25. April 2018

Arzeimittelbetrug südlich der Sahara Gefälschte Medikamente töten viele Tausende Afrikaner

Schmuggler kommen meist milde davon

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock Kosten Menschenleben: Gefälschte Arzneimittel

Medikamentenfälschung ist eine immense Gefahr. Für viele Afrikaner sind Medikamente unerschwinglich. Deshalb greifen sie auf billige, oft gefälschte und deshalb gefährliche Arzneien zurück. Tagtäglich werden Unmengen gefälschter Medikamente durch Afrikas Häfen geschleust. Jedes Jahr sterben Tausende Menschen an gefälschten Medikamenten, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Dahinter steckt viel kriminelle Energie. Wer Medikamente bei Straßenhändlern kauft, kann davon ausgehen, Fälschungen zu erwerben. Fälscher haben leichtes Spiel. Ihre Kundschaft ist groß und leichtgläubig. Die Organisation „Apotheker ohne Grenzen“ berichtete auf ihrer Homepage, in Tansania seien im Straßenhandel Schmerzmittel als Malariamedikamente umetikettiert und teuer verkauft worden.

Es gibt kaum Überwachungssysteme und Strafverfolgung durch die Behörden. Lebenswichtige Medikamente gegen Malaria, Krebs und HIV und auch Antibiotika werden in Afrika nach wie vor am häufigsten gefälscht. In vielen Fällen enthalten gefälschte Medikamente keinen Wirkstoff – oder die Zusammensetzung weicht vom Original ab. Medikamentenfälscher verdienen mit ihren Mitteln oft mehr Geld als Drogenhändler. Laut WHO mehr als 60 Milliarden Euro pro Jahr. Durch mangelhafte Hygiene in den Produktionsanlagen (meist in China, Nigeria und Indien) können Bakterien oder Reste anderer Wirkstoffe, die zuvor in der Anlage produziert wurden, in ein Medikament gelangen. Bei Antibiotika werden Bakterien resistent und verbreiten sich schnell.

Gefährlich sind aber nicht nur verunreinigte Arzneimittel oder solche mit gefährlichen Zusätzen. Ein mindestens so großes Problem ist die falsche Dosis. Der Basler Medizinprofessor Andreas Widmer spricht von „mafiösen Machenschaften“ im Zusammenhang mit Medikamentenfälschungen. Seine Forschungen deuten darauf hin, dass in Tansania multiresistente Erreger sehr häufig sind. Auf der chinesischen Internetplattform Alibaba gibt es Antibiotika schon ab 70 Dollar für 25 Kilogramm. In Nigeria sollen bis zu 60 Prozent der Medikamente den falschen, gar keinen oder die falsche Menge Wirkstoff enthalten. Die Fälscher nehmen skrupellos in Kauf, Gesundheit und Leben der Patienten zu gefährden. Eine weitere Gruppe mangelhafter Arzneimittel geht auf schlechte Lagerung zurück. Schätzungen zufolge sterben bis zu eine Million Menschen jedes Jahr an gefälschten und gepanschten Medikamenten. 

Jede dritte Tablette ist wirkungslos oder gefährlich

Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie nimmt das Thema in ihrem Erzählband „Heimsuchungen“ (2009) auf: „Vielleicht hatte Ikenna gehört, wie Ebere im Krankenhaus gelegen hatte und immer schwächer geworden war, wie der Arzt sich gewundert hatte, wieso sie sich nach der Verabreichung von Medikamenten nicht erholte, wie verzweifelt ich gewesen war, wie keiner von uns wusste, dass die Medikamente nutzlos waren, bis es zu spät war.“ (Seite 96.) 

42 Prozent der Medikamente im subsaharischen Afrika gelten als gefälscht. Das heißt, dass beispielsweise jede dritte Tablette entweder wirkungslos oder sogar gefährlich ist. Nirgendwo sonst ist das Problem so gravierend. In Asien und Russland geht man von einem Anteil von zehn bis 20 Prozent gefälschter Medikamente aus, in Nordamerika und Europa von einem Prozent. „Das sind grobe Schätzungen, die auf den Funden von Zoll und Polizei beruhen“, schreibt David Signer am 21. Oktober 2017 auf „Neue Zürcher Zeitung Online“. Seit 2013 beobachtet die WHO gezielt Fälle von gefälschten Medikamenten und warnt die Staaten. Selten werden die Warnungen so ernst genommen wie im westafrikanischen Benin. Am 13. März 2018 wurden in Cotonou sieben Pharmagroßhändler wegen 94 Tonnen gefälschter Medikamente zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Um Fälschungen rascher und effizienter auf die Spur zu kommen, arbeiten Pharmazeuten von der Universität Würzburg mit dem Missionsärztlichen Institut Würzburg und dem Deutschen Institut für Ärztliche Mission (Difäm) in Tübingen zusammen. Sie haben ein tragbares Labor entwickelt. Dieses „Minilab“ zeigt aber nur an, ob der richtige Wirkstoff in einem Medikament steckt. Es kann nicht getestet werden, ob er auch in ausreichender Menge enthalten ist. Diözesan- und Krankenhausapotheken in Ghana, Kamerun und Nigeria nutzen die Minilabs, um gefälschte Medikamente zu entdecken. Mit Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation und der London School of Hygiene and Tropical Medicine helfen Minilabs bei der Malariabekämpfung in Tansania. 

In vielen Fällen bleibt die Kriminalität unentdeckt. Der Kampf gegen Fälscher sei schwierig – vor allem, weil viele Behörden kaum in der Lage seien, einzugreifen. Schmuggler in Afrika kämen meist milde davon. „Die Gerichte verhängen oft lächerliche Strafen, weil sich das Gesetz auf den Verstoß gegen intellektuelles Eigentum bezieht, anstatt auf die gesundheitliche Gefährdung durch den Schmuggel“, meint Ana Hinojosa von der Weltzollorganisation (WZO). Interpol hat 2013 mit finanzieller Unterstützung der 29 größten Pharmafirmen weltweit ein Programm gegen Kriminalität in der Pharmazie gestartet. Mit den 4,5 Millionen Euro sollen unter anderem lokale Ermittler trainiert werden. Letztlich helfen aber gegen die Fälschungen nur mehr Investitionen in die Gesundheitssysteme und eine funktionierende und korruptionsfreie Arzneimittelaufsicht, die mit Zoll, Polizei und Ärzten zusammenarbeitet. Nur so kann der Sumpf der Arzneimittelfälschungen trockengelegt werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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