12. Juni 2015

Eigenverantwortung Schwierig aber notwendig

Von glücklichen Christdemokraten und sozialistischen Patientenkollektiven

von Michael Blume

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Freiheit und Glück: Ergebnis von Verantwortung

Seit einigen Jahren boomt auch in Deutschland die empirische Glücksforschung – und das zu Recht. Meistens bringt sie Befunde hervor, die man vorher schon mindestens geahnt hat – aber nun eben verbunden mit handfesteren Daten und der Einladung zum Diskutieren und Weiterforschen. Ja, auch von mir stammt eine Studie zum Thema Religion und Glück – aber darum soll es in diesem Blogpost nur einmal ganz kurz gehen.

Oh, glückliches Bürgertum!

Denn berichten will ich über einen besonders spannenden Befund von Dr. Marie Möller vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln: Wählerinnen und Wähler der CDU/CSU sind glücklicher als jene aller anderen Parteien (und Wählende generell glücklicher als Nichtwählende)! Auf einer Skala von null bis zehn zur Lebenszufriedenheit landete die Wählerschaft der Unionsparteien mit durchschnittlich 7,4 dicht vor jener der FDP (7,35), der Grünen (7,3) und – schon deutlicher – der SPD (7,1). Am unglücklichsten zeigten sich jene Befragten, die ihr Kreuz bei einer rechten Partei wie der NPD oder Republikanern machten (6,25), kaum glücklicher zeigte sich die Anhängerschaft der Linken (6,5).

Und: Spannenderweise blieben diese Zufriedenheitsunterschiede auch dann stabil, wenn andere Faktoren wie Einkommen, Alter, Bildung, Familienstand oder sogar Gesundheitszustand einbezogen wurden. Nur auf religiöse Praxis wurde leider nicht kontrolliert, dabei dürfte sie einen Teil der Differenzen erklären: Betende sind häufiger in gewachsenen Traditionen verwurzelt und eben auch weltweit im Durchschnitt etwas glücklicher.

Teilweise überraschend…

Sind Christdemokraten also einfach die lebensklügsten Menschen, zudem noch veredelt durch eine Prise hilfreiches Gottvertrauen?

Nein, so einfach dürfte die Kausalität nicht sein – sie ist wohl eher umgekehrt: Wer mit dem eigenen Leben insgesamt zufrieden ist, wird auch stärker dazu tendieren, gemäßigt konservative Regierungsparteien zu wählen. Sprunghafte Veränderungen suchen Menschen meist erst dann, wenn sie subjektiv leiden. Wer „bürgerlich“ für ein Schimpfwort hält, ist mit der Gesamtsituation wohl eher unzufrieden.

Interessant scheint darüber hinaus, dass die Anhängerschaft bei extremen Parteien nicht generell die beglückende Gemeinschaft hervorzurufen vermag, die so gerne verheißen wird. Auch die seit Jahrzehnten doch angeblich dicht bevorstehende rote oder braune Revolution scheint unter der Anhängerschaft keine frohe Zuversicht zu stiften. Feuchte Träume von der Waffen-SS oder einer Neuauflage des Marxismus-Leninismus scheinen manchmal aus Frust zu erwachsen, diesen aber nicht wirklich auflösen zu können. Die deutsche Medizingeschichte bietet dafür einen weiteren Beleg, sogar ein universitäres Experiment.

Ist das „Schweinesystem“ an allem schuld?

Denn selbstverständlich käme ich fast nie auf den Gedanken, die gesamte, extreme Linke als „Sozialistisches Patientenkollektiv“ zu bezeichnen. Vielmehr hatte es eine Gruppe dieses Namens an der liberalen Universität Heidelberg wirklich gegeben. Angeführt von einem linksradikal-charismatischen 68er-Psychologen, bestand das SPK aus zeitweise mehreren hundert Personen, die einander davon überzeugten, dass die Gründe für ihr subjektives Unwohlsein keineswegs bei ihnen selbst oder ihrem Umfeld, sondern nur beim „Schweinesystem“ zu finden seien. Von diesem erpressten sie per Hungerstreik die Fortzahlung des staatlichen Chefgehalts sowie die Bereitstellung universitärer Räumlichkeiten. Dort wurden dann in so genannten Einzel- und Gruppenagitationen Schriften von Hegel, Marx und Co gelesen – stundenlang, tagelang, ein therapeutischer Selbstversuch.

Wurden die SPKler auf diese Weise glücklich? Eher nicht. Als sich einige von ihnen nach einer Verkehrskontrolle im Juni 1971 Schusswechsel mit der Polizei lieferten, endete sogar die staatliche Alimentierung durch die Universität. Eine ganze Reihe von SPK-Mitgliedern driftete weiter zur RAF, wo sie zum Beispiel von Gudrun Ensslin als „SPK-Flipper“ bezeichnet, aber durchaus terroristisch eingesetzt wurden. Historisch interessierte Feinschmecker finden mehr Details zu dieser zu Unrecht vergessenen Episode in Ralf Forsbachs bereits 2011 erschienenem „Die 68er und die Medizin“.

Freiheit und Glück

Und so wage ich auf Basis der vorliegenden Befunde die These, dass extremer Kollektivismus – ob in säkularem oder religiösem Gewand – nur scheinbare Auswege aus empfundenem Unglück liefert. Freiheit und die Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben sind oft schwieriger und schmerzhafter, als die manchmal widersprüchliche Identität an der Garderobe vermeintlich allwissender Anführer abzugeben. Dialog und Rat werden innerlich starke Menschen dabei durchaus immer wieder suchen – aber am Ende doch nicht vergessen, dass sie vor allem selbst Verantwortung für ihr Leben tragen.

Zum Glück.

Internet

Studie des Autors zum Thema Religion und Glück

Studie von Dr. Marie Möller

Hinweis

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