24. Juni 2018

Das Ende des Römischen Reiches durch gescheiterte Integration Die ganze Geschichte des Untergangs

Zu viele Flüchtlinge trafen auf eine korrupte Bürokratie

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Hatte keine Lösung für die Flüchtlingskrise: Römisches Reich

Möglicherweise erntete der italienische Historiker Allessandro Barbero mit seiner im leicht zugänglichen Ton geschriebenen Aufarbeitung der Schlacht von Adrianopel, die aufgrund der nicht mehr zu beherrschenden Migration der Anfang des Endes Westroms war, Kritik unter Fachgenossen, oder aber er wollte seine These auf breitere Füße stellen, jedenfalls ließ er im Jahr darauf eine dreimal so umfangreiche Studie veröffentlichen, in der der Katastrophenkurs weit in die historische Vergangenheit zurück und die folgenden Jahrzehnte weiter entwickelt wird. Schon im Ton wirkt sie akademisch, zudem ist sie mit extensivem Apparat versehen und strahlt Kennerschaft aus – aber auch ein wenig Langeweile, wie sich das für einen akademischen Text gehört. Lehrreich ist sie trotzdem. Folgen wir in aller Kürze dem Gang dieser Geschichte.

Gleich zu Beginn entwirft Barbero eine manichäische Welt: Da ist das reiche Rom, prosperierend und zivilisiert, mit unübersehbaren Ungleichheiten und Ungleichgewichten im Inneren, aber doch mit einer starken Administration und einer funktionierenden Ökonomie versehen, und da sind auf der anderen Seite ganze Völker jenseits der Grenzen, die mit ungenügenden Ressourcen auskommen müssen, die an Hunger und Kriegen leiden und die folglich immer öfter an die Tür klopfen und um Eintritt bitten oder diesen mit Gewalt erzwingen. Und jedes Mal muss die jeweilige Regierung entscheiden, wie zu verfahren sei. Dabei standen verschiedene Optionen zur Auswahl, und die reichten von der Zwangsräumung und Grenzschließung über die Inhaftierung oder das Festsetzen von Eintrittsgeld bis zur humanitären Hilfe und zur Schaffung von Arbeitsplätzen im Reich mit dem Ziel der Integration und Assimilation.

Die Ähnlichkeiten zur heutigen Situation sind unübersehbar, und diesmal stellt Barbero bewusst auch immer wieder darauf ab. Die Geschichte, die er nachfolgend entfaltet, über mehr als 400 Jahre lang – von Augustus bis Theodosius und darüber hinaus –, ist nichts anderes als dauerndes Wechseln zwischen und Wiederholen von angegebenen Maßnahmen, jeweils auf die konkrete historische Situation zugeschnitten. Trotz zwischenzeitlicher Erfolge bleibt das Endergebnis katastrophal – es war Rom nicht gelungen, den Zustrom zu beherrschen und systemstabilisierend zu organisieren.

„Über Immigration sprechen, bedeutet, über Grenzen zu sprechen“, setzt er seinen Diskurs an. Die Geschichte dieses Dramas entfaltet sich vor allem und zuerst an den Grenzen, an Rhein, Main, Donau, am Limes und an Gebirgspässen. Schon zu Augustus‘ Zeiten stand fast die Gesamtheit des riesigen Berufsheeres an diesen Grenzmarken. Man darf sie sich durchaus nicht rigide vorstellen. Einerseits war insbesondere der Limes auch als potenzieller Vorposten für künftige Eroberungen angelegt, andererseits wirkte die römische Kultur weit ins Hinterland hinein, auch wenn die Grenzen de facto geschlossen waren. Die Nähe zu dieser Hochzivilisation führte also zur langsamen Romanisierung in Abhängigkeit von der Entfernung, aber eben auch zur Verstärkung der Attraktion des Sehnsuchtsortes. Was heute die weltweiten Medien global schaffen, schufen damals die grenznahen Handelsbeziehungen.

Es gab auch immer wieder Lobredner dieser extensiven zivilisatorischen Leistung, die eine Vorstufe des Universalismus verherrlichten, der die geistigen, moralischen und materiellen Werte über die eigenen Grenzen hinaus verbreitet sehen wollte und von einer „römischen Ökumene“, einer „Zukunft der vollständigen Integration“ träumte. Nichtsdestotrotz waren die Grenzen geschlossen, und zwar in beide Richtungen, und konnten nur auf Antrag und mit gültigem Pass überwunden werden. „Die Möglichkeit, die Grenze zu überqueren, ohne die eigenen Beweggründe erklären zu müssen, und in das römische Territorium einzudringen, ohne um die Erlaubnis zu bitten, existierte einfach nicht.“

Das heißt nun nicht, dass der Übertritt im Laufe der Zeit nicht trotzdem stattfand. Auch wenn die Dokumente schweigen, so geht Barbero auch schon für die ersten beiden Jahrhunderte von einer signifikanten illegalen Einwanderung aus, zieht sogar Parallelen zur Jetztzeit, denn damals wie heute wurde das Problem in der Öffentlichkeit lange verschwiegen und ignoriert, und nur gelegentliche rassistische Ausschreitungen in den Städten – in einer Welt, in der Rassismus als Denkmöglichkeit wenig verbreitet war, weil es das „Blutsdenken“ nicht gab –, zeugen von zunehmenden Spannungen. Niemand weiß heute, wie viele Opfer diese Konflikte gefordert haben mögen.

Das Römische Reich stand dabei vor einer schweren Aufgabe: Die Sicherung der Grenzen selbst verlangte einen stetigen Strom an militärischem Nachwuchs, die Armee war eine Menschenfressmaschine, die nach immer neuem Menschenmaterial gierte, aber auch ein „Schmelztiegel“ mit entbarbarisierender und egalitaristischer und assimilierender Wirkung, eine „Karrieremöglichkeit, die es den Kindern von Einwanderern ermöglichen würde, sich in der römischen Gesellschaft zu integrieren“.

Jeder interne oder externe Feldzug forderte Opfer, ließ Lücken zurück, die gestopft werden mussten. Zudem fehlte es an Arbeitskräften, und ganze Landstriche lagen nach Kriegen oder Epidemien oder Naturkatastrophen brach und mussten neu besiedelt werden. Doch die Ressource Mensch war im Inneren des Reiches endlich, von außen aber strömten immer neue Völkerschaften an die Grenze.

Diese waren meist Bauern mit einfacher Subsistenzwirtschaft – ein einziges Fehljahr konnte zu Hungersnöten führen. Die Lösung lag auf der Hand: Man bietet diesen Menschen Land und macht sie langfristig zu Römern, oder man nimmt sie ins Militär auf und macht sie auf diese Art zu Römern. Der wesentliche Unterschied zur heutigen Zeit, so Barbero, liegt in der kollektiven Aufnahme ganzer Stämme und Völker und der Ansiedlung auf dem Land anstatt in der Stadt.

„Lange Zeit gelang es dem Imperium, den Zustrom zu bewältigen, die Assimilation der Immigranten zu unterstützen und sie erfolgreich zu nutzen, um die landwirtschaftliche Produktion wiederzubeleben und die Reihen der Armee zu schließen; an einem gewissen Punkt begann jedoch etwas schiefzugehen, und die Anwesenheit von Neuankömmlingen zeigte destabilisierende Effekte. Die Katastrophe von Adrianopel 378 ist nur die sichtbarste Folge einer neuen Unfähigkeit, Einwanderungsströme zu verwalten und zu steuern: Was als traurige Geschichte von Flüchtlingen begann, die zunächst abgelehnt und dann akzeptiert wurden, was dann zu Missbrauch und Veruntreuung in der Verwaltung führte, kostete schließlich einen Kaiser das Leben und stellte einen epochalen Wendepunkt in der Geschichte Roms dar.“ Und dann geht Barbero diese Geschichte Epoche für Epoche durch.

Schon unter Cäsar und Augustus, nach der Eroberung Galliens, wurden strategische und taktische Abwehrmaßnahmen notwendig. Eine komplizierte Geschichte von Kriegen und Umsiedlungen, von Bündnissen und Abkommen entfaltet sich. So wurden etwa die Ubier schon im Jahre 19 auf das linke Rheinufer umgesiedelt. Es brannte an allen Grenzen: Ob Gallier, Germanen, Franken, Alemannen, Goten, Sarmaten, Daker, Araber, … immer wieder stand man vor der Frage, wie damit umgehen, ein ewiges Ringen zwischen Konflikt und Kompromiss, zwischen Abstoßung und Anziehung. Die Flavier, die Antoninen – Hadrian und Mark Aurel –, die Severer, die Tetrarchen, die Kaiser der Staatskrise bis hin zu Diokletian und Konstantin dem Großen und seinen dynastischen Nachfolgern, sie alle hatten mit dieser Frage zu kämpfen. Neben den ökonomischen und militärischen Faktoren werden humanistische Begründungen lauter und spätestens seit Mark Aurels Herrschaftszeit dominant.

Oftmals erbaten die Stämme friedlichen Eintritt, wurden aber feindlich, wenn dieser ihnen verwehrt wurde. Die Quellenlage ist oft dünn, und man muss davon ausgehen, dass ein Großteil der Konflikte den Geschichtsschreibern entging. Man nahm nun ganze Völkerschaften auf und versuchte sie im Land zu verteilen, was nicht immer friedlich vor sich ging. Es ist faszinierend, sich vorzustellen, wie etwa arabische Kämpfer am Hadrianswall die Grenzen des Reiches verteidigten und Kelten vielleicht in Mauretanien standen.

Immer wieder verselbständigten sich fremde Einheiten und zogen marodierend durchs Land. Sie niederzuschlagen verlangte neue militärische Rekrutierungen – Rom war in einem Teufelskreis gefangen. Umgekehrt mehren sich die fremdländischen Namen auf den Grabsteinen erfolgreicher Militärs. Immer öfter stiegen die Barbaren schon in erster oder zweiter Generation in den militärischen Rängen auf. Eine erfolgreiche militärische Laufbahn konnte die Zusicherung der Bürgerrechte bedeuten. Barberos Text verliert sich hier mitunter in militärhistorischen Detailfragen, wenn er etwa diskutiert, welche militärischen Positionen den jeweiligen Migranten offen standen, welchen Rechtsstatus die Stämme oder die Individuen hatten, und so weiter. Das zeigt die ganze Komplexität des Problems, das – je nach historischer Phase – wellenförmig abflaute und anschwoll, in der Gesamtgröße aber zulegte.

Zum unlösbaren Problem wurde dann die Krise an der Donaugrenze, auf die bereits Konstantin – der schon eine „Germanisierung“ der Streitkräfte zugelassen hatte – mit Strafmaßnahmen reagierte. Das wurde die Blaupause für die folgenden Kaiser bis Theodosius. Um den „demographischen Druck zu verringern“, wurde aber auch immer wieder versucht, vertraglich abgesicherte Übertritte größerer Einheiten von Goten zu gestatten. Diese aus der Not geborenen Zugeständnisse wurden als humanitäre Akte gefeiert. Erschwerend – oder erleichternd? – kam hinzu, dass Teile der Goten den Prozess der Christianisierung bereits durchlaufen hatten, es also eine „wachsende Familiarität“ gab, die Abstoßungsaffekte verminderte. Ja, es gab sogar religiöses Asyl für verfolgte gotische Christen, und bereits im 4. Jahrhundert war die Integration von Einwanderern in die römische Gesellschaft Kirchenpolitik, um ein „universales christliches Imperium“ zu schaffen.

Die Verträge verschafften Beruhigung und das gute Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben…, aber jener Prozess, der in der Schlacht von Adrianopel und im „fallimento dell‘integrazione gotica“ – im Scheitern der Integration der Goten – gipfelte und den Barbero in seinem ersten Buch ausführlich beschrieben hatte, war nicht mehr aufzuhalten. Dieses Scheitern wurde zum Trauma, denn bislang war „die Fähigkeit, die Barbaren zu integrieren und ihre Arbeitskräfte einzusetzen, das Land neu zu besiedeln und die Reihen der Armee zu füllen, immer eines der Geheimnisse des Erfolgs des Imperiums gewesen.“

Vielleicht kann man Barberos Fazit ein dialektisches nennen. Einerseits war die Migration für ein aufgeblähtes Reich eine unverzichtbare Quelle, ohne die Landwirtschaft und Militär nicht aufrechterhalten werden konnten. Sie wurde durch einen spezifischen kulturellen Universalismus ideologisch abgefedert, der den Kaiser „als Vater und Beschützer der ganzen Menschheit“ sah und es als „moralische Verpflichtung empfand, die Romana felicitas auf der ganzen Welt zu verbreiten“ und alle daran teilhaben zu lassen. Es bestand kein genuines „Interesse, die ethnische Homogenität der Bevölkerung zu verteidigen“, vielmehr war „le campagne“ – Barbero spielt hier mit der Doppelbedeutung des Wortes, das sowohl „Feldzug“ als auch das freie „Land“ bedeuten kann – für die Regierung ein Versuchsfeld für soziale Experimente.

Es begann zu scheitern, als die Flüchtlinge in zu kurzer Zeit in zu großer Zahl eintrafen und auf eine erstarrte und korrupte Bürokratie stießen, die in Zeiten gesellschaftlichen Umschwungs mit den Anforderungen nicht mehr Schritt halten konnte. Die Probleme wurden in historisch rasanter Geschwindigkeit objektiv unlösbar, die teilweise Öffnung der Grenzen, als Ventilöffnung, schaffte nur kurzzeitige Entlastung und verstärkte die Konflikte letztlich. Schließlich entglitt in einigen Gebieten die Regierungskontrolle vollkommen, es bildeten sich verschiedene autonome Einheiten, die, wenn sie militärisch geformt waren, immer wieder auch italisches Gebiet verheerten und letztlich zum Untergang Roms –Westroms, um genau zu sein – führten.

Jörg Seidel: „Untergang des Imperiums“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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