20. März 2015

Blockupy gegen EZB Ein aufrechter Protestierer muss nicht verstehen

Sozialtechnologen gegen Sozialtechnologen, Zerstörer gegen Zerstörer

von Sascha Tamm

Dossierbild

In Frankfurt wird gegen die EZB demonstriert – von gewalttätigen Verwirrten. Die Chaoten halten sich für selbst für Linke und sind auch welche. Sie protestieren gegen sogenannten Sozialabbau, gegen Sparpolitik, Austerität und so weiter. Es ist natürlich ziemlich dämlich, eine geringe Verringerung der staatlichen Neuverschuldung, wenn es sie denn überhaupt gibt, als „Sparpolitik“ zu bezeichnen. Aber das ist ja weit über die Linke und die Rechte hinaus zu einem anerkannten Sprachgebrauch geworden. Muss man als aufrechter Protestierender ja auch nicht verstehen.

Man muss als aufrechter Protestierer auch nicht verstehen, dass die staatliche Zentralbankpolitik, und in besonderem Maße die europäisch zentralisierte Zentralbankpolitik, für Staaten die Möglichkeiten massiv erweitert hat, sich billig zu verschulden. Nur so konnten die Staaten die als Sozialpolitik oder Wirtschaftsförderung oder wie auch immer getarnte Klientelpolitik machen, die ihnen jetzt auf die Füße fällt. Das muss man auch als Freund der Demokratie, des Gemeinwohls oder der europäischen Idee nicht verstehen – man befindet sich in guter Gesellschaft und feiert den Fortsetzer der Politik des ungehemmten Gelddruckens als Europäer des Jahres.

Die an Demokratie und sozialer Gerechtigkeit orientierten Protestierer zerstören Autos und Bauten, sie verletzen Menschen. Das ist nicht zu tolerieren oder zu entschuldigen. Doch das eigentlich Gefährliche ist nicht die Zerstörung von ein paar Autos und Fensterscheiben. Die eigentliche Gefahr geht davon aus, dass EZB-Kritiker und EZB in vieler Hinsicht derselben Logik gehorchen: Beide glauben daran, dass das Gute von oben und aus dem Zentrum kommt und dass „die Gesellschaft“ eine Maschine ist, bei der man nur an ein paar Stellschrauben drehen muss, um die gewünschten Resultate zu erzielen. Beide sind im tiefsten Herzen Sozialtechnologen. Die einen wollen Einkommen umverteilen, um die Welt solidarischer und gerechter zu machen, die anderen wollen grenzenlos Geld drucken, um „Wirtschaftswachstum“ zu erzeugen und den Staaten billiges Geld zur Verfügung zu stellen, um alle Interessengruppen ruhigzustellen.

Beide sind Zerstörer – die Protestierer und die Zentralbanker. Beide arbeiten daran, die wichtigste Grundlage individueller Freiheit zu zerstören – das private Eigentum. Während die Protestierer für eine so weit wie möglich staatlich gesteuerte Gesellschaft eintreten, in der die Interessen der Einzelnen nichts zählen, manipuliert die EZB im Sinne ihrer (manchmal wechselnden) Ziele in Zusammenarbeit mit Politikern den Geldwert und damit den Wert der individuellen Ersparnisse, die Berechnungsgrundlage für Investitionen und so weiter. Für beide sind Enteignungen ein legitimes Mittel, um ihre Ziele zu erreichen. Diese Ähnlichkeit des Denkens ist das Bedrohliche.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Antibürokratieteams.

Fanden Sie diesen Artikel interessant?

Dann werfen Sie einmal einen Blick in die aktuelle eigentümlich frei 151. In diesem Heft erwarten Sie ausführliche Hintergrundartikel zu unserem Schwerpunktthema „Welche Kultur entsteht hier? Das Internet zwischen Hoffen auf Freiheit und totaler Überwachung“. Dazu finden Sie in ef 151 charttechnische Hinweise zur Partnerwahl, eine detaillierte Analyse des Internationalen Klimavertrages 2015, einen Standpunkt zur Einwanderung in den Sozialstaat, einen Wegweiser durch den anarchokapitalistischen Gangsta-Rap, eine Klarstellung der Mietpreisbremse, einen Streifzug durch Moskauer Flaniermeilen, ein Lob des Handwerkers sowie Lifestyle, Musik, Autos, Film, Empfehlungen über ein sinnvolles Anlageverhalten während der lange nicht beendeten Finanzkrise und weitere Analysen aus ungewohnter Sicht. Dazu viele weitere Überraschungen und Informationen, die Sie andernorts vergeblich suchen werden. Als ef-Abonnent profitieren Sie zusätzlich von einem erweiterten Angebot, haben Zugriff auf exklusive Online-Artikel, können das Heft auch digital lesen, erhalten Zugang zu neuen und älteren Ausgaben im Archiv und können Online-Artikel im Leserkreis kommentieren.

Einzelhefte und Abonnements finden Sie hier:

eigentümlich frei bestellen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Linksextremismus

Mehr von Sascha Tamm

Über Sascha Tamm

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige