26. Februar 2018

Satire Landauer Arbeitseinheit behält SPD im Blick

Folgt einer „Welle des Verstehens“ noch eine der Begeisterung?

von Udo Geißler

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Bildquelle: photocosmos1 / Shutterstock.com Andrea Nahles: Die nächste Bundeskanzlerin?

Auf der Homepage der Universität Koblenz-Landau, Abteilung Politikwissenschaft, ist zu lesen, dass sich sechs Wissenschaftler und zahlreiche studentische Hilfskräfte in der Arbeitseinheit „Politische Kommunikation“ schwerpunktmäßig „mit den Inhalten und der Wirkung politischer Kommunikation auf die politische Urteilsbildung und das politische Verhalten“ beschäftigen. Den Schwerpunkt legten sie dabei in den letzten Monaten auf die Untersuchung der SPD und wollen diese Partei im Jahr 2018 und darüber hinaus weiterhin im Blick behalten. Genauer gesagt geht es um die Grundsatzfrage, ob die politische Kommunikation der SPD-Führungsebene nach Bekanntwerden des Bundestagswahlergebnisses im Jahr 2017 einen signifikanten Einfluss auf die Urteilsbildung und das Verhalten der Parteitagsdelegierten, der SPD-Mitglieder und – zukünftig – der Wählerinnen und Wähler aufweist.

Erste Aufgabe: „1984“ lesen und verstehen

Im ersten Schritt wurden die Studenten der Fachrichtung „Politikwissenschaft“ aufgefordert, den Roman „1984“ von George Orwell zu lesen. Anschließend bekamen sie den folgenden Textausschnitt ausgehändigt mit der Aufforderung, schriftlich Stellung zu beziehen, ob die Vorgehensweise der Partei und vor allem die allgemeinen Reaktionen der Menge darauf in der heutigen Zeit – mit ihren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – denkbar wären: „Am sechsten Tag der Hasswoche, nach den Umzügen, den Reden, dem Geschrei, dem Gesinge, den Transparenten, den Plakaten, den Filmen, den Wachsfigurentableaus, dem Trommelgedröhn und Trompetengeschmetter, dem Stampfen der Marschkolonnen, dem Mahlen der Panzerketten, dem Donner der Flugzeugstaffeln, dem Brüllen der Geschütze – nach sechs solchen Tagen, als der mächtige Orgasmus seinem Höhepunkt entgegenbebte und der allgemeine Hass auf Eurasien sich in ein solches Delirium gesteigert hatte, dass die Massen, wenn ihnen die zweitausend eurasischen Kriegsgefangenen, die am letzten Tag der Prozedur öffentlich gehängt werden sollten, in die Hände gefallen wären, sie fraglos in Stücke gerissen hätten –, genau in diesem Moment also war bekanntgemacht worden, dass sich Ozeanien keineswegs mit Eurasien im Krieg befand. Ozeanien befand sich im Krieg mit Ostasien. Eurasien war ein Verbündeter. Natürlich hatte man nicht zugegeben, dass eine Veränderung eingetreten war. Es wurde nur urplötzlich und überall zugleich bekannt, dass Ostasien und nicht Eurasien der Feind war.“ – „Auf einem scharlachrot drapierten Podium hielt ein Redner der Inneren Partei, ein kleiner hagerer Mensch mit unverhältnismäßig langen Armen und einem riesigen kahlen Schädel, auf dem ein paar spillerige Haarsträhnen vegetierten, eine bombastische Ansprache an die Menge. Die kleine hassverzerrte Rumpelstilzchengestalt umkrallte mit einer Hand das Mikrofon, während sich die andere, riesenhaft am Ende eines knochigen Arms, drohend wie eine Klaue in die Luft reckte. Seine durch die Verstärker metallisch gefärbte Stimme schmetterte einen endlosen Katalog von Greueltaten, Massakern, Deportationen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Gefangenenfolterungen, Lügenpropaganda, ungerechtfertigten Aggressionen, Vertragsbrüchen. Es war fast unmöglich, ihm zuzuhören, ohne zunächst überzeugt zu sein und dann vor Wut zu rasen. Alle paar Augenblicke kochte der Volkszorn über, und die Stimme des Redners ertrank in wildem tierischen Gebrüll, das zügellos aus tausend Kehlen brach. Das wüsteste Geschrei veranstalteten die Schulkinder. Die Rede mochte zwanzig Minuten gedauert haben, als ein Bote auf das Podium hastete und dem Sprecher einen Zettel zusteckte. Er entfaltete ihn und las, ohne seine Rede zu unterbrechen. Weder an seiner Stimme noch an seinem Gebaren, noch am Inhalt seiner Worte änderte sich etwas, doch auf einmal lauteten die Namen anders. Ohne dass nur ein Wort gefallen wäre, durchlief die Menge eine Welle des Verstehens. Ozeanien befand sich im Krieg mit Ostasien!“

Nach der Auswertung aller abgegebenen Blätter und in der anschließenden Diskussion wurde der Arbeitseinheit schnell klar, dass die modernen Studenten von heute einer Partei keineswegs eine derartige Volte würden durchgehen lassen. Nur eine Studentin wies auf Winston Smiths Geliebte Julia hin, die sich trotz ihrer totalen Abneigung der Partei gegenüber ebenfalls nicht daran erinnerte, dass vor vier Jahren schon einmal der Kriegsgegner gewechselt hatte, damals von Ostasien nach Eurasien. „Allerdings“, so bemerkte die junge Frau, „waren die medialen Verhältnisse in der Dystopie ‚1984‘ natürlich ganz andere. Im Gegensatz zu heute wurden dort nämlich unbequeme Fakten und Daten vom ‚Ministerium für Wahrheit‘ manipuliert oder ganz gelöscht. Das ist jetzt völlig anders, denn das Internet vergisst nie!“ Einig waren sich alle Beteiligten über die Leistung des Redners der Inneren Partei, der von einer zur anderen Sekunde umzuswitchen vermochte – hin zu einer neuverordneten Wahrheit. Bei einigen Studenten, das gaben sie unumwunden zu, löste die Abgebrühtheit dieses Mannes ein unbehagliches Frösteln aus. Beendet wurde das Seminar mit einem Zitat aus dem Roman, das die Leistung des Agitators ebenfalls herausstellt: „Rückblickend beeindruckte es Winston, dass der Sprecher tatsächlich mitten im Satz umgeschaltet hatte, und das nicht nur ohne zu stocken, sondern auch ohne jeden Verstoß gegen die Syntax.“

Zweite Aufgabe: Zitate der SPD-Führungsriege zeitlich zuordnen

Im zweiten Schritt wurden die Studenten dazu aufgefordert, sich vom Kriegsgetrommel der Dystopie „1984“ zu lösen und auf die aktuellen politischen Geschehnisse gedanklich überzuwechseln. Sie sollten nun verschiedene Aussagen von SPD-Politikern zeitlich passend zuordnen. Folgende Ergebnisse stellten sich dabei als richtig heraus:

19. März 2017: Martin Schulz wird mit 100 Prozent der Stimmen zum Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten gewählt: „Ich glaube, dass dieses Ergebnis der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes ist.“

13. August 2017: Martin Schulz: „Ich hab‘ nix gegen ‘ne Große Koalition unter meiner Führung. Wenn dann die CDU als Juniorpartner eintreten will, soll‘n sie sich das überlegen.“

September 2017: Martin Schulz: „Ich trete an, um Angela Merkel abzulösen.“

24. September 2017: Martin Schulz: „Mit dem heutigen Abend endet die Zusammenarbeit mit CDU und CSU. Es ist völlig klar, dass der Wählerauftrag an uns der der Opposition ist.“

24. September 2017: SPD-Bundesvize Manuela Schwesig: „Für uns endet heute die Große Koalition.“

24. September 2017: Fraktionschef Thomas Oppermann: „Der Platz der SPD ist in der Opposition.“

24. September 2017: Martin Schulz: „Wenn wir nicht in die Opposition gehen, wird die AfD Oppositionsführer.“ – „Wir sind das Bollwerk der Demokratie in diesem Land.“

25. September 2017: Martin Schulz: „Ich glaube, dass Angela Merkels Ende der Amtszeit begonnen hat – gestern abend um 18 Uhr.“ – „In eine Regierung von Angela Merkel werde ich nie eintreten.“

27. September 2017: Andrea Nahles: „Aber ab morgen kriegen sie in die Fresse.“

19. November 2017: Martin Schulz: „Der Wähler hat die Große Koalition abgewählt.“ – „Die SPD hat staatspolitische Verantwortung in dieser Republik in einer Weise wahrgenommen, an der sich die Jamaika-Verhandler ein Beispiel nehmen können.“

20. November 2017, nach dem Jamaika-Aus: Martin Schulz: „Wir halten es für wichtig, dass die Wählerinnen und Wähler unseres Landes die Lage neu bewerten können.“ – „Wir stehen für den Eintritt in eine Große Koalition nicht zur Verfügung.“ – „Wir halten Neuwahlen für den richtigen Weg.“

22. November 2017: Martin Schulz: „Die SPD ist sich vollständig ihrer Verantwortung in der momentan schwierigen Lage bewusst.“ – „Ich bin sicher, dass wir in den kommenden Tagen und Wochen eine gute Lösung für unser Land finden.“

24. November 2017: Martin Schulz: „Wir waren uns einig, dass ich einer Einladung des Bundespräsidenten zu Gesprächen mit anderen Parteivorsitzenden selbstverständlich folgen werde.“ – „Es gibt keinen Automatismus in irgendeine Richtung. Sollten die Gespräche dazu führen, dass wir uns in welcher Form und Konstellation auch immer an einer Regierungsbildung beteiligen, werden die Mitglieder unserer Partei darüber abstimmen.“

7. Dezember 2017 beim Parteitag in Berlin: Wiederwahl von Martin Schulz mit 82 Prozent der Stimmen. „Wir müssen nicht um jeden Preis regieren. Aber wir dürfen auch nicht um jeden Preis nicht regieren wollen.“

12. Januar 2018: Martin Schulz: „Ich glaube, dass wir hervorragende Ergebnisse erzielt haben.“

21. Januar 2018: Andrea Nahles: „Neuwahlen sind mit vielen Risiken und Nebenwirkungen behaftet. Das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Politik wäre insgesamt erschüttert. Wir wären in einem Wahlkampf in einer sehr defensiven Lage. Manche glauben, die SPD könne sich nur in der Opposition erneuern. Das ist aber ein Fehlschluss.“ – „Operativ lässt sich Europa nicht von der nationalen Ebene aus steuern. Die Wegmarken zu einer Trendwende in der europäischen Steuer- und Sozialpolitik aber sind festgelegt. Die deutsche Europapolitik wird anders sein als in den letzten zehn Jahren.“

7. Februar 2018: Martin Schulz: „Ich habe mich gefragt, ob ich mein Amt in dem Maße ausüben kann, wie meine Partei es erwartet.“ – „Sigmar Gabriel hat eine sehr gute Arbeit als Außenminister geleistet, aber ich habe mich entschieden, in die Bundesregierung einzutreten, und zwar als Außenminister.“

8. Februar 2018: Sigmar Gabriel: „Was bleibt, ist eigentlich nur das Bedauern darüber, wie respektlos bei uns in der SPD der Umgang miteinander geworden ist und wie wenig ein gegebenes Wort noch zählt.“ – „Ich habe das Amt des Außenministers gern und in den Augen der Bevölkerung offenbar auch ganz gut und erfolgreich gemacht. Und da ist es ja klar, dass ich bedauere, dass diese öffentliche Wertschätzung meiner Arbeit der neuen SPD-Führung herzlich egal war.“ – „Ich komme wohl noch zu sehr aus einer analogen Welt, in der man sich nicht immer nur umschleicht, sondern sich einfach mal in die Augen schaut und die Wahrheit sagt. Das ist scheinbar aus der Mode gekommen.“ – „Für mich beginnt jetzt eine neue Zeit. Meine kleine Tochter Marie hat mir heute früh gesagt: ‚Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.‘“

9. Februar 2018: Martin Schulz: „Daher erkläre ich hiermit meinen Verzicht auf den Eintritt in die Bundesregierung und hoffe gleichzeitig inständig, dass damit die Personaldebatten innerhalb der SPD beendet sind.“

20. Februar 2018: Andrea Nahles zum Problemhund Lima: „Ein Hund stimmt nicht mit ab.“

Dritte Aufgabe: Prognose des SPD-Wahlergebnisses im Jahr 2021

Im letzten Schritt wurden die Studenten nun angehalten, Prognosen über den anstehenden Mitgliederentscheid und – sollte dieser den Weg für eine neue Groko ebnen – über die Wahlaussichten der SPD bei den nächsten Bundestagswahlen abzugeben. Völlig überraschend wurde die Arbeitseinheit „Politische Kommunikation“ vor größere Schwierigkeiten gestellt, denn es bildeten sich zwei Konfliktparteien heraus, deren Positionen unversöhnlicher nicht hätten sein können. Es schien zudem so, als sei bei einem Teil der jüngeren Leute ein ganzes Weltbild zerbrochen. Diese Vertreter hegten sogar Zweifel daran, ob die SPD überhaupt noch einmal zehn Prozent der Stimmen erhalten könne. „Soviel Dummheit, Vergangenheitsvergessenheit und Charakterlosigkeit kann es doch gar nicht geben“, hieß es aus jener Gruppe. Andere – meist ältere Semester – provozierten mit der These, Andrea Nahles werde ihre Ankündigung bald wahrmachen und als nächste Bundeskanzlerin die Richtlinien der Politik bestimmen: „Was interessiert Politiker denn ihr Geschwätz von gestern“, fragten sie in die Runde und ergänzten: „und was wissen die deutschen Wähler denn in drei Jahren noch vom SPD-Chaos dieser Tage? Bald wird Andrea Nahles zur Parteivorsitzenden gewählt und die Wende einleiten. Mit ihrer rhetorischen Brillanz hat sie alle Mitbewerber ausgestochen; ihre intellektuelle Tiefe wird wesentlich dazu beitragen, die SPD wieder auf ein höheres inhaltliches Niveau zu führen. Wenn sie, wie im Roman ‚1984‘ beschrieben, der ‚Welle des Verstehens‘ noch eine ‚Welle der Begeisterung‘ nachfolgen lässt, dann liegen dieser charismatischen Frau die Menschen zu Füßen!“

Dieser Artikel erschien zuerst auf Politkarikatur.de.


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