16. September 2016

„Zukunftsreport Familie“ Die nächste Nonsens-Studie

Mehr Arbeit für weniger Geld im Dienste des Fortschritts

von Ansgar Neuhof

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Bildquelle: shutterstock Teuer, kompliziert und ohne Sinn: Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums

In Deutschland jagt eine Nonsens-Studie die andere: von der Märchenstudie der Kölner Volontäre zu Politiker-Lügen über die Quatsch-Studie der Universität Leipzig zu Rechtsextremismus in der gesellschaftlichen Mitte bis zur neuesten Studie des Prognos-Instituts im Auftrag des Bundesfamilienministeriums über Familienarbeitszeit mit dem Titel „Zukunftsreport Familie“. In der Prognos-Studie (S. 54) wird stolz verkündet, dass sich das jährliche Haushaltseinkommen von Familien um 1.400 Euro von 2014 bis 2030 steigern ließe, wenn Eltern mehr arbeiten würden und die Erwerbsarbeitszeit zwischen Vätern und Müttern anders aufgeteilt würde als bisher. Um das zu erreichen, sei laut Studie mehr aktive Familienpolitik erforderlich. Und die Hauptmedien sind wieder einmal kritiklos mit dabei.

Jetzt soll es diesmal gar nicht um die Methodik gehen, sondern um das Ergebnis der Studie, egal wie dieses zustandegekommen sein mag. Um dieses Mehreinkommen von 1.400 Euro zu erzielen, müssen Eltern natürlich mehr arbeiten. Ist auch logisch: Wer mehr arbeitet, verdient mehr. So viel Logik scheint dem Bundesfamilienministerium wesensfremd zu sein, braucht es doch für diese „bahnbrechende“ Erkenntnis eine teure Studie auf Kosten des Steuerzahlers.

Die Mütter müssen demnach ihre wöchentliche Arbeitszeit von 25,9 um 5,2 auf 31,1 Stunden erhöhen, die Väter „dürfen“ ihre wöchentliche Arbeitszeit von 41,5 um 2,6 auf 38,9 Stunden reduzieren. Zusammen erhöht sich also die Wochenarbeitszeit von Eltern um 2,6 Stunden. Da nicht jeder Monat gleich viele Tage hat, wird die Wochenarbeitszeit allgemein mit dem Faktor 13/3 multipliziert, um die Monatsarbeitszeit zu errechnen (bei einer 40-Stunden-Woche rechnet man also mit 173,33 Stunden monatlich). Bei 2,6 zusätzlichen Arbeitsstunden wöchentlich ergibt sich folglich eine monatliche Mehrarbeitszeit von 11,27 Stunden und eine jährliche Mehrarbeitszeit von 135,2 Stunden. Bei einem jährlichen Mehreinkommen von 1.400 Euro errechnet sich ein durchschnittlicher Stundenlohn von 1.400 Euro / 135,12 = 10,36 Euro. Immerhin netto und über Mindestlohn. Aber wohl nicht gerade als üppig zu bezeichnen dafür, dass man seine Kinder noch weniger sieht als ohnehin schon.

Wie sind diese 10,36 Euro pro Stunde einzuordnen? Hier hilft ein Blick in die Statistiken des Statistischen Bundesamts. Demnach betrug 2014 der Bruttostundenlohn von Männern 23,90 Euro und der von Frauen 18,90 Euro – was auch die Prognos-Studie auf S. 49 zitiert. Der durchschnittliche Bruttostundenlohn für Männer und Frauen zusammen betrug laut Statistischem Bundesamt, S. 376, 21,9 Euro. Jetzt muss man den Bruttolohn naturgemäß noch auf einen Nettolohn herunterrechnen, um ihn mit dem oben ermittelten Wert von 10,36 Euro vergleichen zu können. Da die Abzüge bei jeder Person unterschiedlich hoch sind, zum Beispiel je nachdem wie hoch das Einkommen ist und ob man alleinstehend oder verheiratet ist, gibt es – soweit ersichtlich – lediglich Modellrechnungen des Statistischen Bundesamts, die zwischen ledig und verheiratet, kinderlos oder mit Kindern und auch noch zwischen altem Bundesgebiet und Beitrittsgebiet unterscheiden. Ein einheitlicher Durchschnittswert für alle existiert nicht. Die Ergebnisse für 2014 schwanken bei Personen mit Kind beziehungsweise Kindern zwischen 60,7 Prozent und 70,4 Prozent. Das heißt, im Durchschnitt bleiben 60,7 Prozent bis 70,4 Prozent vom Bruttostundenlohn als Netto übrig. Bei einem Durchschnitts-Bruttostundenlohn von 21,90 Euro ergibt sich somit ein Durchschnitts-Nettostundenlohn von 13,29 Euro beziehungsweise 15,42 Euro.

Im Ergebnis erhalten also auf Basis der Annahmen von Prognos und Bundesfamilienministerium die mehr arbeitenden Eltern für ihre Mehrarbeitsstunden durchschnittlich einen geringeren Nettolohn (10,36 Euro), als er heute beträgt (zwischen 13,29 Euro und 15,41 Euro).

Jedem beziehungsweise insbesondere jeder Frau (denn die sollen ja schließlich mehr arbeiten) ist es natürlich selbst überlassen, ob er beziehungsweise sie mehr arbeiten möchte für circa 20 bis 30 Prozent weniger pro Stunde. Aber Fortschritt, Emanzipation und Selbstverwirklichung ist dies gewiss nicht. Wem das egal ist, der kann die in der Studie als wünschenswert beschriebene, aber sich noch bis 2030 hinziehende Entwicklung ja forcieren und seinem Arbeitgeber sagen, dass er künftig mehr arbeiten will und diese Mehrstunden geringer bezahlt wissen möchte als seine bisherige Arbeitszeit. Den Arbeitgeber wird es sicher freuen.

Mehr Arbeit bei geringerem Stundenlohn als bisher. Das Bundesfamilienministerium als Kostendrücker für Unternehmen, dem Bürger „verkauft“ als aktive, Milliarden kostende Familienpolitik. Typisch SPD – ist man geneigt zu sagen, um sogleich zu wissen, dass die CDU mitmachen wird.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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