zu ziehen. Müssen ist Zwang, sagen sie. Zwang ist wider die Emanzipation des Menschen. Alles, was wider die Emanzipation des Menschen geht, ist des Teufels. Sprechen sie von Zwangsehen, die hierzulande gerade ein Revival feiern? Von Leibeigenschaft oder Sklaverei? Von Frauen, die schwarz- und vollverschleiert eine Existenz als Objekt der Ehre ihres Mannes fristen? Von Kindern, für die, ihrer Selbstzweckhaftigkeit gewaltsam beraubt, der Hass auf Anders- oder Ungläubige Pflicht zu sein hat?

Nein – sie sprechen von einer anderen Art Zwang. Dass ein größer werdender Teil unserer Gesellschaften dank Willkommens-Schwachsinn gerade wieder in die zeitgeschichtliche Epoche der Macheten-Kommunikation abdriftet, berührt sie bestenfalls am Rande. Was ihnen so verhasst ist, sind Zwänge, die der Mensch sich selbst auferlegt. Zwänge, die das Individuum stark machen und befreien von einer trieb- und gefühlsgesteuerten Salatschleuder-Existenz. Es ist der Versuch, dem Kantschen „Ich kann, weil ich will, was ich muss“ dass Müssen zu entziehen und das Wollen zu kastrieren, um das Können zu verhindern. Denn Wollen, dem kein Tun folgt, bleibt im Grunde ein Wünschen. Im Wünschen verharren bedeutet Nicht-Können, ein Leben auf Kinderkrippenniveau: Abhängig, betreut, geführt und ausgestattet mit dem Horizont einer Knollenfrucht.

Denn Wollen allein reicht nicht. Es bleibt leer und bedeutungslos, wenn ihm kein den definierten Zielen entsprechendes Tun folgt. Das fordert Disziplin. Die Überwindung von Gefühlen, Trieben und Befindlichkeiten. Und das ist es, was heute unter dem Schlagwort der Emanzipation bekämpft wird. Dem Menschen soll das selbstgewählte Müssen von klein und jung an ausgetrieben werden. Denn es gilt, was schon immer galt: Je stärker und freier das Individuum, desto schwächer die Obrigkeit. Und je schwächer und gemüsiger der Mensch, desto größer und totaler der Staat.

Du willst der Beste in der Schule sein, an die Uni und durchs Studium ohne Aufwand? Kein Problem, wir holen das Niveau so lange runter, bis jeder es „schaffen“ kann. Sie wollen trotz null Erfahrung und ohne einen Beweis für Ihr Engagement erbracht zu haben, denselben Lohn wie Ihr männlicher Kollege, der bereits seit fünf Jahren in der Firma ist? Kein Problem, wir zwingen die Unternehmen zu Lohngleichheit. Du willst keinen Aufwand für dein Aussehen betreiben, behaart, beleibt und naturtrüb durchs Leben schaukeln und dafür bewundert und gelobt werden und jeden Job kriegen? Kein Problem – wir fahren unsere PR-Maschinerie so lange gegen sogenannte Schönheitsideale auf und denunzieren jeden, der ihnen nacheifert, derart brutal, bis du die Schönste bist und dir alle Türen offen stehen. Du hast keinen Bock mehr auf den Erzeuger deiner Kinder? Kein Problem – verlass ihn, zieh aus, such dir einen anderen. Wir stehen mit Leistungen für Alleinerziehende bei Fuß. Kurz: Sag uns, wo der Schuh drückt, und wir schaffen dir eine Opfergruppe, die es zu „schützen“ gilt. Das Einzige, was du dabei zu tun hast, ist die Intensivpflege einer Aura der Benachteiligung und des Beleidigtseins – das ist der neue Erfolg, das ist dein Passierschein zu leistungsfreien Bezugsrechten dessen, was wir zu verteilen haben. Das ist Emanzipation.

In Wahrheit hat es nichts mit Emanzipation oder Befreiung zu tun. Es ist die alte Bestrebung der Schaffung eines „neuen“ Menschen, der in seinen Wünschen und Zielen nicht mehr ist als ein beliebiger und über seine Triebe und Emotionen beliebig formbarer Zellklumpen. Ein narzisstisches Empathie-unfähiges und im Materiellen gefangener Konsum-Zombie.

Wie lobe ich mir da die Freiheit des guten alten sauberen Deals. Die Freiheit des Deals mit sich selber und des Deals mit anderen. Wo einer allein oder mit anderen sich hinsetzt und die Situation analysiert, verbindliche Ziele definiert, ein Tun, und Maßnahmen zur laufenden Überprüfung von Budget und Zielerreichung. Solches Sich-Verpflichten schafft Sicherheit, Wachstum und Reife. Wo ein freiwilliger verbindlicher Handel abgeschlossen wird, ist man nicht persönlichen Befindlichkeiten ausgeliefert, sondern kann sich auch bei fragwürdiger Gefühlslage auf das freiwillig eingegangene Müssen berufen und verlassen. Es überbrückt, trägt und überwindet jede Befindlichkeit. Im Geschäft ebenso wie in Liebesbeziehungen und Familien. Und es befreit vom Staat.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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