26. April 2018

Abschaffung des Musikpreises Echo Der Tugendterror funktioniert

Warum kommt die Diskussion erst jetzt?

von Tomasz M. Froelich

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Bildquelle: © Arne Müseler / arne-mueseler.de / CC-BY-SA-3.0 Hassen Lopen und Deutsche: Antilopen Gang

Der Echo wird also abgeschafft. Der Tugendterror funktioniert. Die Veranstalter bücken sich.

Die Abscheulichkeit bestimmter Textpassagen in den Songs von Kollegah und Farid Bang sollte man nicht leugnen, auch wenn der Korridor des Sagbaren im Hip-Hop etwas weiter gefasst ist als anderswo, was dieses Genre ja auch durchaus interessant macht.

Was mich allerdings wundert, oder auch nicht, ist, dass die Debatte über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Hip-Hop, die wir seit einigen Wochen führen, nicht auch im letzten Jahr geführt wurde, als die Hip-Hop-Kapelle „Antilopen Gang“ für ihr Album „Anarchie und Alltag“ für den Echo nominiert wurde.

Auf der Titelliste dieses Albums findet sich der Song „Baggersee“. Der Titel klingt zunächst unverdächtig, sein Inhalt ist aber schockierend: „Atombombe auf Deutschland, dann ist Ruhe im Karton/ Komm wir bomben einen Krater und dann fluten wir das Loch/ Atombombe auf Deutschland, dann ist Ruhe im Karton/ Atombombe auf Deutschland, alles Gute kommt von oben“

Und weiter: „Der historische Fehler, dass Deutschland existiert/ Wird durch den Baggersee hier und heute korrigiert/ Weg mit dem Scheißland, wir wollen ei‘n Strand/ Limo, Bikini, Sombrero und Eisstand/ Ok, für paar Jahre bisschen atomare Strahlung/ Aber Leute es gibt immer einen Kollateralschaden/ Manche finden das mit der Atombombe voreilig/ Denk mal nach, also ich seh‘ nur Vorteile“

Doch das war‘s noch lange nicht. Im Song „Anti alles Aktion“ heißt es: „Ihr seid achtzig Millionen, die man abschlachten muss.“ Und: „Da braucht man gar nicht drüber reden/ Wenn die Massen sich erheben/ Schmeiß‘ ich aus dem Flugzeug eine Brandbombe auf Dresden“.

Diese Zeilen verteidigten die „Künstler“ in einem Interview. Koljah, der der deutschlandhassenden Truppe angehört, antwortet auf die Frage, wen er denn mit den 80 Millionen meint, wie folgt: „Das deutsche Volk als Idee. Das ist ein Problem. Leute, die sich dazu bekennen, sind dann ebenfalls problematisch. Das geht ja mit bestimmten Wertvorstellungen und Inhalten einher. Deutscher Nationalismus definiert sich über Abgrenzung. Da muss es immer ein Gegenvolk geben. Diese deutsch-nationale Idee wollen wir abschlachten.“

Das sind also Texte und Denke der Hip-Hop-Kapelle „Antilopen Gang“, die in einem ARD-Beitrag über die „dunklen Seiten des Rap“ die Rolle der „hellen Seite“ und der linken Saubermänner spielen durfte. Die Moralapostel des Deutschraps fabulieren unbehelligt vom Abschlachten eines ganzen Volkes, eines „Scheißlands“, auf das es Atombomben hageln soll.

Komisch, dass sich kaum jemand daran gestört hat. Oder auch nicht komisch. In einem sich selbst geißelnden Land ist Empörung über abartige Verunglimpfung des Eigenen schließlich fast schon ein patriotischer Akt des Mutes, mit dem man negativ, weil als rechts auffallen könnte. Da wird man dann doch lieber zum Heuchler und arrangiert sich nationalmasochistisch damit, dass man als Deutscher in der „Hierarchie der Opfer“ (Martin Lichtmesz) den letzten Platz einnimmt.

Couragiert wäre es gewesen, wenn Campino sich damals empört hätte, so wie er es in der Causa Kollegah und Farid Bang tat. Tat er nicht, was vielleicht daran gelegen haben könnte, dass die „Antilopen Gang“ beim hauseigenen Label von Campinos „Toten Hosen“ unter Vertrag steht. Zufälle gibt‘s! Campinos Empörung vor wenigen Wochen war, so betrachtet, nichts als der übliche Gratismut.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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