22. Juni 2018

Zuwanderung im Alten Rom und heute Untergang des Imperiums

Die Parallelen sind einfach da

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Zuwanderung früher: Die Goten auf dem Weg nach Rom

Historische Vergleiche hinken immer. Immer! Allein weil es diese konkreten Menschen nicht mehr gibt mit ihren ganz konkreten Denk- und Fühlweisen. Und da wir zum ersten Mal seit Menschengedenken in einem Zeitalter der Gleichzeitigkeit, der permanenten Verfügbarkeit und der Schrumpfung der Erde zu einem gemeinsamen Ort leben, dessen Karte wir zudem im Kopf haben, können wir uns mit keiner historischen Epoche der Vergangenheit vergleichen, die länger als 20 Jahre zurückliegt.

Dennoch: Wenn gesagt wird, es gebe keinen historischen Präzedenzfall für die epochalen Ereignisse des Jahres 2015, also das freiwillige Öffnen einer administrativen, durch ein politisches und/oder ethnisches Gefüge definierten Grenze und das gewollte Hereinlassen von Millionen Menschen anderer Kulturkreise, dann kann die Geschichtsschreibung mindestens einen Fall vorweisen, wo Derartiges bereits geschehen war. Wir können den Ablauf vergleichen und die Folgen abschätzen.

Es war der italienische Historiker Alessandro Barbero, der diesen unter Fachleuten bekannten Sachverhalt mit mehreren hochgradig lesbaren Werken einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellte. Der damalige Prozess kulminierte in einer großen Schlacht, der Schlacht von Adrianopel im Jahre 378, die, mehr noch als der Tod des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus um 476 – wie die klassischen Lehrbücher es lehren – den Untergang des Römischen Reiches bedeutete. Bevor man sich darauf einlässt, seien weitere entscheidende Unterschiede genannt, die einer direkten Vergleichbarkeit im Wege stehen.

Das Römische Reich, bereits in zwei Teilreiche und zwölf Provinzen aufgeteilt, umfasste eine riesige Landmasse rund um das Mittelmeer, die von Persien und Arabien bis zur Westküste der Iberischen Halbinsel und Mauretanien reichte und selbst das heutige England einschloss. Eine klare mit der Realität übereinstimmende Vorstellung von diesem Territorium konnte niemand haben. Informationswege waren unsicher und beanspruchten Wochen und Monate. Selbst ein Vergleich mit dem Konstrukt EU fällt schwach aus.

Die da kamen Ende des 4. Jahrhunderts, waren ganze Völkerschaften mit bereits vorhandenen Hierarchien, Heeren, Waffen, einheitlichen Lebensformen, gemeinsamer Sprache und so weiter, also etwas völlig anderes als die Million junger Männer aus aller Welt.

Und sie kamen in historisch sehr kurzer Zeit, standen „plötzlich“ an den Grenzen des Reiches. Der daraus entstehende Konflikt, der nachfolgend entwickelt werden soll, wurde kriegerisch durch diese eine große, entscheidende Schlacht „gelöst“ – ein Szenario, das heute undenkbar scheint…

Auch wenn das Römische Reich schon viele verschiedene Ethnien und Kulturen beherbergte und seit Langem ein Schmelztiegel war, stellte die Ankunft der Goten es im Jahre 376 vor ungeahnte Probleme. Sie waren durch das Vorrücken der Hunnen, denen der Ruf äußerster Brutalität vorauseilte, als ganze Stämme – auch der Name „Goten“ ist nur ein Sammelbegriff – an den nördlichen Grenzen des Römischen Reiches angekommen und begehrten Einlass.

Rom hatte zu diesem Zeitpunkt zwei vitale Probleme zu lösen. Zum einen das wiederholte Auftreten sogenannter Usurpatoren oder Gegenkaiser, die oft mit großen Heeren versehen die Macht an sich zu reißen versuchten, zum anderen die seit Langem anhaltenden barbarischen Feldzüge entlang der Grenzen. Beides konnte nur gelöst werden, wenn genügend militärisches Personal vorhanden war. Zudem herrschte im ganzen Reich ein Mangel an Arbeitskräften. Daher war es essenziell, Arbeitskräfte und Soldaten von außerhalb zu integrieren. Allein die Vielfalt der Namen der höheren Beamten oder der Militärs zeigt, dass dies in großem Umfang relativ gut gelungen war.

Barbero rückt das weit verbreitete Bild des dekadenten Rom zurecht. Trotz der vielen Probleme, die sich meist regional äußerten, war das Reich stabil und konnte alle möglichen politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten absorbieren. Gerade das 4. Jahrhundert gilt noch einmal als eine spätantike Blütezeit mit herausragenden künstlerischen, philosophischen und theologischen Leistungen. Die konstantinische Wende lag sechs Jahrzehnte zurück, das Reich begann sich zu christianisieren, und die Frage war lediglich, ob sich der Katholizismus oder der Arianismus würde durchsetzen können. Zwar gab es noch eine mächtige pagane Orthodoxie, aber gerade unter den Neuankömmlingen konvertierten viele zum Christentum.

Der beste Beweis dafür, dass das Römische Reich kein im Zerfall befindliches, sondern ein lebendiges und reiches Reich war, sind die Migranten selbst, die in ihm Schutz und Arbeit finden wollten. Sie waren bereit, sich hinter den Pflug oder in die militärischen Reihen zu stellen. Es entstand ein bürokratischer Apparat, der diesen dauerhaften Zufluss zu verdauen hatte. Offizielle waren damit beschäftigt, ganze Gemeinschaften in entvölkerten Gegenden sesshaft zu machen, Juristen arbeiteten entsprechende Gesetze aus, es wurden Verträge geschlossen, Steuern gezahlt und Militärdienste abgeleistet.

Lange vor der großen Krise – schreibt Barbero – hatte die „Invasion der Barbaren“

begonnen, und sie verlief im Großen und Ganzen friedlich, solange das administrative System in der Lage war, den Prozess geordnet zu organisieren.

Das änderte sich, als 376 die Goten am anderen Donauufer standen und Einlass begehrten. Trotz der erschreckenden Menge der Ankömmlinge setzte sich der lang eingeübte Mechanismus der Aufnahme, Integration und Verteilung fort. Rom brauchte Arbeitskräfte und hatte bisher noch jeden Migranten verdaut. Diesmal jedoch stieß die Administration, die zudem korrupt war, schnell an ihre Grenzen. Wurde bislang jeder Migrant akribisch registriert, so kollabierte nun dieses System, und Menschen strömten in Massen herein, ohne dass jemand wusste, welche oder wie viele es waren.

Ein sich allmählich durchsetzender Humanismus verherrlichte diese Entscheidung als neues Vorbild der Menschlichkeit. Valens, der Herrscher in Ostrom, wurde von Oratoren als Humanist besungen und seine Entscheidung, die Barbaren zu zivilisieren, statt sie zu bekämpfen – was einer großen Zivilisation unwürdig sei –, als humanitäre Tat gepriesen. Man sah sich als Reich der Freiheit und klopfte sich auf die Schulter, nun Menschen aus aller Herren Länder die Möglichkeit zu geben, an dieser Freiheit teilzuhaben. Eine für Spätrom „typische universalistische Ideologie“ verbreitete sich. Goten über die Grenze zu bringen wurde ein lukratives Geschäft, es entstand eine wahre Flüchtlingsindustrie.

Erst als alles zu spät war, reflektierte der Historiker Ammianus Marcellinus über die katastrophalen Folgen, über die kulturelle Rückständigkeit der Eindringlinge und ihre schiere Zahl.

Die Nachricht, dass die Grenze offen war und dass die Römer selbst für das Übersetzen sorgten, verbreitete sich rasch und zog immer neue Massen an. Allmählich waren die Offiziellen alarmiert, und als immer neue Stämme an der Grenze ankamen und auf ihr humanistisches Recht pochten, die Einrichtungen aber alle überfüllt waren, wurde die Stimmung schnell aggressiv. Auf römischer Seite mussten die Bootsfähren hastig in Patrouillenboote umfunktioniert werden.

Aber auch für die bereits sich im Lande befindlichen Migranten verschlechterte sich die Lage. Die Flüchtlingslager waren überfüllt, die hygienischen Zustände katastrophal, es gab Versorgungsengpässe und logistische Schwierigkeiten, die Menschen im Lande zu verteilen. Schließlich entschloss man sich, die Goten ins Landesinnere zu führen, um menschenleere Gegenden mit ihnen zu bevölkern. Dieser Zug musste militärisch abgesichert werden. Da große Teile des Heeres noch immer an der persischen Grenze standen, wo Valens einen Krieg vorbereitete – den er später aufgrund der Migrationskrise abblies –, mangelte es an militärischem Personal in quantitativer und qualitativer Hinsicht. Also wurden Grenzschutztruppen abgezogen, aber das führte zu massenhaften illegalen Übertritten über die nun unbewachte Grenze. Es entstanden neue Flüchtlingscamps ohne Registrierung und Erlaubnis.

Der offizielle Flüchtlingszug erreichte Marcianopolis in der Nähe des heutigen Varna. Die Menschen litten Hunger, aber in der Stadt war niemand darauf vorbereitet. Man schloss die Tore. Und nun kippte die Lage endgültig. Die anfangs hörigen Goten, die bereit waren, den Römern als Soldaten und Bauern vertraglich abgesichert zu dienen, überwältigten die römischen Wachen und bewaffneten sich. Es kam zu ersten Aufständen.

Weitere folgten, es folgten verschiedene Schlachten, die die überraschten Römer auch aufgrund einer mangelnden Strategie und viel systemischer Inkompetenz verloren. Bereits integrierte Goten fanden ihre alte Loyalität wieder, verließen ihre Äcker und reihten sich den gotischen Truppen ein, entlaufene Sklaven, Deserteure, Kriminelle schlossen sich ihnen an.

Erst jetzt begriff Valens das ganze Ausmaß der Gefahr und sandte seine Truppen ins Landesinnere. Schließlich kam es zu besagter Schlacht von Adrianopel am 9. August 378, bei der auch Zufälle eine gewisse Rolle spielten, die jedoch – vielleicht mit einer Art historischer Notwendigkeit? – eine vernichtende Niederlage für Rom wurde.

Barbero mag den Gedanken des „symbolischen Datums“ nicht, der meist eine Vereinfachung darstellt und die historischen Komplexitäten negiert. Insbesondere Systeme oder Wirtschaftsformationen fallen oder entstehen nicht an festen Terminen, sondern unterliegen langsamen Entwicklungen. Das Mittelalter begann nicht mit dem Fall Roms, und (West‑) Rom ging nur als politisches Konstrukt im Jahre 476 zu Ende, lebte kulturell jedoch noch lange weiter und nach. Auch die Barbaren waren keine feste Entität und zudem durch jahrhundertelangen römischen Einfluss längst mehr oder weniger romanisiert. Trotzdem waren die Folgen der Schlacht von Adrianopel „tief und enorm“.

Valens‘ (der in der Schlacht gefallen war) Nachfolger Theodosios hatte die Lektion gelernt und versuchte, die einmal vorhandenen Goten als Föderaten im Reich zu verankern, was auch eine Zeit lang gut gelang. Auf der Positivseite der Integration stand: „Die Goten wurden römische Soldaten, schworen dem Reich Treue, erlernten die militärische Disziplin und lernten Gehalt und Rente schätzen.“ Aber es gab auch eine negative Seite jenseits der humanistischen Sonntagsreden der Oratoren jener Zeit. Wo die Goten stationiert waren, gab es immer wieder Reibungen mit der einheimischen Bevölkerung oder mit alteingesessenen römischen Einheiten. Die römischen Söldner waren oft neidisch auf die Goten, die in ihren Verträgen höhere Löhne aushandeln konnten als die Einheimischen. Immer wieder gab es vereinzelte Raubzüge versprengter gotischer Truppen. Römische Militärs sahen sich gezwungen, gegen diese marodierenden Banden vorzugehen, wurden nicht selten aber staatlicherseits dafür bestraft, weil man um des inneren Friedens willen eine Politik der Beruhigung fuhr.

So begann das Pendel wieder zurückzuschwingen: Es entstand eine „antibarbarische Stimmung“ im Volk und in den Regierungskreisen. Das Narrativ der geglückten Integration begann zu bröckeln, führende Intellektuelle und Geistliche schrieben ressentimentgeladene Traktate. Synesios, ein späterer Bischof, etwa schrieb: „Nur ein Irrer wäre nicht beängstigt bei der Ansicht so vieler junger Männer, die in fremden Ländern aufwuchsen und noch immer nach ihren Traditionen leben und die nun mit militärischen Aufgaben betraut werden.“

Nach Theodosius‘ Tod 395 drohte die Pro-Asyl-Politik zusammenzubrechen; es ist die Rede von einer „antibarbarischen Reaktion“. Allerdings waren Goten längst in höchste politische und militärische Ränge aufgerückt. Einige davon waren vollkommen romanisiert oder hellenisiert, andere hingegen besaßen noch feste Wurzeln in den jeweiligen Stammeskulturen oder waren in der Lage, „mit Leichtigkeit zwischen Toga und Tierfell zu wechseln“. Schnell wechselten sie auch die politische Seite: Es waren Söldner, die dem Geld dienten, und die Generäle waren für den Unterhalt ganzer Armeen verantwortlich; sie mussten die Versorgung garantieren, so oder so. Einer davon war Alarich I. Er stand 410 an der Spitze jener Truppen, die zum ersten Mal die Stadt Rom plünderten.

Adrianopel, so lautet Barberos Fazit, markiert eine abrupte und dramatische Beschleunigung eines Prozesses, in dem das Römische Reich seine Grenzen einer barbarischen Immigration öffnete, eines Prozesses, der schon lange angedauert hatte und die Gesellschaft, die Armee und das politische System allmählich veränderte mit letztlich destabilisierendem und sukzessive nach Westen wanderndem Effekt.

All das schrieb Barbero fast zehn Jahre vor den Ereignissen des Sommers 2015. Wenn man seine Erzählung mitunter deckungsgleich auf aktuelle Prozesse durchpausen kann, dann hat man die Garantie, dass dies nicht mutwillig geschieht. Die Parallelen sind einfach da.

Barberos Buch ist darüber hinaus auch stilistisch ein Genuss – lediglich Fachhistoriker dürften ihm Simplifizierungen vorwerfen. Bei aller abstrakten Betrachtung hält der Autor das Bewusstsein wach, dass Geschichte sich stets in individuellem Leid und Glück äußert.

Für ihn gilt, was Wilhelm Dilthey für die Geschichtsschreiberzunft als Ideal ausgab: „Freudige Erzählkunst, bohrende Erklärung, Anwendung des systematischen Wissens auf sie, Zerlegung in einzelne Wirkungszusammenhänge und Prinzip der Entwicklung, diese Momente summieren sich und verstärken sich untereinander.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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