15. Oktober 2013

Make love not law Das politstrategische Ernie-und-Bert-Theorem

Programmatik und Strategie der „bürgerlichen Parteien“

von Carlos A. Gebauer

Warum scheitern bürgerliche Parteien immer wieder in dem pflichtgemäßen Bestreben, die Freiheitsräume ihrer Wähler gegen staatliche Eingriffe zu verteidigen? Welche andere Strategie könnten sie wählen, um das von bürgerlichen Wählern gewünschte Ziel einer freien Gesellschaft zu erreichen? Mir scheint, es ist Zeit für einen Strategiewechsel. Mein Vorschlag hierzu basiert auf dem Ernie-und-Bert-Theorem.

Betrachten wir zunächst erstens – ganz abstrakt – den Zusammenhang zwischen einer Verpackung und ihrem Inhalt. Wie selbstverständlich sind wir allerorten daran gewöhnt, dass jede Verpackung uns in knappster Form sofort zutreffende Informationen über ihren Inhalt vermittelt. Schwere, süße Parfums sind nie hellblau. Aggressive Badreiniger füllt man in grellfarbige Flaschen. Kartons für Bio-Eier sind nie schneeweiß. Und der neue Hybrid-Porsche hat hellgrüne Bremssättel.

Fragen wir uns daher zweitens: Warum ist das so? Der amerikanische Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman bietet eine Erklärung, die für unseren Zusammenhang – in lockerer Analogie – fruchtbar gemacht werden kann. Seine Unterscheidung heißt: „Schnelles Denken, langsames Denken.“ Sehen wir beispielsweise das Bild einer schlecht gelaunten Frau, dann meldet unser Gehirn in Sekundenbruchteilen die Information „dass diese Frau kurz davor ist, einige sehr unfreundliche Worte zu äußern, vermutlich mit lauter schriller Stimme“. Sehen wir dagegen die Rechenaufgabe „17 mal 24“, dann müssen wir erst ein mühsames, kognitives Multiplikationsprogramm aktivieren, bis wir denken: 408! Während also das „System 1“ automatisch, schnell, mühelos und ohne Willenssteuerung arbeitet, erfordern Operationen von „System 2“ Konzentration, Anstrengung und Zeit. Gute Verpackungen richten sich also an „System 1“. Sie informieren uns schnell und anstrengungslos über ihren Inhalt.

Wenden wir uns jetzt – drittens – der Frage zu: Wie ist Politik in Deutschland eigentlich verpackt? Das geistige Auge unseres „Systems 1“ meldet uns hier Bilder von Wolfgang Schäuble, Horst Seehofer, Daniel Bahr, Frank-Walter Steinmeier, Jürgen Trittin und Gregor Gysi. Alle diese Herren tragen auf unseren inneren Bildern offenkundig Anzüge und Krawatten. Genau wie auch Ulrich Wickert, Claus Kleber oder Peter Klöppel, die uns von dieser Politik berichten. Politik in Deutschland ist demgemäß stets seriös verpackt. Das akkurate Äußere soll zeigen, dass die allenfalls mit weiterer Anstrengung erkennbaren Hintergründe aus dem „System 2“ mutmaßlich ebenfalls – der allgemeinen Beobachtungsgewohnheit entsprechend – in gleicher Weise akkurat geordnet sind. Naheliegenderweise ist es auch der zielgerichtete Wille dieser Art von Politikverpackung, genau jene Mutmaßung zu erzeugen und einen flüchtig kognitiven Argwohn, bei genauerer Betrachtung könnte sich Abweichendes ergeben, gar nicht erst zu wecken. Anders wäre der Wechsel von Birkenstock-Sandalen, Norweger-Pullover, PLO-Tuch und Jute-Tasche zu feinem Zwirn und Aktenkoffer im Audi A8 nicht erklärbar. Träten Politiker optisch auf wie Cindy aus Marzahn, Olaf Schubert oder Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig, dann ergäbe sich zwangsläufig eine völlig andere Erwartungshaltung der Beobachter hinsichtlich der Politikinhalte.

Die Feststellung hieraus wiederum lautet – viertens – dahin, dass die Kraft der primär wahrgenommenen Verpackung im „System 1“ augenscheinlich alle Kräfte des Inhaltes, der sich richtig erst dem „System 2“ erschlösse, bei weitem übersteigt. Die politischen Inhalte können also intellektuell auf Kirmesniveau herabsinken. Solange sie mit ernstem Gesicht und in Krawatte verpackt vorgetragen werden, gelten sie dem flüchtigen Beobachter (und Wähler) immer noch als seriös. Konkret: Gregor Gysi kann einen Zehn-Euro-Mindestlohn fordern, Jürgen Trittin einen Veggie-Day und Sigmar Gabriel Euro-Bonds. Sie alle gelten dennoch im flüchtigen politischen Diskurs unverbrüchlich als ernsthafte und ernstzunehmende Gesprächspartner. Dieser Mechanismus hat uns über die Jahrzehnte die phantastischsten Phänomene beschert: Energiesparlampen, Mülltrennung, Rauchverbot, Frauenparkplätze, öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur flächendeckenden Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Informationen im (zunehmend generell WLAN-freien) Jahre 2013 und so unendlich vieles mehr.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich nun – fünftens – aus diesen Beobachtungen ziehen? Ich behaupte: Wenn es möglich war, hinter seriöser Verpackung intellektuell unentdeckt und ungesühnt den größten Schabernack zu treiben, ja wenn es Männern in teuren Anzügen und Frauen in eleganten Kostümen sogar möglich war, beispielsweise ein zentrales Verfassungsgebot wie das der Gleichberechtigung mit „Antidiskriminierungsgesetz“ und Gleichstellungsquoten in sein genaues Gegenteil zu verkehren, dann muss es umgekehrt auch möglich sein, offen, bestimmt und entschieden wirklich intellektuelle und seriöse politische Inhalte zu fordern und umzusetzen, solche nämlich, die eine freie Gesellschaft ermöglichen.

Warum ist dies bislang nicht geschehen? Weil – wie ich sechstens hier vermuten möchte – bürgerliche Politik konsequent in dem Irrtum befangen war (und ist), wohlausgewogene Verpackungen erforderten stets auch wohlausgewogene Inhalte. Diese Art von vorauseilender Wohlausgewogenheit macht daher aber stets den defensiven Kompromiss zu ihrem eigenen Vorschlag, statt eingangs erst einmal ganz offensiv genau das zu wünschen, was sie unmittelbar möchte. Konkreter: Der bürgerliche Politiker glaubt beispielsweise, seine Forderung nach einer Abschaffung der progressiven Einkommensteuer werde auf seinen politischen Gegner genauso skandalös wirken, wie umgekehrt dessen Streben nach einem Verbot etwa von Glühbirnen oder Schulhausaufgaben für ihn selbst. Weil der bürgerliche Politiker dieses Skandalempfinden seines Gegners – aus Gründen des eigenen Seriositätsempfindens – erst gar nicht auslösen will, verzichtet er von vornherein auf seine ungeschminkte Forderung. Mit genau dieser Zurückhaltung gibt er aber Stück für Stück diejenigen politischen Räume preis, die seine Gegenseite dann gleich – ganz unempfindlich – mit Ganztagskindergärten, Windrädern, Solardächern oder der Phantasie von der totalen Verkrankenkassung des Landes füllt.

Damit bin ich nun – siebtens – bei dem „Ernie-und-Bert-Theorem“ angelangt. Wir alle wissen: Ernie lebt seit seiner Geburt auf der Sesamstraße ununterbrochen in seinem eigenen „System 1“. Er macht ständig genau das, was ihm gerade spontan einfällt. Er entscheidet immer automatisch, schnell und mühelos. Er verheddert sich nicht in langen Überlegungen, Abwägungen oder Bedenken. Ein gegenprüfendes „System 2“ schaltet sich bei ihm nie korrigierend ein. Ernie lebt seine ersten Bedürfnisse direkt aus. Er ist dabei allerdings zugestandenermaßen auch immer völlig klar in dem, was er sagt und tut. Erstaunlicher noch: Wer ihn beobachtet, der weiß ihn sogar verlässlich einzuschätzen. Jeder weiß bei Ernie, woran er ist. Sein Gegenpart, Bert, hingegen repräsentiert das kognitive (und auch moralische) „System 2“. Bert ist konzentriert. Er weiß, was sich gehört. Er vermeidet den Skandal. Nie würde Bert zu laut Radio hören. Nie würde er unbedachtsam handeln. Bert ist in allen seinen Handlungsinhalten seriös. Ernie hingegen ist unseriös.

In Ansehung dessen müssen wir uns – achtens – den beiden zentralen Fragen aus diesem Ernie-und-Bert-Theorem stellen. Zum einen der Frage: Wer von beiden bekommt immer seinen Willen, Ernie oder Bert? Und zum anderen der beinahe noch spannenderen Frage: Wer von beiden, Ernie oder Bert, ist uns sympathischer? Die Antworten liegen auf der Hand: Natürlich dringt stets Ernie mit seinen Ideen durch. Und natürlich lieben alle Ernie, obwohl er sich immer gegen den armen Bert durchsetzt. Warum aber ist das so, gegen unsere tiefe bürgerliche Überzeugung, dass doch der, der sich schlecht benimmt, eigentlich auch ein schlechtes Ansehen haben müsste? Die Antwort liegt, denke ich, in der Klarheit! Weil Ernie immer schon auf der Verpackungsebene sagt, was er denkt, will und meint. Und weil Ernie dann auch inhaltlich immer klar ist in dem, was er tut. Weil Ernie genau deswegen für alle berechenbar ist. Man weiß, woran man bei Ernie ist, auch wenn man ihn einmal genauer und konzentrierter (mit dem „System 2“) betrachtet. Wann aber Bert leidet, wann er schweigt, wie lange er zuschaut und wann er schließlich verzweifelt zusammenbricht – gerade das weiß man nie, egal wie genau man hinsieht.

All dies bedeutet neuntens aber auch: Solange alle Akteure denselben (optischen) Auftritt für das „System 1“ bieten, solange sie sich dort nicht unterscheiden, solange können sie innerhalb des „Systems 2“ inhaltlich alles machen, was sie wollen. Das Publikum ordnet beide in dieselbe Kategorie ein. Wenn aber nun politische Akteure innerhalb dieses „Systems 2“ glauben, durch wohlanständig-seriöses Zurückstellen von eigenen Bedürfnissen höhere Sympathien beim Publikum innerhalb des „Systems 1“ erobern zu können, dann irren sie. Im Gegenteil: Das lupenreine und unverwässerte Verfolgen eigener Interessen innerhalb des „Systems 2“ wird wegen seiner dann auch dortigen Klarheit sogar positiv aufgenommen. Es gibt keine kognitiven Dissonanzen zwischen den Ebenen 1 und 2, zwischen Verpackung und Inhalt. Alles erscheint dem Betrachter schlüssig und stimmig, widerspruchsfrei. Jeder Zuschauer also, der sich der intellektuellen Mühe unterzieht, hinter der Verpackung auch einzelne Inhalte zu betrachten, wird diese Klarheit schätzen. Er wird diese Klarheit lieben, denn er mag es, zu wissen, woran er ist.

Damit lautet schließlich – zehntens – der politstrategische Imperativ für die bürgerlichen Parteien unseres Landes: Habt endlich Mut, Euch klar zu Euren und Eurer Wähler wirklich eigenen (seriösen) Bedürfnissen zu bekennen und sie vor der Öffentlichkeit deutlich zu äußern! Genau so werdet Ihr Stück für Stück die verlorenen Freiheitsräume für Eure dann auch wieder wachsende Wählerschar zurückerobern. Ernie sei Dank, sozusagen.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort
publizierten Beiträgen in der am 19. Oktober erscheinenden November-Ausgabe  eigentümlich frei Nr. 137


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