06. Februar 2018

Gedicht von Eugen Gomringer Vorschlag zur Tüte

Vor und Schlag und Schlag und Vor. Übermalt.

von Michael Klonovsky

Artikelbild
Bildquelle: Rudolph Buch (CC BY 4.0)/Wikimedia Commons Zur Übermalung freigegeben: Fassade der Alice-Salomon-Hochschule mit „avenidas“ von Eugen Gomringer

Das übermalte oder zur Übermalung freigegebene Gedicht an einer Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule erhitzt, wie gesagt wird, die Gemüter – sogar derjenigen, die gar keines besitzen. Der Rektor der Hochschule hatte den eminenten Vorschlag geäußert, das Opus durch eine ergänzte Strophe in einen anderen, weniger sexistischen Kontext zu rücken. Eine liebe Freundin, der dieses Gedicht nach ihren eigenen Worten „im höchsten Maße gleichgültig“ ist, die sich aber ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht entschlagen will, hat folgenden Vorschlag geäußert:

Bier

Bier und Rülps

Rülps

Rülps und Chips

Bier

Bier und Chips

Bier und Rülps und Chips und

eine Bewundererin.

Damit werde, wie sie meint, „nicht nur Zugang zu einem neuen Kontext geschaffen, sondern zugleich ein gesellschaftspolitisch bedeutender Diskurs eröffnet“. Da dieser aber dem einen oder anderen eine Spur zu haram sein könnte, besteht natürlich auch die Möglichkeit, als Schlussakkord statt „Bewundererin“ den Begriff „Verächterin“ zu setzen.

Einen kurzen Schlenker dieses tristen Falles ins Amüsante und geradezu Tiefsinnige bescherte dem Publikum der Asta der Hochschule, in dessen Gedichttilgungsbegehrensbegründungsbrief geschrieben steht, die Studentinnen im Allgemeinen und die Asta-Maiden im Speziellen hätten angesichts der mit sexistischen Versen verunzierten Fassade jahrelang eine „Degradierung zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, die uns Angst macht“ erleben müssen. Zur Bewunderungswürdigkeit degradiert, das ist nicht übel, das ist zwar nicht goethisch gedacht, weil überhaupt nicht gedacht, aber klingt beinahe wie: „Wer lobt, stellt sich gleich“, und Gleichstellung ist ja das Letzte, was diese Mädels wollen, sie wollen Prinzessinnen auf der Erbse sein und von den Risiken des Außendienstes möglichst zeitlebens verschont bleiben (wenngleich ich große Schwierigkeiten habe, mir vorzustellen, dass ein Fräulein, das dergleichen äußert, jemals bewundert worden ist). Und in einem der bekanntesten Goethe-Gedichte liest man ja, wie die maskuline Adoration gemeinhin endet:

„Doch der wilde Knabe brach

‘s Röslein auf der Heiden.“

Röslein wehrte sich – und übermalte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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