11. Februar 2018

Marko Martin in der „Welt“ über Wolfgang Kubickis Kritik an Russland-Sanktionen Qualitätsjournalismus sieht anders aus

Das Maß ist schon lange übergelaufen, jetzt sollten die geistigen Urinlachen beherzt aufgewischt werden

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: shutterstock Krieg und Elend: „Der Westen“ gegen Russland

Entschuldigen Sie die deftigen Worte. Aber es reicht. So kann und darf es nicht weitergehen. Gut, das ist natürlich keine neue Erkenntnis. Im Prinzip hätte es schon mit Beginn des Krieges in der Ukraine nicht so weitergehen dürfen. Es hätte nach allen geltenden „qualitäts“-journalistischen Tugenden eigentlich darüber aufgeklärt werden müssen, wer für diese Schweinerei mitverantwortlich war, und das war beileibe nicht nur Russland.

Lange Zeit herrschte Ruhe. Was meine Gemütslage hinsichtlich der Dauerhetze und geistigen Brandstifterei hochmütiger, oder besser: dreikäsehoher Schreibtischpimpfe betrifft, die, obwohl sie keinen blassen Schimmer haben, worüber sie sich auslassen, trotzdem meinen, unentwegt Moralpredigten halten und „den Westen“ verteidigen zu müssen – ironischerweise während gleichzeitig die eigene „westliche“ politische Kaste fast einstimmig an der Schwächung, ja Zerstörung desselben arbeitet. Sei es auf wirtschafts‑, außen‑, immigrations- oder bildungspolitischer Ebene. Oder sei es durch die beherzte Orwellierung ehemals so geschätzter und stolz hochgehaltener Errungenschaften wie der „Meinungsfreiheit“, die in der jüngeren Zeitgeschichte zunehmend unter erheblichen Druck gerät, so sehr, dass ich nicht aus „antiwestlichen Ressentiments“ heraus, wie manche Journudel des Mainstreams mir für solche Äußerungen zweifellos gebetsmühlenartig vorwerfen würde, sondern aus nüchternem Realismus nur noch von der „Sowestunion“ spreche.

In einem „Artikel“ vom 5. Februar wirft der „Journalist“ Marko Martin FDP-Politiker Wolfgang Kubicki in einer Manier, die mich an dunkeldeutsche Zeiten erinnert, mehr oder weniger vor, den Westen quasi zersetzen zu wollen: „Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki hält die Befürworter von Russland-Sanktionen für ‚ahnungslos‘ und ‚naseweis‘. Aber was hat er anderes zu bieten außer bemerkenswert antiwestlichen Gedanken?“

Geehrter Herr von und zu Martin, was bitte ist an völlig gerechtfertigter Kritik an Sanktionen, die bislang nichts erreicht haben, aber auch gar nichts, eigentlich auszusetzen? An „Strafmaßnahmen“, die sich in keinster Weise negativ auf Russland, dafür aber sehr wohl auf die Sowestunion ausgewirkt haben? Vor allem wäre zu fragen: „Strafe“ wofür?

Ach so, ja. Ich verstehe. Für die „Annexion“ der Krim. Wissen Sie, ich bin ja der Meinung, dass es ohnehin allerhöchste Zeit war, der glorreichen Weltwehrmacht NATO endlich mal mit Anlauf vors Schienbein zu treten. Mit Schmackes. Mit Freude. Aus Überzeugung. Aus tiefstem Herzen. Mit Leidenschaft. Mit einem hochzufriedenen Lächeln. Im guten und richtigen Bewusstsein, den barbarischen, grundlosen, feigen Zerstörungsorgien das überfällige Ende zu setzen, mit denen „der Westen“ seit 17 Jahren in atemberaubendem Tempo ein Land nach dem anderen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in Krieg und Elend stürzte, unterstützt von rückgratlosen Maulhelden in Redaktionsbüros mit tausendjährigem Schaum vor dem Mund, von „deutschen Tugendbolden“ (Peter Scholl-Latour), die unter völliger Aufgabe sämtlicher journalistischer Berufstugenden ihre Leser und Zuschauer mit – und das ist noch sehr milde formuliert – „Einseitigkeiten“, Fake News und Lügenpropaganda malträtierten, die in der Geschichte dieses Landes, und das ist keine Übertreibung, schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr zu hören, zu sehen und zu lesen waren. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk bemerkte dazu einmal ganz richtig: „Der Lügenäther war seit der Zeit der Sowjetunion nicht mehr so dicht.“

Ich bin kein Verteidiger Putins oder des Kreml. Ich bin – nein, war – Libertärer, heute bin ich eigentlich schon überzeugter Anarchist. Ich lehne jede Form kollektivistischen „Massenmanagements“ inklusive aller damit verbundenen politischen Herrschaftsformen und ihrer Manipulationsmethoden ab, die es zweifellos auch in Russland gibt. Dies leugnen zu wollen, wäre nicht nur naiv, sondern schlicht dumm. Ja, selbstverständlich betreibt der Kreml ebenso „Meinungsbildung“ wie – das unterscheidet mich von Ihnen und Ihresgleichen, die Herren Martin, Herzinger, Wergin, Kohler, Veser und Konsorten – Euer heißgeliebtes Mördermonopol namens Washington, D. fucking C. Sorry für den Slang, aber das muss wirklich mal raus. In Washington residiert derzeit schlicht das schlimmste Gewaltmonopol der Weltgeschichte. Über ein Jahrzehnt lang ein Lügenkrieg nach dem anderen, endlose Waffenlieferungen an Terrorgruppen, um sich gleich selber die Vorwände zum „humanitären Befrieden“ zu schaffen, und das alles nur – jeder, der die nötigen Hintergrundkenntnisse hat, wird das sofort bestätigen und gerne unterschreiben – weil die USA Krieg zu ihrem Geschäftsmodell erhoben haben, ohne das es etwas mehr als zwei Millionen Arbeitslose mehr gäbe, die in der Rüstungs- und Kriegsindustrie beschäftigt sind. Ganz zu schweigen von den finanziellen Folgen für die in atemberaubender Billionenhöhe verschuldeten Vereinigten Schurkenstaaten, bräche in der Welt – um Himmels willen – plötzlich Friede aus.

Auf großinquisitorisch eifernde und geifernde Edelfunktionäre wie Richard Herzinger, um den es hier ja unter anderem auch geht, werde ich gar nicht erst ausführlich zu sprechen kommen. Schadet nur meinem Blutdruck. Dieser feine Herr darf seit Jahren unwidersprochen und – erstaunlich genug – ohne dass irgendein Kollege aus Ihrem Hause auf die Idee käme, ihm dafür die vollauf berechtigten Widerworte zu leisten, in einer Weise gegen den Nachbarn im Osten spucken, beißen und treten, dass ich mich frage, ob bei der „Welt“ Artikel eigentlich überhaupt noch gegengelesen werden. Herzinger war derjenige, der mit Schlagzeilen wie „Putin will einen Weltkrieg – und der Westen lässt es ihm durchgehen“ ganz gewiss tosenden Applaus von einem gewissen hinkenden Doktor aus dem Jenseits geerntet haben dürfte, keine Frage, aber sicher nicht von Menschen, die noch bei Trost sind und – man stelle sich vor, in diesen Zeiten – reges Interesse an Frieden und dem gedeihlichen Zusammenleben der Völker haben.

Ich muss abermals um Entschuldigung bitten, aber: Ihr kotzt mich nur noch an. Ich ertrage Euch selbstgerechte Maulaufreißer nicht mehr. Wenn Ihr internationale Konflikte bis hin zu einem möglichen Krieg doch so „humanitär“ richtig und wichtig findet, schlage ich hiermit vor, dass Ihr bitte endlich – endlich, endlich! – in eine Uniform schlüpft, Euch einen Schießprügel schnappt und Eure in erschreckender, sprachlos machender, geschichtsvergessener Manier glorifizierten „Einsätze“ einfach mal selber führt. Bitte. Meldet Euch verdammt noch mal endlich zum Fronteinsatz, Ihr ganzen Kerle dank Chappi.

Aber hört auf, zu erwarten, dass immer nur die Kinder anderer Leute für Eure Dummheit, Eure Beschränktheit, Horizontlosigkeit, Borniertheit und Kleinkariertheit ins Gras beißen.

Ich durfte unlängst erfahren – über einen Facebook-Beitrag, dessen Lektüre sich für mich anfühlte, als hätte mir jemand mit Elefantenschrot durchs Herz geschossen –, dass ein junger Soldat, der in Afghanistan stationiert war, sich dort wohl eine hübsche kleine PTSD geholt hat, also eine „Post-Traumatic Stress Disorder“, eine „posttraumatische Belastungsstörung“. Die ihm psychisch leider so zusetzte, dass er Selbstmord beging. Der Mann hinterlässt eine trauernde Witwe und zwei kleine Kinder. Keine Ahnung, was Mama ihnen wohl erzählt, wenn die zwei Süßen sie fragen: „Mami, warum kommt Papi nicht mehr nach Hause? Wir vermissen ihn so! Er fehlt uns so!“

Vielleicht ist sie ja besser informiert als die durchschnittliche Agitprop-Journiete und antwortet ihnen deshalb wahrheitsgemäß: „Ja, wisst ihr, euer Papa ging in diesen Krieg im sicher gut gemeinten, aber leider völlig falschen Glauben, er täte das ‚Richtige‘. Das haben seine Vorgesetzten ihm so erzählt, bis hinauf zur Angriffsministerin, derzeit Frau Ursula von der Leyen, übrigens selber Mutter mehrerer Kinder. Trotzdem hat die Gute keinerlei Probleme damit, die Kinder anderer Leute zum Krepieren in verlogene Kriege abzukommandieren, bei denen es nicht um ‚Demokratie‘ oder ‚Frieden‘ geht, denn das ist und bleibt eine dummdreiste Lüge. Wie diese Tante überhaupt noch in den Spiegel schauen und ruhig schlafen kann, ist mir ein völliges Rätsel, aber die Menschen sind halt unterschiedlich. Manche kriegen das hin. Irgendwie. Wie dem auch sei, euer Vater hat sich also wegen einer Lüge das Leben genommen, naja, und deshalb habt ihr jetzt keinen Papi mehr.“

Ihr groben Klötze, Ihr. Ihr empathie- und gefühllosen Menschenstümpfe, die Ihr Eure Mäuler so weit aufreißt, dass man aus Nilpferden Waldmeistersirup pressen könnte. Wie ich Euch verachte.

Marko Martin in der „Welt“: „Realismus gegenüber Putin sieht anders aus, Herr Kubicki“


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