05. Juni 2018

Landrechte in Afrika Tödliche Konflikte zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern

Die Sicherheitskräfte sind völlig überfordert

von Volker Seitz

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Bildquelle: Anton_Ivanov / Shutterstock.com Konflikte mit Ackerbauern: Fulani-Nomaden

Seit Jahrzehnten streiten Ackerbauern und wandernde Viehzüchter in vielen Ländern Afrikas um Weiderechte und Wasser. Eine der Ursachen für die Konflikte liegt darin, dass die meisten Landrechte in Afrika südlich der Sahara nicht schriftlich festgehalten sind. Nur etwa zehn Prozent der ländlichen Flächen in Afrika sind formal dokumentiert. Nutzungsrechte werden in fast allen Fällen mündlich vereinbart. Ressourcennutzungsrechte sind oft nicht an Landrechte gekoppelt. Wachsende Auseinandersetzungen und Konflikte sind absehbar. Land ist in manchen Ländern knapp geworden, und Viehzüchter beanspruchen immer mehr Flächen. Das Zusammenleben von Ackerbauern und Viehzüchtern wird immer schwieriger.

In Ländern wie zum Beispiel Mali, Burkina Faso, Guinea, Tschad, Niger, Nigeria, Benin, Kenia kostet der Konflikt jedes Jahr Menschenleben, wenn Bauern und Viehzüchter, die meist bewaffnet sind, aneinandergeraten. Typische Konflikte mit sesshaften Landwirten beruhen darauf, dass sich die Nomaden auf Traditionen berufen, während bei den Bauern wegen der Bevölkerungsentwicklung der Bedarf an Ackerland wächst. Tiere laufen frei umher und zertrampeln Ackerland vor oder während der Ernte. Obwohl die Bauern so ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können, werden die Verursacher der Schäden, die Hirten und die Besitzer der Tiere, oft nicht bestraft. Wenn die Justiz korrupt ist, können Viehzüchter sich das Urteil kaufen.

In Nordkamerun werden Landkonflikte durch einen „Lamido“, einen Chef aus der Ethnie der Fulbe, geschlichtet. Es gibt zwar in einigen Ländern Landnutzungspläne auf Dorfebene, aber durchziehende Nomaden (Transhumanz) sind daran nicht beteiligt. Allerdings wird die Saison der Transhumanz vom Norden in den Süden im Niger jedes Jahr nach dem Ende der Regenzeit im Radio angekündigt und ein Datum genannt, wann die Felder abgeerntet sein müssen.

Im Grenzgebiet zwischen Äthiopien und Kenia kommt es immer häufiger zu Kämpfen zwischen verschiedenen Völkern. Äthiopische Nomaden überschreiten auf der Suche nach Wasser die Grenze zu Kenia. Das führt zu Konflikten.

„Das Rindvieh als Landplage“

„In Kenia gibt es Ziegenherden bis zu 1.000 Tieren und Rinderherden von 500 Tieren. Kenia kennt keine gesetzliche Regelung für Viehhaltung“, schrieb Thomas Scheen in der „FAZ“ vom 23. Februar 2017, „Das Rindvieh als Landplage“. Vieh sei die neue Währung in Kenia, seit das Finanzamt ein digitales Steuersystem eingeführt habe. Die Tiere seien nicht erfasst, und der Handel mit ihnen werde bar abgewickelt.

Ende Dezember 2017 kam es zu tödlichen Kämpfen zwischen christlichen Bauern und Viehhirten der muslimischen Fulani-Volksgruppe (einst ein nomadisches Hirtenvolk, das sich auf die gesamte Sahelzone von Mauretanien bis zum Sudan verteilt) im südöstlichen Bundesstaat Benue in Nigeria. 80 Menschen, darunter Frauen und Kinder, wurden getötet und bei einem Massenbegräbnis am Stadtrand von Makurdi beigesetzt. Der Verteilungskampf wird zunehmend mit Mord und Totschlag ausgetragen, trotzdem wurde offenbar bis heute niemand festgenommen. Die Sicherheitskräfte sind völlig überfordert. Osai Ojigho, die Direktorin von Amnesty International in Nigeria, spricht von „fast anarchischen Zuständen“.

Der Landwirtschaftsminister gibt zu, dass „alle bisherigen Regierungen den lange schwelenden Konflikt sträflich vernachlässigt haben“. Ein neues Gesetz verbietet es den Viehhirten in Benue, weiterhin als Nomaden durch den Bundesstaat zu ziehen. Damit sollten die jahrzehntelangen blutigen Konflikte beendet werden. Doch die Vertreter der Hirten lehnen das Gesetz ab. Auch in anderen Bundesstaaten im ethnisch und religiös gemischten Zentrum Nigerias war es zuvor zu Kämpfen zwischen sesshaften Landwirten und Viehhirten gekommen.

Thilo Thielke schreibt am 28. Mai 2018 in der „FAZ“ unter dem Titel „Satanische Morde“ über den Konflikt in Nigeria: „Von Januar bis Ende April wurden in Nigeria bei Kämpfen zwischen Viehhirten und Ackerbauern 937 Menschen getötet und allein im Benue-Staat 170.000 vertrieben. Traditionell geht es bei den Rivalitäten um Wasser und Weide- oder Ackerland in einer Region, die immer schon extremen Klimaschwankungen unterworfen war, die immer wieder von Hungersnöten geplagt wird, in der das Überleben hart ist und das Bevölkerungswachstum explodiert.“

Anders in Ruanda. Die Rinder tragen dort Ohrmarken, und wer keinen Stall für die Tiere nachweisen kann, darf keine halten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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