22. Juli 2018

Karl-Marx-Jahr 2018 Der Kampf zwischen Geist und Materie

Wie wir den Marxismus im Zeitalter der Massenkommunikation überwinden

von Claudio Grass

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Bildquelle: shutterstock.com Längst widerlegt, aber immer noch verehrt: Karl Marx

Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant beschrieb eine geistige Seite, die für die menschliche Vernunft steht, da in seinen Augen die Wirklichkeit in radikaler Weise durch Erkenntnis und Denken bestimmt ist. Das ist es auch, was der französische Kollege René Descartes meinte, als er sprach: „Ich denke, also bin ich.“  Kant glaubte, dass der Mensch von Natur aus ein bewusstes und denkendes Wesen ist. Der menschliche Verstand und Geist sind die Mittel, mit denen das Individuum zur vernünftigen Schlussfolgerung gelangt. Die Fähigkeit, sich seines eigenen Verstandes, der eigenen geistigen Vernunft, zu bedienen, ist es, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Jeder Vater und jede Mutter kann bezeugen, dass das eigene Kind von Geburt an grundsätzlich zwischen Gut und Böse, richtig und falsch zu unterscheiden vermag, ohne dass man es ihm vorher beibringen musste. Empathie und Mitgefühl ist ein Wesensteil des Kindes von Anbeginn. Es ist die individuelle menschliche Vernunft, die uns Menschen in unserer Vielfalt eint. Deshalb lautet das Fazit für Kant, dass der Mensch im Wesentlichen ein mit Vernunft ausgestattetes Wesen ist und daher auf natürliche Art und Weise dem Guten zustrebt. Dass er aus freien Stücken versteht, nach der „Goldenen Regel“ zu streben, und es deshalb sinnvoll ist, sein Handeln danach auszurichten. 

Dies bedingt allerdings auch, dass der Mensch das unverhandelbare Eigentum an seinem Körper und Geist besitzt. Denn wenn ihm der Selbstbesitz nicht gestattet ist, gibt es in den Worten des Sozialphilosophen Hans-Hermann Hoppe lediglich zwei weitere Möglichkeiten: entweder die kommunistische eines universellen und gleichen Eigentums am anderen oder die mit Eigentum einer Gruppe an einer anderen, somit ein System der Herrschaft einer Klasse über eine andere. Einfach ausgedrückt steht diese Möglichkeit für die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Weitere Alternativen gibt es nicht.

Naturrecht und Privateigentum

Die Idealisten und darauf aufbauende Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie definieren Freiheit als die Abwesenheit von Verletzungen der Person oder des Eigentums eines Menschen durch einen anderen. Damit wird auch die fatale Verwechslung von Freiheit und Macht zu Grabe getragen. 

Der Ökonom Guido Hülsmann beschrieb dieses Phänomen wie folgt: „Was recht und unrecht ist, hängt nicht von der menschlichen Willkür ab, sondern bestimmt sich nach objektiven (natürlichen) Sachverhalten, die die menschliche Vernunft ergründen kann. Wenn ich beispielsweise einen Menschen, der mir nichts getan hat, ohne sein Einverständnis töte, so ist diese Handlung unrecht, und zwar völlig unabhängig davon, ob ich gerne hätte, dass sie recht sei. Ich mag alle anderen Menschen von der Richtigkeit meines Tuns überzeugen. Ich mag eine Abstimmung organisieren, in der mir alle beipflichten. Dennoch ist meine Tat unrecht. Sie ist unrecht, auch wenn alle Menschen meinen oder phantasieren, sie sei recht.“ 

Karl Marx und seine Anhänger hingegen behaupteten das genaue Gegenteil. Sie bestanden darauf, dass Materie den Geist erschafft und es deshalb nur den konstanten, beständigen und permanenten Klassenkampf erfordert, um den geschliffenen kommunistischen Menschen zu erschaffen zur Verwirklichung des von ihm erschaffenen Paradieses mit Namen „Utopia“. Nach Marx besteht die Welt, die objektive Realität, nur durch ihre materielle Existenz. Sie wird durch deren fortwährende Entwicklung erklärt, nicht durch die Realisierung einer göttlichen und liebenden allumfassenden Idee oder das Ergebnis rationalen menschlichen Denkens, wie es der Idealismus vorsah. Der materiellen Welt Grenzen zu geben, dem Umfeld, in dem Individuen leben, denken und handeln, äußere Regeln, Einschränkungen und Denkverbote aufzuerlegen, sollte daher ausreichen, um ihre kognitive Erfahrung zu formen und ihren Geist mit Hilfe „erwünschter“ Parameter einzuhegen.

Marktwirtschaft

Wir wissen seit langer Zeit, dass die Thesen von Marx in den Wirtschaftswissenschaften widerlegt wurden. Denn Marx steht für die Herrschaft des Proletariats und somit für die Zentralplanung, da er jegliche Form des Wettbewerbs verabscheut und deshalb konsequenterweise Privateigentum verbietet, das er als Wurzel allen Übels ablehnt. Die Vertreter der Österreichischen Schule gehörten zu denjenigen, die die staatliche Planung für falsch hielten und auch erklärten, warum diese niemals funktionieren kann und einzig zu Kapitalaufzehrung und Chaos führen muss. 

Ludwig von Mises erkannte, „dass das Fehlen von Marktpreisen – und daraus resultierenden Signalen –  zur permanenten Ressourcenvergeudung führt und damit zur unausweichlichen Verarmung der Gesellschaft“. Eine sinnvolle Kostenrechnung – das Vergleichen von Kosten und Erlösen – ist im Marxschen System per se unmöglich, da eine die Knappheit reflektierende und somit vernünftige Preisbildung für Verbrauchsgüter wie für Produktionsfaktoren nur in einem freien und arbeitsteiligen Markt zustandekommen kann. Nur auf dieser Basis lässt sich entdecken, welche Projekte oder Tätigkeiten wirtschaftlich sinnvoll sind. Fehlen die Preise, ist eine Planung zwangsläufig unmöglich. 

Dennoch erkennt derjenige, der bewusst durchs Leben geht, dass unsere heutigen politischen und wirtschaftlichen Systeme auf marxistischen Thesen aufbauen und der Einfluss von Marx leider über die vergangenen Jahrzehnte sogar markant angestiegen ist. 

Marx verabscheute natürliche Autorität, die Menschen zur freiwilligen Annahme eigener Vorschläge bewegt. Er ersetzte diese durch willkürliche Macht, also die Fähigkeit, den Menschen gegen ihren Willen etwas aufzuzwingen. Wie konnte es passieren, dass Marx nach wie vor derart großen Einfluss hat, obwohl er sich offensichtlich eines fragwürdigen Menschenbildes bedient und ein Wirtschaftssystem proklamiert, das falsch und, wie die Geschichte zeigt, bisher stets gescheitert ist? Eine Philosophie zudem, die zum Geburtshelfer einer Vielzahl von totalitären Regimen wurde, die unzählige Menschen das Leben kostete. Warum ist seine Anhängerschaft derart groß? Was macht Karl Marx für die Massen und insbesondere für die Eliten unserer Gesellschaftssysteme so attraktiv? 

Der Hass auf den Kapitalismus

Die Geschichte zeigt, dass der Marxismus entgegen seiner Behauptung niemals eine Bewegung des kleinen Mannes war. Im Gegenteil: Er war stets eine Bewegung von Intellektuellen aus der Oberschicht. Selbst Friedrich Engels war ein vermögender Fabrikantensohn, der zeitlebens Marx mit Geldern aus einem System finanzierte, das beide vernichten wollten. 

Bis zum heutigen Tag hat in keinem Land das Proletariat sich erhoben, geschweige denn eine Revolution entfacht. Bezeichnend dafür ist die Tatsache, dass der Hass gegen den Kapitalismus nicht in den Massen, nicht unter den Arbeitern, sondern unter den aristokratischen Grundbesitzern, dem Adel Englands und des europäischen Kontinents entstand. Sie gaben dem Kapitalismus die Schuld für eine Entwicklung, die nicht sehr angenehm für sie war. Die adeligen Grundbesitzer zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden durch die höheren Einkommen, die die Industriearbeiter erhielten, gezwungen, ihren Landarbeitern ebenfalls höhere Löhne zu zahlen. Die berüchtigte englische Speenhamland-Gesetzgebung von 1795 war die Antwort der Obrigkeit darauf. Die britische Regierung bezahlte all jenen Arbeitern, die nicht den von der Regierung festgesetzten Minimallohn erhielten, den Unterschied zwischen dem Lohn, den sie erhielten, und dem Minimallohn. Das ersparte dem Landadel die Belastung, höhere Löhne aus eigener Kasse zahlen zu müssen. 80 Jahre später finden wir dasselbe Muster bei den preußischen Junkern, die viele Arbeiter an die besser bezahlte Industrie verloren. Sie erfanden den Ausdruck der „Landflucht“ dafür. 

Marx traf in London 1849 ein, 100 Jahre nach Beginn der industriellen Revolution. Es war immer noch eine Zeit des Umbruchs und des Entstehens eines Gesellschaftsstandes, der „Bourgoisie“ als dem neuen Bürgertum. Aufgrund der explosionsartigen Verdoppelung der Bevölkerung seit 1800 waren die Straßen Londons voll mit Massen von Armen, die ein elendes Leben führten. Dennoch strömten die Menschen weiter vom Land in die Stadt, um dort in den Fabriken Arbeit zu finden und somit ihren Lebensstandard verbessern zu können. Inmitten dieses Elends sah Marx den Prunk und Luxus der industriellen Oberschicht mit ihren Villen und Herrenhäusern. Dieses Bild muss ihn geprägt haben, und die damals herrschenden schlechten Arbeitsbedingungen müssen ihn zum Schluss einer „Ausbeutung“ verleitet haben. Allerdings übersah er, dass England die Sklaverei 1807 abgeschafft hatte und somit die Wahl nun bei den Menschen lag. Er übersah, dass der Feudalismus in seiner Macht geschwächt wurde, da die Industrie zu mehr Wettbewerb beitrug und dies grundsätzlich neue Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten für die breite Masse kreierte. Er verstand nicht, dass die damit verbundene Dezentralisierung der bestehenden Machtstrukturen aufgrund neuer Ideen mit der Zeit gewaltige Errungenschaften schuf. Er vermochte nur die eine Seite der Medaille zu sehen. Er nahm nur den Unterschied der Klassen in dieser Übergangsperiode wahr und sah die Lösung im Klassenkampf. Er wollte nicht interpretieren, sondern verändern. Und so riss Marx die damalige Zeit aus den Zusammenhängen und veränderte dadurch die Geschichte. 

Marx versprach, nicht weniger als den Himmel auf Erden zu erschaffen, das Paradies durch Menschenhand geformt. Dabei ist der Wunsch, den Himmel auf Erden zu erschaffen, grundsätzlich ein hehres Ansinnen, das jedes Kind in seiner unschuldigen Naivität aus tiefem Herzen aussprechen würde, hätte es nur diesen einen Wunsch frei. Und genau dieser allergrößte Wunsch nach einem Leben in Frieden und Prosperität ist die Verheißung, die Marx macht. Doch der wundervollen Dinge nicht genug, er garantiert zudem Sicherheit im Tausch gegen Freiheit. Das süße Versprechen, ein Leben ohne Risiken zu führen im Austausch gegen die lästige Eigenverantwortung und individuelle Selbstbestimmung ist es, was Marx anzubieten hat. Es beruht allerdings auf dem Irrglauben an die vollständige Formbarkeit des Menschen – eingezwängt in ein Gedankengefängnis durch staatliche Zensur und propagandistische Gedankenlenkung in Form etwa der modernen politischen Korrektheit. Das Ergebnis ist die strategische Unterdrückung von Dissens mit dem Ziel der vollständigen Auslöschung des eigenständigen und unabhängigen Denkens des Einzelnen.

Dies sind denn auch genau die philosophischen Grundsätze, die bewusst oder unbewusst den Diktaturen des 20. Jahrhunderts zugrunde liegen. Marx bedient sich der Dialektik von Hegel, die er allerdings auf den Kopf stellt. Wie angedeutet wählt Marx eine Denkmethode, die die Welt nicht als starres Gebilde versteht, sondern als beständigen Prozess begreift. Es ist eine Welt in Gegensätzen (These und Antithese), die aufhört, sie selbst zu sein, und im gleichen Moment bereits eine neue wird (Synthese). Diese Art der materiellen Dialektik unterliegt dem Gedanken des konstanten „Teilens und Herrschens“ – der ältesten Machtstrategie seit Anbeginn der Zeit.  

Die Welt als Einheit in ihrer Vielfalt, der geistige Mensch als eigenständig denkendes und handelndes Individuum, als gesunde Einheit, ist Karl Marx unverständlich. Für ihn ist der Mensch die Summe seiner Erfahrungen, ein Geschöpf der Umwelt. Für Marx und seine Anhänger ist ein neugeborenes Kind nicht mehr als ein Stück Fleisch ohne Bewusstsein und ohne freien Willen. Man könne es formen, wie man will. 

Die geistige und die materielle Seite

Der Marxismus ist so erfolgreich, weil er in uns allen steckt. Er steht für die stete Versuchung des Menschen, für das Irrationale. Er steht für die Erfüllung im Materiellen und nicht im Geistigen. Er steht für das Tier in uns, das lustvolle, herrschsüchtige und machthungrige. Das Empathische, Mitfühlende, Göttliche dagegen ist dem Marxismus unbekannt, ja eine Fiktion. 

Die Auswüchse des Marxismus verleiten zu Narzissmus und zeugen einen der Empathie unfähigen Menschenschlag. Es ist die daraus resultierende Selbstüberschätzung, wonach sich manch einer aufgrund seiner „Weisheit“ befähigt sieht, an Stelle Gottes auf Erden zu schalten und zu walten. Wie die Geschichte zeigt, ist dieser Kampf der Materie über den Geist bis zum heutigen Tage die Ursache dafür, dass die Welt derart aus den Fugen geraten ist.

Die gute Nachricht: Wir leben im 21. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Kommunikation. Das Wissen dieser Welt ist heute frei abrufbar und das Kommunizieren miteinander auf globaler Ebene möglich. Wir sehen das immer stärkere Hinterfragen bestehender zentralistischer Gebilde mit dem Wunsch nach Ablösung und Sezession. Daraus resultierende Dezentralisierungen könnten endlich Freiräume entstehen lassen, in denen der Einzelne durch seine Vernunft das Recht und die Freiheit auf sein eigenes Leben wieder zurückerlangt.

Die Genesung, die Gesundung unserer Gesellschaft wird sich deshalb dort am stärksten zu erkennen geben, wo offene und freie Debatten und Gespräche geführt werden. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen, dass die Zahl der freien Geister steigt. Nun ist es von allergrößter Wichtigkeit, dass wir den Sinn der Worte Immanuel Kants verstehen, der sagte: „Dass ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich.“ Wirklich wünschenswert ist deshalb ein Wettbewerb der Ideen anstelle der Denkverbote des Marxismus, ein Wettbewerb also der wirklich großen  Geister wie Ludwig von Mises und Immanuel Kant, mit dem ich schließen möchte: „Sapere Aude – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv publizierten Beiträgen in der Aug./Sept.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 185.


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