21. Januar 2014

Sterbehilfe Essenz des Liberalismus

Menschen gehören sich selbst...

von Sascha Tamm

… und sonst niemandem. Weder dem Staat noch dem Bundesgesundheitsminister oder den Ärzten oder den Kirchen. Das ist die Essenz jedes freiheitlichen Denkens, die Essenz des Liberalismus. Sie dürfen folglich mit sich, mit ihrem Körper machen, was sie wollen. Sie dürfen sich natürlich auch selbst töten. Und sie dürfen selbstverständlich mit anderen Menschen vereinbaren, dass sie ihnen dabei helfen, sich selbst zu töten. Und sie dürfen auch mit anderen Menschen vereinbaren, dass diese sie töten. Das sieht der Gesundheitsminister und Hüter der göttlichen Ordnung anders.

Es gibt (viele) Menschen, die glauben, dass ihnen ihr Leben von Gott gegeben sei und deshalb Selbsttötung nicht zu rechtfertigen sei. Es steht ihnen vollkommen frei, nach ihrem Glauben, nach ihren Überzeugungen zu leben. Doch das gibt ihnen nicht das Recht, andere Menschen mit Hilfe des staatlichen Gewaltmonopols zu zwingen, ihnen zu folgen.

Alle Argumente, die für ein Verbot von sogenannter aktiver Sterbehilfe oder Beihilfe zum Suizid vorgebracht werden, halten einer Überprüfung aus freiheitlicher Perspektive nicht stand: Über allgemeine Verweise auf das Wertefundament muss man eigentlich gar nicht reden – hier werden religiöse Überzeugungen mit einem weder historisch noch normativ zu rechtfertigenden Taschenspielertrick zur Grundlage einer freiheitlichen Ordnung verklärt.

Die politischen Gegner der Beihilfe zum Suizid glauben nicht daran, dass Menschen sich selbst gehören. Sie glauben daran, dass sie dem Staat gehören. Oder sie glauben daran, dass die Menschen Gott gehören und der Staat dessen (vermeintlichen) Willen exekutieren muss, weil nur er das Recht hat, Leben zu nehmen. Doch damit erklären sich die intellektuellen Gotteskrieger unter Führung des Bundesgesundheitsministers, der übrigens noch vor nicht allzu langer Zeit gute Gründe dafür sah, Menschen dazu zu zwingen, ihr Leben für den Staat aufs Spiel zu setzen und potentiell zu opfern, selbst zu Göttern, die den Menschen ihre eigenen Wertmaßstäbe vorschreiben. Gotteskrieger anderer Couleur sprechen Menschen, die ihren Glauben nicht teilen, das Lebensrecht ab. Im demokratischen Rechtsstaat wird ihnen bis heute das Recht abgesprochen, über sich selbst in einer sehr wesentlichen Frage zu bestimmen.

Auch das Argument, dass wir uns auf eine schiefe Ebene begeben, hin zu Euthanasie und von außen aufgedrängten Selbsttötungen, ist nicht nachvollziehbar. Länder, in denen die Beihilfe zur Selbsttötung nicht strafbar ist, bieten kein Indiz für derartige Befürchtungen. Und auch dann, wenn die Zahl der Suizide tatsächlich deutlich ansteigen würde – das ist nicht Sache des Staates. Einige rechtliche Regelungen können sinnvoll sein – so eine deutliche Willenserklärung, die dann auch die Helfer vor Anschuldigungen und Strafverfolgung schützt.

Es steht allen Menschen, allen Organisationen frei, über die moralische Verwerflichkeit von Selbsttötung und der Hilfe dabei zu sprechen und offensiv dagegen aufzutreten. Es sollte ihnen in einer freiheitlichen Ordnung aber nicht freistehen, anderen ihren Willen aufzuzwingen. Es steht auch den großen Ärzteverbänden frei, gegen die Beihilfe zum Suizid zu protestieren. Damit offenbaren sie zwar, dass es ihnen nicht um das Wohl der einzelnen Menschen geht, sondern um abstrakte Prinzipien, denen sich Patienten auch gegen ihren Willen beugen müssen. Doch es ist ihr Recht, ihr Selbstverständnis zu vertreten. Es sollte jedoch keinen Einfluss auf staatliche Politik haben, wenn dieser nur etwas an den Freiheitsrechten der Einzelnen gelegen ist.

Menschen müssen übrigens auch keine Rechenschaft für die Gründe ablegen, die sie zum Suizid veranlassen. Alle staatlichen Kriterien hinsichtlich der möglichen Gründe sind Einschränkungen, die nur auf einer Wertegrundlage gedeihen können: auf der Überzeugung, dass Menschen irgendwem oder irgendetwas gehören, aber nicht sich selbst. Das ist zutiefst gegen die Freiheit jedes Einzelnen gerichtet – und zwar im Kernbereich der Freiheit.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Antibürokratieteams.


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