12. Februar 2011

Volksaufstand in Ägypten Von Revolutionären und Heuchlern

Kein Regime ist vor Angela Merkel sicher

von Frank W. Haubold

„Meine Damen und Herren, heute ist ein Tag großer Freude. Wir sind alle Zeugen eines historischen Wandels, und ich freue mich mit den Menschen in Ägypten, mit den Millionen Menschen auf den Straßen. Ich wünsche ihnen vor allen Dingen eine Gesellschaft, die ohne Korruption, ohne Zensur, ohne Verhaftung und Folter sein wird“, verkündet Bundeskanzlerin Merkel frohgemut via Pressekonferenz und es klingt beinahe so, als habe sie den Rücktritt des Diktators Hosni Mubarak förmlich herbeigesehnt. Wenn dem tatsächlich so ist, dann hat die Bundeskanzlerin ihre Abneigung gegen Herrn Mubarak in der Vergangenheit genauso geschickt verborgen wie seinerzeit ihre Vorbehalte gegen Herrn Honecker und das SED-Regime, die Frau Merkel erst dann so recht zu offenbaren geneigt war, als andere die Kastanien aus dem Feuer geholt hatten.

Nun ist Angela Merkel ja nicht nur eine engagierte, sondern auch eine äußert clevere Vorkämpferin für die Menschenrechte in aller Welt. Wie sonst konnte es ihr gelingen, den greisen ägyptischen Präsidenten durch geschicktes Taktieren über Monate und Jahre hinweg zu täuschen und in Sicherheit zu wiegen? Wer hofiert schon gern in aller Öffentlichkeit einen Diktator, wenn doch im eigenen Rippenkäfig das heiße Herz einer Revolutionärin pulsiert? Wie unsagbar schwer müssen ihr also Verlautbarungen wie diese auf einer Pressekonferenz mit Präsident Mubarak im Februar 2007 gefallen sein? „Noch einmal herzlichen Dank für die freundliche Aufnahme. Ich bin zum allerersten Mal in Ägypten und werde sicherlich bei meinem kurzen Aufenthalt nicht alles sehen können. Aber das, was ich bisher gesehen habe, hat mich schon sehr positiv beeindruckt.“

Verständlich, die Pyramiden sind ja auch deutlich attraktiver als irgendwelche Folterkeller. Es nötigt Respekt ab, mit welcher Selbstverleugnung unsere tapfere Bundeskanzlerin vorgehen musste, um Begriffe wie "Freiheit", "Demokratie" oder gar "Menschenrechte" im Zusammenhang mit Ägypten über Jahre hinweg aus allen öffentlichen Äußerungen zu verbannen und sich auch von Störenfrieden wie Amnesty International oder dem Bundestagsausschuss für Menschenrechte nicht aus dem Konzept bringen zu lassen.

Wem hätten so undiplomatische Feststellungen wie "Die ägyptische Polizei nimmt nicht nur Oppositionelle willkürlich fest und foltert sie. Die Regierung geht auch nicht gegen willkürliche Festnahme und Folter gegen einfache Bürger vor, sondern setzt Übergriffe von Polizisten als Mittel der Einschüchterung ein" auch helfen sollen? Bestimmt nicht der Sache der Revolution, deren Unterstützung durch die Bundesregierung ja nur im Verborgenen gedeihen konnte.

Nun mag es im Land der Dichter, Denker und Dschungelcamp-Konsumenten auch böse Zungen geben, die nicht davor zurückschrecken, der Ägyptenpolitik unserer vorausschauenden Kanzlerin Prinzipienlosigkeit, machtpolitisches Kalkül oder Wirtschaftlobbyismus zu unterstellen. Diesen Querulanten sei ein für alle Mal ins Stammbuch geschrieben: Nur ein Narr trägt sein Herz auf der Zunge! Und Frau Merkel ist – wie wir nicht erst seit gestern wissen – nun wirklich alles andere als eine Närrin. Unsere Bundeskanzlerin weiß wie keine zweite, wie man marode Regime durch vermeintliche Anpassung von innen her zerstört. Nur dank des geschickten Wirkens unsichtbarer Oppositioneller wie Frau Merkel konnte es überhaupt gelingen, die Mauer zu Fall zu bringen.

Das weiß auch die „Welt“ aus dem Hause Springer, die folgerichtig und höchst realistisch in Sachen Ägypten zu der Feststellung kommt: „Merkels Revolutionserfahrung ist gefragt“ (!) Zitat: „In dieser allgemeinen Verunsicherung wird die Bundeskanzlerin zu einer Pfadfinderin. Angela Merkel ist die einzige Staatenlenkerin eines führenden westlichen Landes, die eine demokratische Revolution erlebt und mitgestaltet hat.“

So mancher Leser mag sich verblüfft die Augen reiben oder gar an seinen Sinnen zweifeln: Die ehemalige FDJ-Sekretärin Andrea Merkel hat also tatsächlich die demokratische Revolution in der DDR „mitgestaltet“? Aber so ist es doch nun einmal gewesen, auch wenn vermeintliche Zeitzeugen in ihrer Kurzsichtigkeit und Borniertheit anderes behaupten mögen oder den engagierten "Welt"-Aufklärern gar Geschichtsklitterung unterstellen. Formal mögen diese Kritikaster ja im Recht sein, aber wer spricht denn heute noch von Dissidenten und Bürgerrechtlern wie Bärbel Bohley, Ruldolf Bahro, Robert Havemann, Siegmar Faust, Wolfgang Ullmann oder gar Jürgen Fuchs? Richtig: so gut wie niemand. Sie sind entweder tot oder in der Versenkung verschwunden. Aber unsere stille Oppositionelle, die Ex-FDJ-Sekretärin Angela Merkel, ist nach wie vor in aller Munde, jetzt, dank Springers "Welt" sogar als Revolutionärin. Merke: Heldentum rentiert sich nicht, Anpassungsfähigkeit hingegen sehr.

Und die Despoten dieser Welt seien an dieser Stelle schon einmal gewarnt. Hütet euch vor unserer Bundeskanzlerin! Sie wird euch zwar niemals offen kritisieren, aber wenn ihr fallen solltet, wird sie alsbald fest an der Seite der Unterdrückten und neuen Herrscher sein. Heute, morgen und immerdar.


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