06. Juli 2018

Untersuchung zur elektrischen Hirnstimulation gegen Aggressivität Neuzüchtung der Bürger

Stromstöße und Willfährigkeitswissenschaftler

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Auf Linie gebracht durch Hirnstimulation: Domestizierter Bürger

„Gene für Intelligenz gefunden!“ Die „Zeit“ hat es gerade erst vermeldet. Forscher haben Gene gefunden, von denen sie denken, sie hätten etwas mit Intelligenz zu tun. „Elektrische Hirnstimulation könnte zukünftig helfen, Gewaltverbrechen zu reduzieren“, so vermeldet der „Guardian“ die Ergebnisse einer Untersuchung von Olivia Choy, Adrian Raine und Roy H. Hamilton.

Wir haben ein Déjà-vu. Wir fühlen uns zunehmend mulmig mit einer Wissenschaft, die so bereitwillig denen, die gerne Herrscher sein wollen, Mittel zur Verfügung stellt, um andere zu beherrschen. Beispiele gefällig?

Degenerierte Ergebnisse aus sozialwissenschaftlichen Experimenten werden unter der Bezeichnung „Nudging“ an politische Möchtegern-Herrscher geliefert, um deren Bemühen, Menschen, die partout nicht richtig handeln wollen, also so, wie es den Möchtegern-Herrschern gerade gefällt, zum richtigen Verhalten zu leiten. Ärzte und die unter ihnen, die aus wenig Beobachtungen allgemeine Gesetze ableiten, über die Gesundheit von Menschen und was ihr besonders zu- beziehungsweise abträglich ist, und zwar ohne Ansehen der Person, sind zu Hilfstruppen derer avanciert, die den Volkskörper gesund erhalten wollen. Denn nur ein gesunder Bürger ist ein produktiver Bürger. Und davon abgesehen ist ein gesunder Bürger ein billiger Bürger, der in Gesundheitssysteme einzahlt, ohne die entsprechende Summe je wieder zu entnehmen, so dass man freiwerdende Mittel für politische Geschenke (Homosexuelle haben auch ein Recht auf In-vitro-Fertilisation, das von anderen finanziert werden muss oder Ähnliches) verwenden kann.

Viele Sozialwissenschaftler sind längst zur Propaganda- und Legitimationstruppe der Regierung verkommen, deren Aufgabe darin besteht, Maßnahmen, mit denen die Bürger zu richtig eingestellten Bürgern erzogen werden sollen, zu legitimieren und den Boden zu bereiten, damit staatliche Organisationen die Erziehung des zukünftigen Bürgers bereits im Säuglingsalter und in Kinderkrippen übernehmen können.

All diese Entwicklungen wären ohne die willfährige Beteiligung von Wissenschaftlern nicht möglich. Durch diese Entwicklung ist ein neuer Graben in Gesellschaften entstanden, der zwei Klassen von Menschen trennt: Jene, die sich anmaßen, andere zu erziehen, und deren Helfershelfer auf der einen Seite und jene, die zum Objekt der Erziehungsversuche, zum willenlosen Zellhaufen, den man nach Belieben nudgen, erziehen, gesund ernähren und leben lassen kann (oder auch nicht), erklärt werden.

Böse Zungen behaupten, die Herren- und die Untermenschen seien in neuem Gewand zurückgekehrt, aber das behaupten natürlich nur böse Zungen, die von Regierungsvasallen noch nicht zur richtigen Einstellung bekehrt werden konnten.

Die Freiheit, die Willensfreiheit von Bürgern, sie wird mit dieser Breitseite politisch korrekter Kanonade zur Farce. Wer von der Wiege bis zur Bahre gemanagt wird, dessen Willensfreiheit besteht nicht einmal mehr auf dem Papier. Er ist zum Spielball der Interessen anderer geworden. Und der Trick, dessen sich diese anderen bedienen, ist der alte Trick, dessen sie sich immer bedient haben: Es sei, so sagen sie dem armen Naiven, doch nur zu seinem Besten.

Und wenn etwas nur zum Besten von armen Menschen, die ohne den Willen leben, sich zum Besten zu verhalten, also zu dem Besten, was andere für sie zum Besten erklärt haben, erfolgt, dann kann man so ziemlich alles darunter einordnen.

So auch die oben berichtete Forschung von Choy, Raine und Hamilton, die den präfrontalen Cortex von Versuchspersonen stimulieren und der Ansicht sind, diese Stimulation habe dazu geführt, dass die Versuchspersonen weniger aggressiv seien als andere, deren präfrontaler Cortex nicht stimuliert wurde. Verkauft wird dieses Ergebnis als Mittel gegen Gewaltkriminalität.

Man fühlt sich unwillkürlich an die dunklen Zeiten der frühen Gefängnisse (die wurden erst in viktorianischer Zeit wirklich erfunden) erinnert, in denen Gefangene mit allerlei harten körperlichen Aufgaben in Laufrädern oder mit sonstigen Apparaturen, in Dunkelhaft oder mit sonstigen Methoden, die häufiger als nicht die Erlösung des kriminellen Sünders im Jenseits nach sich zogen, zum rechten Leben bekehrt werden sollten. Seither haben sich Versuche, Menschen, die wie stark auch immer von dem abweichen, was die jeweilige Gesellschaft gerade als normal ansieht, mit medizinischen Methoden zur Normalität zurück zu zwingen, vom Stromschlag bis zur Hormonbehandlung bei Homosexualität, der zum Beispiel Alan Turing zum Opfer gefallen ist, regelmäßig wiederholt.

Tatsächlich haben die drei Forscher, deren Forschung eine elektrische Stimulanz gegen Gewaltkriminalität bringen soll, Folgendes getan: Sie haben ihre 81 Testpersonen in zwei Gruppen geteilt. Eine Gruppe erhielt eine leichte Stromstimulation des präfrontalen Cortex, die andere nicht. Anschließend wurden allen Testpersonen Szenarien vorgelegt, in denen sich ein Akteur kriminell verhielt. Dann sollten die Testpersonen die Wahrscheinlichkeit einschätzen, dass sie sich so verhalten wie der Akteur, von dem sie gerade gelesen hatten. Und dann durften sie sich vorstellen, ihre negative Energie an eine Voodoo-Puppe übertragen zu können. Eine bis 51 virtuelle Stecknadeln konnten sie in die virtuelle Computerpuppe stecken. Je mehr Stecknadeln, desto mehr negative Energie wird übertragen, so die wirre Idee.

Die Forscher haben also keinerlei Messung von Verhalten. Sie haben mit Stromstimulation herumgespielt, Testpersonen mit Szenarien konfrontiert, deren Aggression, wie sie behaupten, gemessen und festgestellt: Die Stimulierten sind weniger aggressiv. Wirklich?

Die Skala der Aggressivität reicht von eins („gar nicht“) bis zehn („sehr“). Der Mittelwert für 81 Personen liegt bei 2,26. Wurde hier Aggressivität gemessen? Maximal 51 virtuelle Stecknadeln konnten Testpersonen in eine Computerpuppe stecken. Im Mittel sind es 3,91. Kann man hier von negativer Energie sprechen? Die angeblichen Forscher tun es. Sie interpretieren die bei ihren Testpersonen kaum vorhandene negative Energie und die noch seltenere Identifikation mit einem kriminellen Charakter als Aggression und finden doch tatsächlich einen Unterschied bei ihren 81 Testpersonen.

Diese Forschung ist nicht nur ein Beispiel für Junk-Science. Sie ist auch ein Beispiel dafür, wie systematisch No-go-areas von willfährigen Wissenschaftlern besetzt werden.

Ich gehöre zu denjenigen, die die Freiheit der Wissenschaft verteidigen. Deshalb sehe ich die derzeitige Entwicklung, die immer mehr vermeintliche Wissenschaftler ihre Erfüllung darin finden sieht, sich bei Regierungen als jemand anzudienen, der Fehler in seinen Mitmenschen zu korrigieren verspricht, mit großer Sorge. Längst sind große Teile der Wissenschaft zu reinen Zuarbeitsmanufakturen für politisch gewünschte Ergebnisse geworden.

Die Aggressivität, mit der manche unter diesen wissenschaftlichen Vasallen und ihre politischen Herren versuchen, das zu behandeln, was sie für Fehler in Einstellung und Handeln bei anderen Menschen, natürlich nicht bei sich selbst, ansehen, zeigt deutlich, wo diejenigen zu finden wären, die Stromstimulation benötigen würden, wäre auch nur ansatzweise der Hinweis erbracht, dass die von Choy, Raine und Hamilton fabrizierte Forschung etwas anderes ist als eine Phantasie in Korrelation.

Aber die Untersuchung von Choy, Raine und Hamilton ist exemplarisch. Sie ist ein gutes Beispiel für die Andienforschung, deren Ziel darin besteht, denen, die politisch herrschen wollen, zu gefallen, um als förderwürdig zu erscheinen, um sich dem Heer derer anzuschließen zu können, die Willfährigkeits-Forschung betreiben und ihren ganzen Wert daraus nehmen, dass sie Fehler bei anderen behandeln zu können glauben.

Die Domestizierung des Bürgers ist in vollem Gange. Die körperliche Integrität von Menschen wird wieder einmal dem „gesellschaftlichen Guten“ geopfert. Das letzte Mal führte der Versuch, die gesunde arische Rasse zu züchten, direkt in die Konzentrationslager der Nazis. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass die Versuche dieses Mal einen anderen Verlauf nehmen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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