24. Mai 2018

Nach den Wahlen in Sierra Leone Reiche Böden, armes Volk und ein neuer Präsident

Mit den Folgen der Ebola-Seuche wird das Land noch lange kämpfen müssen

von Volker Seitz

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Bildquelle: robertonencini / Shutterstock.com Oft Schlammwege statt Straßen: Sierra Leone

Sierra Leone ist eine Republik in Westafrika. Sie grenzt an Guinea und Liberia und liegt am Atlantik. Traurige Bekanntheit erlangte das Land durch die Ebola-Epidemie in den Jahren 2013/14. Die Wirtschaft brach zusammen, und die staatliche Entwicklung wurde um Jahre zurückgeworfen. Auf dem UNDP-Index der menschlichen Entwicklung liegt Sierra Leone auf dem 179. Rang von 188. Obwohl Sierra Leone zu den ärmsten Ländern des Kontinents zählt, ist das Land sehr reich an Bodenschätzen. Amtssprache ist Englisch. Der Name „Sierra Leone“ („Serra Leoa“) stammt aus dem Portugiesischen und bedeutet „Löwengebirge“. Das Land war britische Kronkolonie (seit 1808) und hat eine 400 Kilometer lange Atlantikküste. Schon vor dem Verbot des Sklavenhandels 1807 durch Großbritannien wurden etwa 7.000 ehemalige Sklaven aus englischen Städten in Sierra Leone angesiedelt. Die Hauptstadt, Freetown, wurde bereits 1787 für freigelassene Sklaven gegründet. Heute hat Freetown, eine dicht besiedelte hügelige Küstenstadt, eine Million Einwohner.

Am 31. März 2018 fand die erste Präsidentenwahl in Sierra Leone nach der Ebola-Epidemie statt. Im Vorfeld der Wahlen kam es im November 2017 zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Präsidentschaftskandidaten. Das Land ist von den Jahren des Bürgerkrieges noch schwer gezeichnet. Die Infrastruktur ist in vielen Gebieten im Landesinneren weithin zerstört.

Ernest Koroma war seit 2007 Staatspräsident. Nach zwei Amtszeiten durfte er nicht mehr antreten. Gewählt wurde in einer Stichwahl der Oppositionskandidat General Julius Maada Bio (Jahrgang 1964). Die Wahlkommission teilte am 4. April mit, dass Maada Bio 51,8 Prozent der Stimmen erhalten habe. Er wurde noch in der Nacht vom 4. auf den 5. April als neuer Staatschef vereidigt. Nach seiner Militärkarriere studierte Maada Bio an der American University in Washington Politikwissenschaften und machte seinen Master in Internationalen Beziehungen.

Blutiger Diamantenhandel

Da der Staat reich an Rohstoffen ist, war Sierra Leone nach der Unabhängigkeit ein Biotop korrupter und autoritärer Regime zu Lasten der Bevölkerungsmehrheit geworden. Der grausame Bürgerkrieg (1991 bis 2002) konnte erst mit Hilfe der nigerianischen und britischen Armee beendet werden. Sowohl die Rebellenbewegung Revolutionary United Front (RUF) als auch die Regierung finanzierten ihre Waffen und Truppen durch den Handel mit Diamanten. Die Grausamkeiten des Bürgerkriegs sind in dem Kinofilm „Blood Diamond“ von 2006 anschaulich dargestellt. Nach Ende des Bürgerkrieges, in dem bis zu 200.000 Menschen starben, fanden 2002 freie und faire nationale Wahlen statt.

Für den überwiegenden Teil der Bevölkerung ist die Landwirtschaft (Reis, Hirse, Maniok) die Existenzgrundlage. Aber nur sechs Prozent der Fläche werden landwirtschaftlich genutzt. Exportiert werden Kaffee, Palmkerne, Kakao und Thunfisch.
Das Land ist reich an Bodenschätzen wie Diamanten, Gold, Bauxit, Braunkohle, Chrom, Eisenerz, Graphit, Mangan, Molybdän, Platin, Rutil und Rhodium.

Eine durchgängige Stromversorgung ist nur für etwa vier Stunden täglich sichergestellt. Zugang zu sauberem Wasser hat nur etwa die Hälfte der sierra-leonischen Bevölkerung. Noch weniger haben Zugang zu Sanitäranlagen, die Abwasser ableiten. In der Regenzeit steigt – wie in anderen afrikanischen Städten – das verunreinigte Wasser auf der Straße an und überschwemmt die Wohngebiete.

2013/14 war die Ebola-Krankheit in Liberia, Guinea und Sierra Leone ausgebrochen. Es fehlte an Wissen über Infektionswege; mangelnde Entschlossenheit der Behörden und eine nicht funktionierende Seuchenadministration führten zur Katastrophe. Es waren die rituellen Waschungen und die Berührungen der Leichen, die Sierra Leone zu einem der am stärksten betroffenen Länder machten. Erst mit Hilfe der Armee wurden Kranke isoliert. Insgesamt waren 28.100 Menschen erkrankt. Seit Anfang 2016 ist Sierra Leone frei von Ebola. Mit den Folgen der Ebola-Seuche wird das Land noch Jahre kämpfen müssen. 3.589 Menschen starben offiziell. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Trotz der verheerenden Folgen wurde das Gesundheitssystem kaum verbessert. Es fehlt weiterhin an ausgebildetem Personal, weil es auch keine Anreize gibt. In den USA und in Großbritannien findet man jeweils mehr Ärzte aus Sierra Leone als im Land.

Ausgleich zwischen Eigennutz und Gemeinwohl

Wie in fast allen afrikanischen Ländern läuft die Urbanisierung auch in Sierra Leone unkontrolliert ab. Häuser – oft in Leichtbauweise – entstehen ungeplant und ohne Genehmigung. Abwassersysteme sind auch in dicht besiedelten Wohnvierteln mangelhaft. Eine Basisversorgung mit sauberem Wasser ist meist nicht vorhanden. Japan hat 2017 in Koya eine erste Trinkwasseraufbereitungsanlage für die Opfer der letzten verheerenden Katastrophe im September 2015 gespendet. Immer noch verlässt sich die Regierung auf Hilfe von außen. Die Hauptstadt Freetown liegt auf einer Halbinsel neben einer Flussmündung am Atlantik und ist jedes Jahr, besonders in der Regenzeit von Mai bis September, durch Überschwemmungen gefährdet. Eine Infrastruktur, die Überschwemmungen und Erdrutsche verhindern könnte, gibt es nicht. Viele Straßen sind nicht asphaltiert, so dass sie sich bei heftigen Regenfällen in Schlammwege verwandeln. Mitte August 2017 zerstörte ein gewaltiger Erdrutsch die Ortschaft Regent in der Nähe von Freetown und begrub einmal mehr Hunderte von Menschen unter sich.

Für den neuen Präsidenten bleiben die größten Probleme der Kampf gegen Armut, die korrupten Praktiken (Willkür und Bestechlichkeit sind auch in Sierra Leone Bestandteil des täglichen Lebens) und die Arbeitslosigkeit. Das waren auch die Hauptthemen in der Fernsehdebatte vor dem Wahlgang. Es bleibt zu hoffen, dass dem neuen Staatschef der Ausgleich zwischen Eigennutz und Gemeinwohl nicht ganz fremd ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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