27. Juni 2018

„Niemand wird freiwillig zum Flüchtling“ Zwanghafte Flucht

Leider haben die Nichtdenker heute die Macht

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Nicht erzwungen, aber veranlasst: Flucht

„Unsere Zeit hat aufgehört, zu reflektieren, zu analysieren, zu kommentieren und Fakten mit Ursachen, Gründen und dem genauen Hergang in Beziehung zu setzen. Diese Zeit lehnt Intelligenz ab und konzentriert sich stattdessen auf Leidenschaften, Pathos, Gefühle, Empfindungen und unmittelbare Eindrücke.“ (Michel Onfray)

Es gibt Sätze, die sind so geläufig, dass man sie gar nicht mehr wahrnimmt, wenn man sie hört. Erst wenn man sie sich gezielt ins Bewusstsein ruft und darüber ein wenig nachdenkt, geht ihr wahrer Gehalt oder dessen Abwesenheit auf.

„Niemand wird freiwillig zum Flüchtling“ ist so ein Satz. Mit ihm kann die einst mächtige „Frankfurter Rundschau“ – sie hat es geschafft, ihre Auflage innerhalb von 20 Jahren von 200.000 auf 40.000 verkaufte Exemplare herunterzuwirtschaften – in prallen Lettern einen ihrer Artikel überschreiben. Dass es dabei, nebenbei, möglicherweise einen direkten Zusammenhang geben könnte zwischen dem dramatischen quantitativen und qualitativen Verfall, scheint man nicht wahrnehmen zu wollen. In der „FR“ tummeln sich auch in den Foren fast nur noch Betonköpfe, die aus irgendeinem Grund nicht „taz“ oder „Junge Welt“ lesen wollen.

Dieser markige Satz jedenfalls – „Niemand wird freiwillig zum Flüchtling“ – verdient ein paar Worte. Seine erste propagandistische Leistung besteht schon in der Vokabel „Flüchtling“, aber der Satz braucht das Wort, denn stünde dort „Asylant“ oder „Migrant“, „Einwanderer“ oder „Aussiedler“ (oder neuerdings auch „Asylzuwanderer“), dann hätte er seine logische Stringenz bereits eingebüßt. Flucht aber soll etwas Erzwungenes und Zwanghaftes suggerieren, eine quasi-physikalische Fliehkraft, die nach ihren eigenen festen Gesetzen das einst Ruhende in die Bewegung, die neue Bahn und die Entgleisung zwingt.

Tatsächlich – eine kleine hübsche Metapher – ist die Fliehkraft auch in der Physik aber eine Trägheitskraft. Der physikalische Körper „will“ in seinem Zustand, in der Ruhe bleiben. Zwingt man ihm aber einmal die Bewegung auf, dann „will“ er auch in der Bewegung bleiben.

Womit wir beim Willen – in „freiwillig“ –, also beim freien Willen sind. Das ist in der Philosophie ein riesiges Fass! Und nicht nur dort, auch die Psychologie, die Theologie und neuerdings auch die Neurologie und Genetik haben dazu viele verschiedene Auffassungen, die von der göttlichen Determiniertheit am einen Ende – alles ist von einer divinen Macht vorherbestimmt – bis hin zur biologischen Determiniertheit – also alles wird von unserem Hirn, der Materie letztlich, befohlen – reicht.

Dazwischen befindet sich der weite Sektor, der dem Menschen einen gewissen Grad an Willensfreiheit zugesteht, und letztlich hat sich dieser Standpunkt bis in die Definition des Menschen hinein durchgesetzt: Der Mensch ist das Tier, das auch anders kann (meine Definition). Und zwar, weil er es „will“ – in irgendeiner Form. Warum er das kann? Weil er – soweit wir wissen – als einziges Lebewesen von seiner Sterblichkeit weiß! Weil er, wie Heidegger es nannte, in den Tod hineinragt. Weil er sich sorgen kann.

Einem Flüchtling oder sonst einem Menschen aber den freien Willen abzuerkennen, heißt, ihm die Menschlichkeit abzuerkennen. Es zeugt von einem sehr negativen Menschenbild. Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“ etwa widerspricht dem nur scheinbar, denn es war gerade Luthers Entschluss, sein freier Wille, der ihn „zwang“, dort zu stehen (in Worms) und nicht anders zu können. Die Formel erhält ihre Stärke nicht aus ihrer Wahrheit, sondern aus ihrer „Lüge“, denn selbstverständlich wussten alle Anwesenden, dass Luther auch anders gekonnt hätte, aber gerade, weil er es nicht tat, weil er sich selbst für eine Sache, eine Überzeugung riskierte, bewies er seinen starken Willen. Es war letztlich ein Kampf zwischen mehreren starken Willen. Können heißt hier wollen: Hier stehe ich und will nicht anders.

Und das beschreibt, wenn es hochkommt, auch besagten Willen. „Niemand wird freiwillig zum Flüchtling“ heißt genau das Gegenteil: Alle werden freiwillig zum Flüchtling, alle entschließen sich, alle wollen es, und wenn man sieht, welche Strapazen viele auf sich nehmen, keine Kosten scheuen, mit welcher Energie und Athletik sie meterhohe mit messerscharfen Klingen bewehrte Zäune überwinden, wie all ihre aufgestaute Anspannung sich danach entlädt, dann ahnt man die Macht dieser Freiwilligkeit.

Zum Mitschreiben: Fast niemand wird zur Flucht gezwungen, aber fast alle werden dazu veranlasst.

Dabei stellt niemand – apropos: das „niemand“ im Satz braucht man nicht weiter kommentieren; es unterliegt den logischen Aporien aller Totalverallgemeinerungen – (das meint in diesem Falle mich) infrage, dass es bei einigen und vielen einen hohen Leidensdruck gegeben hat, der die Variante „Flucht“ oder Ausreise zur Handlungsmöglichkeit macht. Davor darf man sich im Herzen nicht verhärten, das muss man anerkennen.

Aber Menschen wählen stets nur Möglichkeiten, die ihnen offenstehen, die denkmöglich, die erfahr-bar sind. Und wenn man dem Elend ein Paradies gegenüberstellt – beides in den meisten Fällen Fiktionen –, dann wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Konflikte und Schwierigkeiten nicht durch intrinsische Lösungen geregelt werden, sondern dass man ihnen ausweicht, sie flieht.

Einen Zwang gibt es dazu freilich nicht, maximal Zwänge. Das ist der tiefe Sinn von Camus‘ Diktum: „Es gibt nur ein wirklich ernsthaftes philosophisches Problem: den Selbstmord.“

Anders gesagt: Diese Art Zwang sehen nur Menschen, die das Denken zugunsten eines allumfassenden Fühlens aufgegeben haben und damit nach 2.500-jähriger Denktradition dieser ins Gesicht schlagen und in die Infantilität regredieren, Menschen zum Beispiel, die sich nicht entblöden, zu sagen: „Ich möchte mich entschuldigen bei den Menschen, die ertrinken werden, obwohl Europa das verhindern könnte.“ Und leider, leider haben diese Nichtdenker heute die Macht und können – wie hier im „Tagesspiegel“ – diesen Nonsens tagtäglich in unsere Ohren blasen.

So als hätte es nicht eine lange und stolze Geschichte des Widerstandes gegeben, Männer und Frauen wie Luther oder Jeanne d’Arc, wie die Buddhisten und Anachoreten, wie die Stoiker und die frühen Christen, wie Sophie Scholl und Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die aus starkem Willen heraus nicht anders konnten und ihren Mann dort standen, wo sie standen. Sie konnten nicht anders, weil sie anders konnten, weil sie – ganz unabhängig davon, ob man ihnen zustimmt oder nicht – einen freien Willen, weil sie Ideale und einen Kopf zum Denken hatten.

PS: Auch das kann ein Fluchtgrund sein: die Flucht vor der Strafverfolgung. Niemand wird freiwillig zum Flüchtling?

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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