04. März 2017

Ernst Jünger und der Liberalismus Der Anarch und die „alte Liberalität“

Freiheit muss man sich persönlich schaffen

von Florian Müller

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Bildquelle: Hoibo (CC BY-SA 4.0)/Wikimedia Commons Vielschichtig: Ernst Jünger

Ernst Jünger gilt als einer der vielschichtigsten Autoren Deutschlands. Er erlebte das Kaiserreich, den Nationalsozialismus und zwei Demokratien. Das spiegelt sich auch in seinen Werken wider. Während Jünger nach den Erlebnissen des Ersten Weltkrieges und des Versailler Friedens sich dezidiert gegen den Liberalismus äußerte, wanderte er in den Jahren nach 1945 zu einer liberalen oder libertären Einstellung, die sich von gesellschaftlichen und staatlichen Zwängen loslöste. Jüngers Denktradition wandelte sich vom preußischen Staatsdenken, das er in gewisser Hinsicht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vertrat, zum Individualisten anarchischer Prägung. Das kollektive Leid, dass nach Kriegsende zur Geltung kam, konnte, wie Jünger in seinen Tagebüchern andeutet, nicht mehr mit Staaten, Gruppen, Gemeinschaften überbrückt oder verhindert werden. Diese seien, angetrieben durch den Katalysator der schier unfassbaren technischen Weiterentwicklung, immer anfällig für totalitaristische Bestrebungen.

Anarchisten und Anarchen

Den letzten Schritt seines „liberalen Werdegangs“ ging Jünger erst im hohen Alter, als er die Figur des Anarchen im Roman „Eumeswil“ konzipierte. Dieser richtete sich gegen den Anarchisten. Der sei „abhängig – einmal von seinem unklaren Wollen, zweitens von der Macht. Er folgt dem Mächtigen als sein Schatten.“ Jünger meint dies nicht als schwaches „Schattendasein“, sondern als negativer Gegenspieler zu den Eliten. Ein Anarchist kämpfe immer um Macht. 

Doch was ist denn nun ein Anarch? Eine klare Antwort wird man von Jünger kaum erwarten können. Er äußerte sich zu seiner Romanfigur: „Der Ich-Erzähler betont, Anarch zu sein, aber nicht antiautoritär. Er bedürfe sogar der Autorität. Autoritätsgläubig sei er nicht.“ Anarchen distanzieren sich von der Macht, sie ignorieren den Kampf. Am nächsten kämen dem wohl die heutigen „Aussteiger“. Dennoch ist Jüngers Denken in dieser Hinsicht nicht konsistent. Er spielt, gerade in seiner Prosa, mit unterschiedlichsten Ansichten.

Durch die häufigen Systemwechsel der verschiedenen Staatsformen, aber auch des Erkennens der leviathanischen Macht, bleibt Jünger in einem bestimmten Maße noch immer dem Staat treu. Ein Widerspruch in sich? Im Kosmos Ernst Jüngers nicht. Der Anarch, der Waldgänger, der freiheitsliebende Konservative, der Einzelgänger, ist bei Jünger immer eine Einzelperson, meist mit intellektuellen Fähigkeiten und einem hohen Maß an Bildung. Diese wenigen Freien, die sich schon immer durch die Geschichte des Abendlandes ziehen, müssen alles tun, sich den Fängen des Staates zu entziehen. Den gesellschaftlichen Kampf gegen akute Fehlentwicklungen und autokratische Bestrebungen hat Jünger längst erfolglos beendet. Die Weimarer Republik, insbesondere natürlich das Dritte Reich, aber auch die Bundesrepublik, haben ihm, aber auch vielen der alten Denker, den Zahn gezogen, gegen die Massendemokratie und die darauf reitenden Funktionäre auf irgendeine Weise vorgehen zu können. Die Demokratie ist absolut geworden, Massenkultur salonfähig, Dummheit ein Leitstern, und der gigantische Staatsapparat benutzt die Legitimation der puren Zahl, gegen die Freiheit des Volkes vorzugehen. Darunter leiden nur die Freiheitsliebenden, zu denen Jünger sich immer deutlicher zählte.

Weltstaat und Globalisierung

Das Spannungsverhältnis in Jüngers Werken wird besonders deutlich, da er zusätzlich bereits in den 40er Jahren von einem herannahenden „Weltstaat“ ausgeht. 1960 verschriftlicht er diese Überlegung im gleichnamigen Essay. Er geht hier von einem weiter erstarkenden, universalen Weltstaat aus, der „seinen Mittelpunkt noch sucht“. Diese Entwicklung verschärft den Zwang des Freiheitlichen, sein Heil im Privaten zu finden, in den letzten Gefilden, in denen, egal ob Nationalstaat oder Weltstaat, der Leviathan noch nicht herrscht. Die Bedrängnis der Person steigt mit dem staatlichen Organisationsgrad an. Ob Jünger recht behalten wird, steht hingegen in den Sternen. Die Trends der letzten Jahre durch die verstärkte Globalisierung und den radikalen Massenzustrom fremder Menschen erschaffen eine Gegenbewegung. Viele beginnen wieder in kleinen Maßstäben zu denken, Brexit und Donald Trump sind die ersten Symptome der Zersplitterung. Ob der Weltstaat eingesargt wird oder ob es sich hier nur um kurzfristige Betriebsstörungen auf dem Weg zur weltumspannenden Regierung handelt, bleibt noch offen.

Um aber weiter in Jüngers Denkstrukturen zu bleiben: Bedeutet dieser Rückschritt des umfassenden Organisationsgrades möglicherweise einen Zuwachs an realer Freiheit? Antiglobalisierung könnte also den Menschen befreien? Möglicherweise. Doch Jünger denkt auch in die andere Richtung. Durch die Etablierung einer umfassenden Staatlichkeit könnte ebenfalls Freiheit entstehen. Frei nach dem philosophischen Gedanken: „Alles ist nichts.“ Eine komplette Globalisierung würde gleichzeitig die Kompetenzen eines Staates einschränken, da keine anderen Staaten und damit keine Feinde mehr existieren. Jünger schließt: „Dann könnte der menschliche Organismus als das eigentlich Humane, vom Zwang der Organisation befreit, reiner hervortreten.“

Ernst Jünger, ein One-World-Idealist?

Hier erkennt man wieder die Vielschichtigkeit im Denken Jüngers. Bei derartigen Passagen fühlt man sich radikal an die heutigen Multi-Kultis und „One-World-Idealisten“ erinnert, im nächsten Absatz äußert Jünger Gedanken, die von Linken hingegen verabscheut würden. Kein Wunder, dass der späte Ernst Jünger vor allem eines macht: verunsichern. Aber bei solchen Gedankenspielen entfernt man sich von der liberalen Individualfreiheit im Denken Jüngers, die einen deutlich höherstehenden Wert innehat als staatspolitische Entwicklungen. Freiheit muss man sich persönlich schaffen und für diese kämpfen. Das passt wiederum schlechter zum antiliberalen Frontsoldaten der beiden Weltkriege. Dieser Widerspruch hat zwei plausible Erklärungen. Erstens könnte man behaupten, dass zwischen Jüngers Frühwerken und der späten Literatur über ein halbes Jahrhundert liegt und er sich natürlich weiterentwickelte. Welcher Mensch behält über eine derartige Spanne eine gleiche Denkweise bei?

Eine zweite Erklärung, deutlich interessanter als ein einfaches Abstellen auf die geistige Entwicklung, ist, dass Jünger schon immer eine liberale Grundhaltung hatte, die sich in jungen Jahren noch verbarg. In vielen Passagen spürt man, dass Jünger eigentlich gar nicht zur Armee passt, das teilweise auch selbst erkennt. Die Entscheidung, sich dem Zwang eines Militärs zu unterwerfen, ist weniger staatliches Verpflichtungsgefühl als etwas ganz anderes: die Suche nach Spannung und Erlebnissen und damit die Verwirklichung seines eigenen Willens.

Schauspielernde Schüler in der alten Liberalität

Fast 90 Jahre nach der Zeit als Pennäler gab Jünger ein Interview und erzählte von einer seiner ersten Erinnerungen: Die Eltern teilten ihm mit, dass er bald eingeschult werden müsse. Jünger hielt dies für einen Witz. Er glaubte nicht daran, dass man kleine Kinder zwingt, ihre Vormittage in der Schule zu verbringen. Eines Morgens schaut er aus dem Fenster und sieht einen Jungen mit Schuluniform vorbeiziehen. Sein erster Gedanke: Die Eltern haben einen Schauspieler arrangiert, um den Scherz weiter zu vertiefen.

Beugen musste er sich trotzdem. Noch vor seinem Ausbruch in die französische Fremdenlegion litt Jünger unter Schule und den festen Regeln und Normen seiner Kindheit. Er benennt das in der Laudatio zum Goethepreis 1982 mit folgenden Worten: „Ich verunsicherte die Lehrer, indem ich gleichzeitig der beste und der schlechteste Schüler war.“ In diesem Sinne entlässt der Staat, nach zwei Kriegen, Ernst Jünger 1945 aus seinem Dienst, und er wird wieder der Anarch, der er schon immer war.

In seinen Aufzeichnungen während des Dritten Reiches hat Jünger, trotz der furchtbaren Schulzeit, ein positives Bild von der Gesellschaft des Kaiserreiches. Aber was will man im Zeichen des Nationalsozialismus auch groß erwarten? In seinen zahlreichen Aufzeichnungen denkt Jünger häufig über seinen Vater und das von ihm geliebte 19. Jahrhundert nach. Das Jahrhundert vor dem Zusammenbruch Europas, vor der Gewalt, vor dem Werteverfall und vor allem vor den verhassten Ideologien, den „ismen“. Jünger attestiert seinem Vater, der während des Zweiten Weltkriegs starb, als einem der letzten Vertreter des vergangenen Jahrhunderts eine viel freiheitlichere Grundeinstellung als der jüngeren Generation. Im zweiten deutschen Reich herrschte eine lockere Laissez-faire-Mentalität, die durch Kriege und Diktatur verloren wurde. Eine liberale Grundhaltung, bevor es einen starken parteipolitischen Liberalismus gab. Jünger spricht hier von der „alten Liberalität“. Ein Begriff, von dem man viel lernen könnte, der aber genauso mehrdimensional ist wie Jüngers Ansichten. Ein Begriff, mit dem es sich verhält wie mit der eigenen Freiheit. Man muss ihn für sich selbst denken.


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