27. August 2018

Rauschgift und Korruption auf dem Schwarzen Kontinent Gerd Müllers Besuch bei Afrikas Drogenbaronen

Die Händler haben den Markt der Zukunft entdeckt

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock Der Markt der Zukunft: Drogen in Afrika

Der Handel mit illegalen Drogen hat in West- und Ostafrika zugenommen. Terroristen in der Sahelzone nutzen den Drogenhandel zur Finanzierung ihrer Aktivitäten. Afrika ist aufgrund seiner geographischen Lage zwischen Südamerika und Europa Ziel internationaler Drogenkartelle geworden. In den letzten Jahren haben laut UNODC (United Nations Office on Drugs and Crime) die Lufttransporte zugenommen. Immer häufiger würden dazu zweimotorige Flugzeuge, meist aus Venezuela kommend, auf verlassenen oder improvisierten Pisten in Nordmali, Guinea-Bissau und anderen Gegenden Westafrikas landen oder ihre Fracht aus niedriger Flughöhe abwerfen, wo einheimische „Mitarbeiter“ die Ladung in Empfang nehmen.

Wichtige Knotenpunkte auf den Schmuggelrouten bilden Länder wie Gambia, Guinea-Bissau, Guinea, Mali, Sierra Leone, Ghana, Togo, Benin, Nigeria. Diese Länder sind die Basis für den Transit, die Lagerung und die Verteilung von Drogen aus Südamerika für den Weitertransport nach Europa („Highway 10“). Das Kilo Kokain kostet in Südamerika circa 4.000 Dollar und wird in Europa zehn bis zwölf Mal teurer verkauft. Ein Viertel des europäischen Verbrauchs kommt über diese Region.

In Westafrika, dort wo das Kokain aus Südamerika zunächst ankommt, finden die internationalen Drogenbanden ideale Bedingungen vor. Die Länder sind ein perfekter Nährboden für den illegalen Drogenhandel. Die zerbrechlichen Staaten können mit ihren schlecht funktionierenden Behörden kaum wirksame Arbeit im Kampf gegen den Drogenhandel leisten. Fast kein Land verfügt über eine effiziente Küstenwache. Zudem stecken – wie im Falle Guinea-Bissaus – häufig ranghohe Militärs tief im Kokaingeschäft.

Pierre Lapaque vom UNODC in Westafrika schätzt, dass weltweit mehr als 400 Milliarden Euro mit dem illegalen Kokainhandel umgesetzt werden. Dabei nehmen die afrikanischen Staaten als Transitzonen einen immer wichtigeren Teil in der langen Kette des organisierten Drogenverbrechens ein. Zunehmend geraten die Länder der Region durch den massiven Anstieg der Drogenkriminalität unter Druck.

Das organisierte Drogenverbrechen als Zukunftsbranche

In Guinea-Bissau und Mali sind staatliche Strukturen nahezu zusammengebrochen. Die Folgen sind Korruption, Gewaltverbrechen und blutige Kriege. Doch Pierre Lapaque sieht für die Zukunft des afrikanischen Kontinents eine noch größere Gefahr. Er geht davon aus, dass Afrika nicht nur Drehscheibe und Transitregion für die internationalen Drogenhändler bleibt, sondern dass die Zukunft für das organisierte Drogenverbrechen in Afrika liegt. Als Grund dafür nennt er die stark wachsende Bevölkerung.

Aus der am 2. Juli 2018 von der Global Initiative Against Transnational Organized Crime veröffentlichten Studie „The heroin coast“ zitiert Thilo Thielke in der „FAZ“ vom 1. August 2018: „Immer mehr Heroin wird von den Mohnfeldern Afghanistans nach Ostafrika geschmuggelt, um dort nach Europa verschifft zu werden.“ Thilo Thielke sprach mit Peter Gastrow, einem ehemaligen Parlamentarier aus Südafrika und Mitautor der Studie.

Gastrow berichtete Thielke, dass sich etliche Häfen unter der Kontrolle von kriminellen Banden befänden, und nicht nur Drogen würden über sie transportiert, auch Elfenbein und Tropenholz. In Afrika fänden die Banditen ein nahezu ideales Betätigungsfeld vor: Viele Polizisten und Politiker würden sich kaufen lassen, die Grenzen seien nahezu ungeschützt, in weiten Teilen herrsche das Gesetz des Stärkeren. In Mosambik könnten sich die Ganoven ganz auf die sozialistische Frelimo-Regierung verlassen. Dort werde der Drogenhandel von höchster Stelle gefördert. Das einzige ostafrikanische Land, in dem Drogenschmuggler derzeit ernsthafte Probleme zu befürchten hätten, sei Tansania. Dort herrscht seit 2015 John Magufuli, ein Mann, der sich „Bulldozer“ nennt und sowohl der Korruption als auch dem Drogenhandel den Krieg „mit voller Kraft und ohne Angst und jedwede Rücksichtnahme“ erklärt hat.

Anlässlich des Besuchs von Entwicklungsminister Gerd Müller am 26. August 2018 in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo erinnerte Thilo Thielke in der „FAZ“ vom Vortag (25. August 2018) in dem Beitrag „Pleitegeier aus Maputo“ daran, dass das „Land trotz seines Reichtums an Bodenschätzen kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps steht. 2016 ist bekannt geworden, dass die Regierung rund 2,3 Milliarden Dollar veruntreut hat. Das unter anderem von der Credit Suisse und der russischen VTB-Bank geliehene Geld war an halbstaatliche Firmen ausgezahlt worden, um davon eine Fischfangflotte, maritime Rüstungsgüter und Polizeiausrüstung zu erwerben. Nichts davon wurde angeschafft.“

Das Geld verschwand, so schreibt Thielke, in den Taschen korrupter Politiker, die den Internationalen Währungsfonds (IWF) jahrelang über die Staatsschulden belogen hätten... „Nach Recherchen des britischen Mosambik-Experten Joseph Hanlon, der von Gastrow befragt wurde, hatte der ehemalige Staatspräsident Joaquim Chissano, der das Land von 1986 bis 2005 regierte, zu seiner Zeit als Frelimo-Sicherheitschef das Drogennetz aufgebaut. Mittlerweile existiert laut Gastrow ‚ein Elite-Pakt zwischen Händlern und Frelimo-Leuten, der bis in die obersten Kreise reicht‘. So sei einer der obersten Drogenbarone des Landes Frelimos ‚ausgewiesener Wirtschaftsvertreter‘ Momade Rassul Abdul Rahim. Gastrow schreibt: ‚Er kann sich auf Protektion von höchster Stelle verlassen.‘“Thielkes Resümee: „Das Land ist korrupt bis ins Mark.“

Afrika als Markt entdeckt

Warum Minister Müller ausgerechnet dieses Land besucht, dessen Haupteinnahmequelle mittlerweile der Heroinhandel ist, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht will er weitere Millionen versprechen. Maputo erhielt 2016 und 2017 fast 90 Millionen Euro aus Deutschland.

Bisher hatten die Staaten keinen Handlungsdruck, da sich viele Länder als Transitländer nicht wirklich von der Drogenproblematik betroffen fühlten. Das hat sich geändert, auch Afrika bekommt zunehmend ein Drogenproblem. Die Zahl der Drogensüchtigen liegt in Westafrika mittlerweile bei bis zu drei Millionen.

Hier zeigt sich, dass auch die Transitländer zunehmend mit Drogenmissbrauch in der Bevölkerung zu kämpfen haben. Die erwähnte Studie geht von 55.000 Menschen aus, die sich in Kenia Heroin spritzen (Tansania 32.000 und Südafrika rund 75.000). Heute leben in Afrika circa 1,3 Milliarden Menschen, in 25 Jahren werden es etwa doppelt so viele sein. Zudem ist die Hälfte der Bevölkerung unter 25 Jahre alt, das bedeutet, sie sind potenzielle Drogenkonsumenten. In Zukunft könnte aus der Transitzone Afrika zusätzlich der größte Absatzmarkt für Drogen weltweit werden.

Ein schwerwiegendes Problem ist die Beteiligung von hochrangigen Offiziellen an Drogengeschäften, darunter Vertreter der Sicherheitsorgane und Gerichte. Auf eine Verbesserung der Situation, die in Afrika schon viel Leid heraufbeschworen hat, darf deshalb nicht gehofft werden. Vielmehr wird die Drogenproblematik den Kontinent auch in Zukunft vor schier unlösbare Aufgaben stellen.

Der „World Drug Report“, der jährlich vom Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung in Wien (UNODC) herausgegeben wird, sagt 2018 deutlich, dass die Händler Afrika als zusätzlichen Markt entdeckt haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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