19. August 2018

Aktionsplan von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier zum Ausbau des Stromnetzes Batterien für Billiarden

Sonne in der Sackgasse

von Holger Finn

Artikelbild
Bildquelle: Alexandros Michailidis / Shutterstock.com Lässt sich nicht aufhalten: Peter Altmaier

Peter Altmaier ist ein mutiger Mann. Wo immer ihn die Kanzlerin braucht, dorthin eilt der voluminöse Experte für alles: Altmaier war schon Kanzleramts- und Verteidigungsminister, Umweltminister, Flüchtlingskoordinator, oberster Geheimdienstaufseher und Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Bundestag. Ein Typ, der erfunden werden müsste, gäbe es ihn noch nicht: Wie sein ebenso multitalentiertes SPD-Pendant Andrea Nahles besteht Altmaier zu hundert Prozent aus Sekundärtugenden, er ist schmerzfrei, kennt keine Scham und würde für die Frau, die an ihm festhält, so ziemlich alles tun.

Exekutierung der Energiewende

Als oberster Verantwortlicher für die Exekutierung der stockenden „Energiewende“ reiste Peter Altmaier nun also an die „Orte des Widerstandes“, dorthin, wo Menschen noch das Einsehen fehlt, dass ein 70 Meter hoher und 24 Stunden am Tag tieftönig brummender Stromtrassenmast in Rufweite des eigenen Gartens ein Preis ist, den jedermann gern zahlt, wenn er damit Deutschlands desaströse Klimabilanz retten kann.

Das ist bitter nötig, denn dem Ziel der Energiewende, bis 2050 den Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch auf 80 Prozent zu steigern, den Primärenergieverbrauch im selben Zeitraum verglichen mit dem Jahr 2008 um 50 Prozent zu senken und den Treibhausgasausstoß sogar um 80 bis 95 Prozent zu reduzieren, ist die Klimaschutznation Deutschland schon seit Jahren nicht mehr näher, weil es, so die offizielle Erklärung, an Möglichkeiten fehlt, den im Norden „erzeugten“ (dpa) Strom zu den großen Verbrauchszentren im Süden zu transportieren.

150 Kilo Aktionsplan

Das 2009 verabschiedete „Energieleitungsausbaugesetz“, nach dem neue „Stromtrassen“ (dpa) von 1.800 Kilometern Länge gebaut werden sollten, hat bis heute erst 800 neue Kilometer gebracht. Auch ein weiteres Stromtrassenbaubeschleunigungsgesetz von 2013, das 5.900 Kilometer Leitungen bringen sollte, war nicht erfolgreicher, sondern eher weniger erfolgreich: In fünf Jahren wurden 150 Kilometer Sonnenstromautobahn gebaut. Nun kommt Altmaier, 150 Kilogramm Aktionsplan Stromnetz, auf den dicken Lippen die Drohung, jetzt sei die Stunde der Wahrheit angebrochen. Und im Blick das Ziel, alles zu tun, um den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik irgendwann doch zu widerlegen. Mark Jacobson von der Stanford University hat da allerdings nicht viel Hoffnung. Aus der Sicht des Professors aus Kalifornien hängt der Erfolg des Energieausstiegs letztlich nicht an den Stromnetzen, sondern an der Speichertechnik. Das Problem der sogenannten Erneuerbaren, so Jacobson, sei nicht nur, dass sie nicht dort Strom produzieren, wo er gebraucht wird, sondern auch, dass sie oft dann produzieren, wenn er nicht gebraucht wird. Roger Andrews von Energy Matters hat das nachgerechnet und dabei am Beispiel des US-Bundesstaates Kalifornien vorausgesetzt, dass der gesamte Strombedarf von Bevölkerung, Industrie, Behörden und Militär über eine Periode von drei Tagen gespeichert werden muss, um Engpässe auszuschließen und die bei Erneuerbaren anfallenden Produktionsspitzen zu glätten.

Batterien für Billiarden

Nach Andrews Zahlen wäre das möglich, allerdings erforderte es die Installation von Batteriekapazitäten mit einem Volumen von 300 Gigawattstunden, was etwa 100 Milliarden Dollar kosten würde. Ein Schnäppchen, denn Stromangebot und ‑nachfrage, so Andrews, müssten letztlich nicht nur über einzelne Tage, sondern über ein ganzes Jahr geglättet werden, um Blackouts und Phasen der Unterversorgung auszuschließen.

Dazu notwendig wären dann Speicherkapazitäten von 25 Terawattstunden. Um diese allein für Kalifornien aufzubauen, müsste sich der Bundesstaat in einer astronomischen Größenordnung von über acht Billionen Dollar verschulden, wozu er natürlich niemals in der Lage wäre, vor allem wenn man bedenkt, dass die Batterien nach einigen Jahren immer wieder ersetzt werden müssen.

Deutschland ist fast so groß wie Kalifornien, und es hat doppelt so viele Einwohner wie der US-Bundesstaat. Es ist anzunehmen, dass die Kosten für die Sicherstellung einer stabilen Stromversorgung in einer ähnlichen Größenordnung liegen, wie der zweitgrößte Stromverbraucher der USA sie aufbringen müsste.

Es bräuchte komplette 25 deutsche Staatshaushalte, um diese Investition zu finanzieren. Oder einen Peter Altmaier, der die Verschwendung von überflüssigem Strom einfach verbietet.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Energieversorgung

Mehr von Holger Finn

Über Holger Finn

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige