26. Juni 2018

Matthias Matussek über Qualitätsjournalismus Strukturwandel der Öffentlichkeit

Ewige Knaben statt Patriarchen

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F058375-0003 / Wienke, Ulrich / CC-BY-SA 3.0/Wikimedia Commons Knorriger, aber loyaler Patriarch: Rudolf Augstein (1923-2002)

Strukturwandel der Öffentlichkeit: In seinem Buch „White Rabbit“ plaudert Matthias Matussek ein bisschen aus der Schule des hiesigen Qualitätsjournalismus. Im „Spiegel“ sollte – ich folge hier Matusseks Ausführungen, an denen zu zweifeln keinerlei Grund besteht – im November 1997 seine Geschichte „Die vaterlose Gesellschaft“ als Titel erscheinen, in der er über die Ausgrenzung vieler Väter nach Scheidungen berichtete und „mit den habgierigen und knallharten Tussen deftig ins Gericht ging, die sich einen neuen Kerl besorgt hatten und im Schutz einer linksgrün gefütterten Opferliturgie ihre Exmänner nicht nur zahlen ließen, sondern sie auch von ihren Kindern trennten und dabei völlig im Reinen mit sich selber waren“.

Nachdem „Spiegel“-Frauen gegen den Titel protestiert hatten und mit einer Unterschriftenliste beim Chefredakteur Stefan Aust erschienen waren, entschied der sich, stattdessen Saddam Hussein aufs Frontblatt zu setzen. Herausgeber Rudolf Augstein, der sich stets den aktuellen Titel zufaxen ließ, wunderte sich, statt des angekündigten Covers über die vielen kleinen Diktatorinnen den irakischen Diktator zu erblicken, ließ den bereits angedruckten Titel einstampfen und setzte Matusseks Geschichte wieder vorne drauf. Er rief den Autor an und sagte: „Tolle Geschichte, Matthias, übrigens, mich ham die Weiber auch immer so beschissen behandelt.“

Ich habe etwas Ähnliches erlebt mit meiner „Focus“-Titelstory „Das privilegierte Geschlecht“ vom April 2003, als ebenfalls große Aufregung unter weiblichen Mitarbeitern ausbrach; die Mädels haben sich in der Hängematte ihrer angeblichen Benachteiligung ja so splendid eingerichtet, dass jeder, der sie mit Hinweisen auf die tatsächlichen Verhältnisse „im Außendienst“ – Männer sterben im Schnitt viel früher als Frauen, sie sterben zudem weit häufiger durch Kriege, Kriminalität, Folter oder Arbeitsunfälle, müssen mehr, härter und länger arbeiten, erledigen die dreckigeren und gefährlicheren Jobs, bevölkern die Gefängnisse und Obdachlosenheime, zahlen ohne Ende, haben das schlechtere Standing vor Gericht, und so weiter –, dass jeder, sage ich, der die Mädels mit dem Hinweis auf die tatsächlichen Verhältnisse aus ihrem Schlummer reißt, von ihnen als Bösewicht traktiert wird. Damals beendete Helmut Markwort die Versuche, die Geschichte zu verhindern oder wenigstens vom Titel zu nehmen. Die patriarchalischen Zwangsstrukturen funktionierten noch.

Heute sind die knorrigen, aber loyalen Patriarchen durch alerte, glatte, pfiffige, „teamfähige“ (aufs Schwarmverhalten dressierte), immer auf Witterung und „Lunte“ bedachte, zu jedem Verrat bereite Bübchen, die niemals Männer werden, ersetzt und die Störenfriede aus der Qualitätspresse entfernt worden. Rückgrat sucht man in dieser Branche vergeblich; jeder, der gegen eines der gerade geltenden Tabus verstößt, ja nur von deren Existenz kündet, wird niedergebrüllt und exkludiert – etwas, das antifaschistische, antisexistische, antirassistische Empörung auslöst, kann ja kein Totem sein! Die „Welt“-Chefredaktion ist Matussek, sobald der sich erstmals einer roten Linie genähert hatte, umstandslos in den Rücken gefallen, bei der nächsten Gelegenheit ließen die ihrer Rente entgegenstrebenden Knäblein ihn wie die berühmte heiße Kartoffel fallen.

„Deine Haltung sehend, interessiert mich dein Ziel nicht.“ (Brecht, „Geschichten vom Herrn Keuner“)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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