04. Juli 2018

Die Kanzlerin bleibt im Amt Das Merkel-Mysterium

Sie ist nicht von dieser Welt

von Jörg Seidel

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Bildquelle: pi__vit / Shutterstock.com Ohne sie gäbe es keine Politik: Angela Merkel

Wer von uns hat die letzten Tage nicht gespannt nach Berlin und Brüssel geschaut, seinen Browser immer wieder erneuert, Live-Ticker mitgelesen… mit ein bisschen Vorfreude vielleicht gewartet, Vorfreude auf das Ende von Merkel. Aber es kam nicht, wieder nicht. Es wird auch nicht kommen. Wir müssen etwas begreifen: Auf Merkel trifft zu, worüber sich die besten Köpfe der Menschheit den Kopf zerbrachen, wovon Weltreligionen leben. Sie ist nicht von dieser Welt.

Diese „Chronik eines angekündigten Todes“ (Gabriel García Márquez) wird kein Ende haben; wenn es Merkel nicht gäbe, man müsste sie erfinden (Voltaire). Es irrte Hegel, als er 1806 in Jena den Weltgeist an sich vorbereiten sah – der hörte damals auf den Namen Napoleon; das Pferd nebst Pferdeäpfeln hätte Hegel eines Besseren belehren müssen.

Der Weltgeist heißt in Wirklichkeit Merkel. Das ist die bittere Wahrheit: Diese Frau, diese Physiognomie, dieser Typus ist das Simulacrum unserer Zeit, das Agens der Geschichte. Käme sie mit schmuddeligen Plastikbeuteln bepackt aus einem McDonald‘s, wühlte sie in zerschlissenem Anorak in ostdeutschen Bahnhofspapierkörben nach Pfandflaschen, niemandem würde diese Gestalt auffallen, sie passte perfekt in ihre Umwelt. Als Politikerin ist sie jedoch ein „Phänomen“ und ein „Ding an sich“ (Kant) zur gleichen Zeit. Wenn Fußball das Spiel von 22 Männern ist und am Ende gewinnt immer Deutschland – bis vor Kurzem –, wie Gary Lineker geistesgegenwärtig einst sagte, so ist Merkel der Inbegriff, der ewige Gewinner, der Ahasverus der Politik. Politik ist, wenn viele sich streiten und am Ende gewinnt Merkel.

Ja, ohne sie gäbe es gar keine Politik. Sogar ihr Jäger, die AfD, bekennt, dass Merkel seine „Lebensversicherung“ sei, und wünscht sich „eine stabile Regierung“, also eine starke Merkel. Wie süßes Manna saugen ihr Presse, Funk und Fernsehen rhetorische Meisterleistungen von den Lippen. Merkel weiß Rat, hat einen Plan, glaubt, dass… wir sind gerettet. So muss der Koran, das vollkommene Buch, entstanden sein.

Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr (Markus 10,25), als dass Merkel abtritt oder abgetreten wird. „Das Jahr 2000 findet nicht statt“ – so nannte Jean Baudrillard seinen Trauergesang (1984) auf eine simulierte Gesellschaft, denn es hat alles schon stattgefunden. „No Apocalypse. Not now“ (Derrida). Der Untergang zieht sich derart in die Länge, dass wir ihn verpassen werden. Die „Verkennung des Langsamen ist der Grund der Transzendenz“ (Sloterdijk).

Merkel hat sich als „historische Notwendigkeit“ (Marx) bestätigt, sie ist die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ (Nietzsche), der „Sinn der Geschichte“ (Berdjajew), sie ist „des Pudels Kern“, sie ist „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Goethe): Ohne sie kein Deutschland, kein Europa, ja keine Welt.

Bedarf es nicht eines Kindes? Eines naiven Wesens, dessen Blick sieht, was wir nicht sehen wollen? „‚Aber er hat ja nichts an!‘, sagte endlich ein kleines Kind. ‚Herr Gott, hört des Unschuldigen Stimme!‘, sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte. ‚Aber er hat ja nichts an!‘, rief zuletzt das ganze Volk.“

Doch schon Hans Christian Andersen begriff die wahre Dimension seiner Parabel, die Geschichte wird nur zumeist falsch interpretiert: „Das ergriff den Kaiser, denn es schien ihm, als hatten sie recht; aber er dachte bei sich: ‚Nun muss ich die Prozession aushalten.‘ Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.“

Der Kaiser wird nicht entzaubert, er tritt nicht ab, denn auch nachdem das Kind die Nacktheit „entdeckt“ hat, spielt er weiter seine Königsrolle, ja er intensiviert sie sogar. Von Rücktritt kein Wort!

Es könnte auch so keine Lehre aus dieser Geschichte geben, denn sie ist bereits erzählt, sie ist bereits in den Geschichtsstrom eingetreten, ist aufgesaugt worden und hat ihre Wirkmacht verspielt. Dialektiker Marx schrieb im „Kapital“: „Es ist mit solchen Reflexionsbestimmungen überhaupt ein eigenes Ding. Dieser Mensch ist zum Beispiel nur König, weil sich andre Menschen als Untertanen zu ihm verhalten. Sie glauben umgekehrt Untertanen zu sein, weil er König ist.“

Was aber wäre – als rein hypothetische, fast blasphemische Frage –, wenn es Merkel eines Tages doch nicht mehr geben würde? Was, wenn auch sie sterblich sein sollte? Was, wenn Unfall oder Krankheit ihr politisch unbeendbares Leben doch erledigen sollten? Was, wenn wir eines unverhofften Morgens auf unserem panzerartig harten Rücken in einer merkelbefreiten Zone erwachten? Wird der Vorhang zerreißen, wird die Erde beben, werden die Felsen sich spalten und die Grüfte sich öffnen? (Matthäus 27,50)

Wird sie, den Pharaonen gleich, unter Pyramiden verewigt? Oder wird sie, dem „Führer“ gleich, zum negativen Gewissen kommender Generationen? Oder wird es gar, dem Messias gleich, ein zweites Kommen geben?

Die Apotheose scheint ihr gewiss – ich bin der erste, der das anerkennt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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