23. März 2018

Heimat und Freiheit Die kälteste Stunde (Teil 3)

Vor Sonnenaufgang

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Die kälteste Stunde: Vor Sonnenaufgang

„Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat.“ 

Heimat ist, wo der Mensch verankert ist und wo er Halt findet. Heimat, so verstanden, geht als Begriff weit über einen Mensch-Raum-Bezug hinaus. Heimat sind Werte. Materielle ebenso wie immaterielle. Land, Eltern, Familie, Erziehung, Erfahrung, Eigentum. Erinnerung, Erleben, Sprache, Bildung, Kultur, Können. Wissen, Wille, Glaube und Ziel. Aus ihnen leiten sich moralische Werte ab, für die sich einer freiwillig entscheidet.

Gemeinsam ist all diesen Werten, dass sie selber oder ihr Erwerb ebenso ein Innerhalb wie ein Außerhalb des „Ich“ bedingen. Ohne eine solche Gleichgewichtigkeit von innen und außen, wo Werte also nur in bezug auf eigene Befindlichkeiten stattfinden, von Heimat zu schwafeln, ist in etwa gleich sinnstiftend wie einen Anker an Bord zu holen und ihn in die Deckplanken zu rammen. Oder anders gesagt: Nur ein Mann ist in puncto Heimat kein Mann.

Eine Regierung, die solange und problemlos wie möglich an der Macht bleiben und diese ausbauen will, muss solche Heimat verunglimpfen und bekämpfen. Denn sie ist persönliche Entscheidung zu persönlicher Verantwortung und damit zu persönlicher Freiheit. Wo Individuen in sich und über sich selbst hinaus blickend entscheiden, Neutralität aufgeben, sich freiwillig zusammentun – in Ehen, Familien, Firmen, Vereinen, privaten Bildungsinitiativen, Kirchen, und so weiter –, entstehen Kraft, Widerstand und Reibung, die sich früher oder später gegen eine Regierung wenden. Denn: Wer Halt hat, braucht keine politische Stütze.

Solcher Gefahr für alles Politische wird seit Jahrzehnten hartnäckig und erfolgreich entgegengewirkt. Unter dem Deckmantel von Emanzipation, Gleichstellung, Anti-Diskriminierung und Menschenwürde passiert das folgende: Alles Äußere, das im Gleichgewicht mit Innerem zu Freiheit und Verantwortung führt, wird vom Staat besetzt, die Besetzung als Befreiung des Individuums verkauft. Natürliches Ergänzungspotential (Mann-Frau, Eltern-Kind, Arbeitgeber-Arbeitnehmer, und so weiter) wird ausgehebelt und durch systematische Konkurrenz (Kampf) ersetzt und natürliche Konkurrenz dort, wo sie im Sinn gesunden Wettstreits notwendig wäre (Bildung, Forschung, Innovation, Unternehmertum), um Menschen reifen und über sich selbst hinauswachsen zu lassen und Werte und damit Freiheit zu schaffen, verhindert. Alles Eigene und Eigenständigkeit ermöglichende wird systematisch zerstört.

Der Idealzustand aus Sicht des Staats sind: mehrheitlich gescheiterte Ehen, zerbrochene Familien, Eltern-Kind-Konflikte (in jedem Alter), konstanter Geschlechterkampf, staatliche Rundumbetreuung und Perma-Diagnostizierung von Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen, Ersatz von Wissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen durch Meinung, Geist durch Ideologie, Evidenz durch Relativität, Können durch obskure „Kompetenzen“, Kultur durch PC-Kult, Leistung durch „Menschenrechte“, Wille durch sozialistisches Staatsgnadentum, Glaube durch Neidreligion und alles andere (Sprache, Tradition, Brauchtum, Loyalität, Treue, und so weiter) durch Gefühl auf Facebook-Niveau. Das ganze vor dem Hintergrund eines steten und medial angeheizten Jeden-gegen-jeden in Sachen Bedürftigkeit und Benachteiligung. Ein Fest des affekt‑, trieb- und spleengesteuerten Opferseins und der Verantwortungslosigkeit. Das Leben heruntergedimmt auf einen elenden halbierten Wahn zwischen Amt und Ego. Abhängig, gefangen und gefällt.

Dieser Nährboden für alles Staatliche ist heute optimal bereitet und gedüngt. An eine Umkehr glaube ich persönlich nicht im Fall einer Gesellschaft, deren größter Teil aufgebläht und empört der Meinung ist, Glück und Zufriedenheit seien eine Schuldigkeit des Lebens schlechthin und dies gebe einem das Recht, ganz oder teilweise auf Kosten anderer zu leben. Die nicht merkt, wie sie Stück für Stück ihrer Freiheit für einen antriebslosen Almosen-Konsumismus auf- und alles Eigene (Kinder und Eltern inklusive) der temporären Befindlichkeiten zuliebe preisgibt oder es gar nicht erst erstrebt. Optimismus wäre hier Feigheit, wie einer mal sagte.

Warum also kämpfen? Warum Werte schaffen und Freiheit erringen und erhalten – diesen weiten Raum, diese große Last –, wenn doch alles darauf hindeutet, dass die Sache in einem neuen möglichst globalen Totalitarismus, in immer weiter greifender Enteignung und irgendwann (ebenfalls demokratisch gewollt, dafür werden Migration, wirtschaftlicher und monetärer Bankrott und die programmierten Konflikte sorgen) in Gewalt enden wird? Wenn wir um eine neuerliche kälteste Stunde nicht herumkommen?

Weil die kälteste Stunde einer Nacht jene vor Sonnenaufgang ist. Weil auch diese Zeit ein Ende haben wird. Möglicherweise mit Schrecken, aber immerhin – ein Ende. Und weil alles andere – die heutige Definition von Menschenwürde und die bunten Lappen diktierter toter Null-Werte (Toleranz, Solidarität) zuerst – des Menschseins nicht würdig ist. Freiheit ist Menschenwürde. Nur Freiheit. Verantwortung, Freiwilligkeit und der stolze Trotz, alleine oder in Kooperation eigene Werte, einen echten persönlichen Ankergrund zu erschaffen, wo der Wille dazu mit allen Mitteln aberzogen werden soll oder der Verunglimpfung preisgegeben wird.

Was bedeutet das? Es bedeutet, ab heute auf alles Staatliche zwischen sich und echtem Leben, echter Freiheit zu verzichten, es herauszureißen. Egal wie schmerzhaft es ist. Es bedeutet, heute den Mut zu einem Anfang zu finden – egal wie klein er ist. Den Mut, Unsicherheit auszuhalten und Angst. Es bedeutet, Stück für Stück in echte Freiheit hineinzuwachsen und damit auch anderen die Möglichkeit dazu zu geben.

Es bedeutet vor allem dies: die Entscheidung, zu lernen, zu verstehen, zu akzeptieren, zu handeln und die Konsequenzen daraus zu tragen. In jedem einzelnen Lebensbereich. Auf eigene Kosten leben. Dem Staat die Früchte seines Lebens verweigern. Sich bilden. Den Lehrplan der Kinder selber bestimmen und umsetzen. Materielle und ideelle Ziele definieren. Im Alter für die Eltern sorgen. Zu seinem Wort stehen. Werte erschaffen und erhalten. Den Blick über sich selbst hinausheben. Für sich selbst das Beste herausholen und sich über den Erfolg anderer freuen. Dem „rohen Kommunismus“ (Marx) des staatlich gezüchteten pathologischen Egoismus von Süchtigen, Depressiven und Neidern eine Abfuhr erteilen. Ausschluss aushalten und gesellschaftliche Ächtung. Aufstehen, wenn man scheitert. Weitermachen. Es bedeutet Interesse, Arbeit, Überwindung, Disziplin – Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Kurz: Lebensliebe.

Wer so lebt, schafft Grund und hat Heimat. Grund und Heimat, die nicht abhängig sind von Trends, Tendenzen, Terror oder Totalitarismus. Es ist Freiheit. Das einzige „wahre Menschenrecht“. Des Menschen größte Pflicht. Alles andere bedeutet Annehmlichkeit zum Preis möglichen Reichtums, Stillstand und am Ende Rückfall in die Unfreiheit nur scheinbar überwundener dunkler Epochen.

Lassen wir sie also kommen, die kalte Stunde. Es ist die letzte der Nacht. Und die erste des Tages.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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