04. August 2016

RezensionStephan Bickhardt: In der Wahrheit leben

Texte von und über Ludwig Mehlhorn

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Wenige Wochen nach dem Ausrufen der DDR wurde Ludwig Mehlhorn geboren. Schon früh wandte er sich gegen das Regime. Seine Familie verfolgte den Mauerbau im Westfernsehen und hatte vom Atheismus, dem Bonzentum und der Abgrenzung die Nase voll. Mehlhorn spielte für die Versöhnung Polens mit Deutschland eine große Rolle. Er bezeichnete die friedliche Revolution als „Geschenk, das wir uns gegenseitig gemacht haben“. Mit Mitte 20 besuchte er Polen zum ersten Mal, lernte die Sprache und übersetzte später regelmäßig Widerstandsschriften, die auf illegalem Wege verbreitet wurden. Über Jahre hinweg pflegte er Kontakte zu Widerständlern in Polen und sah dort, wie die „Macht der Machtlosen“ eine Gesellschaft trotz staatlicher Repressionen verändern kann. Mehlhorn erkannte, dass die Zerstörung der menschlichen Bindungen als erstes überwunden werden müsse. Dazu bräuchte es Freiräume und Parallelstrukturen zum Staat. Kleine Initiativen und Zusammenschlüsse wären ideal, um einen Teil des gesellschaftlichen Lebens autonom zu gestalten. Dabei sollte kein konkretes Programm gefordert, sondern zunächst die Diktatur diskreditiert werden. Mehlhorn war die missbräuchliche Macht der Sprache bewusst. Begriffe hatten ihre Bedeutung verloren. Ein Paradigmenwechsel der politischen Sprache müsse erreicht werden. Die Gleichsetzung von Staat und Gesellschaft musste gebrochen werden. Mehlhorn predigte Mut und Risikobereitschaft, die Flucht nach vorne. Nach Verfolgung durch die Stasi sollte er angeklagt und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt werden. Seine zahlreichen Kontakte zu anderen Widerständlern und in den Westen schützten ihn jedoch. Nach jahrelanger publizistischer Tätigkeit wurde er Mitgründer der Initiative „Demokratie Jetzt“, die eine kurze Rolle vor und während der Revolution in der DDR spielte. Im Mai 2011 starb Mehlhorn im Alter von 61 Jahren.


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