23. Mai 2013

Alternative Arbeitervereine Zu Beginn zerstörte die SPD jede Selbsthilfe

Die deutschen Arbeiter hätten einen besseren Weg verdient gehabt

Dossierbild

Die 1860er waren wilde Jahre, fast so wie die legendäre Dekade ein Jahrhundert danach. Dank technischen Fortschritts und damit einhergehender Arbeitszeitverkürzungen und Lohnerhöhungen fanden deutsche Arbeiter Zeit und Muße, nicht zuletzt auch zur politischen Betätigung. Die junge Arbeiterbewegung stand vor einer Zerreißprobe. Mittel und Ziele waren stark umstritten: Selbsthilfe? Oder staatliche Alimentierung? Um diese Fragen drehte sich jede Diskussion, an deren Ende die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), des Vorläufers der SPD, am 23. Mai 1863 durch Ferdinand Lassalle stand – und damit der Triumph des politischen Mittels in der deutschen Arbeiterschaft.

In den Monaten zuvor war der liberale Parlamentarier Hermann Schulze-Delitzsch durch die Berliner Arbeitervereine gezogen. Er warb für seine genossenschaftlichen Ideen und verteidigte die kapitalistische Ordnung als besonders produktive Wirtschaftsform. Seinen Familiennamen hatte der bekennende Anhänger der manchesterliberalen Ideen von Richard Cobden und John Bright schon nach seinem Einzug in die Preußische Nationalversammlung 1848 um den Namen seines sächsischen Wahlkreises erweitert, um von den zahlreichen Namensvettern im Parlament unterschieden werden zu können. Im Juni 1861 gehörte Schulze aus Delitzsch zu den Gründern der Deutschen Fortschrittspartei, in der einige Jahre später der radikalliberale Eugen Richter für einiges Aufsehen sorgen sollte.  Im Zentrum seines genossenschaftlichen Konzepts standen die Ablehnung jeder staatlichen Unterstützung und die Befürwortung von Selbsthilfe und Eigenverantwortung auf dem Boden der Marktgesetze. Mit diesen Ideen gerüstet ging Schulze-Delitzsch 1862 in die Versammlungen der Berliner Arbeiter.

Der liberale Arbeiterführer wies in seinen Vorträgen stets auf die staatlichen Produktionswerkstätten nach der 1848er-Revolution in Frankreich hin, die innerhalb weniger Jahre zu Verwahranstalten der Wohlfahrt degeneriert waren. Mangelnde Produktivität und Kapitalbildung wurden schnell zu den größten Problemen der französischen Staatswirtschaft. Schulze-Delitzsch wollte einen solchen Niedergang in Deutschland vermeiden, eine typische sozialistische Entwicklung, die auch das Selbstwertgefühl und am Ende den Wohlstand der Arbeiter nur senken konnte. Schulze-Delitzsch hielt dagegen: Jeder Arbeiter solle sich als Eigner seiner Ware Arbeitskraft verstehen und mit dieser am Marktgeschehen teilnehmen. Lediglich ein Minimalstaat sollte bei Bedarf schulisch qualifizierend einschreiten. Bildung und geistige Mobilisierung statt Protektionismus und Wohlfahrtshängematte. Ganz nach Wilhelm von Humboldts Ideal der Förderung der selbsttätigen Kraft zur Freiheit. Auch sein Konzept von den Genossenschaften basierte nicht auf dem brüderlichen Pathos der Sozialisten oder altruistischer Nächstenliebe, sondern auf wirtschaftlichem Effizienzbestreben und gesundem Egoismus. Nur das Prinzip „Leistung gegen Leistung“ führe zu Erfolg und Wohlstand. Die genossenschaftliche Selbsthilfe sollte den gemeinsamen Erwerb von Konsum- und Produktionsmitteln ermöglichen und bis in den Bereich der Unfall- und Krankenfürsorge erstrecken. Arbeiter sollten nötiges Kapital selbst ansparen und sich damit von staatlicher Wohltätigkeit emanzipieren.

Der etwas andere Arbeiterführer kam gut an. Sein striktes Nein zu Almosen und Subventionen traf auf Beifall und Jubel in den Sälen der Arbeitervereine. Sein Gegenspieler Ferdinand Lassalle erzürnte, lag doch die Gründung einer ersten politischen Organisation der Arbeiter förmlich in der Luft. So kurz vor dem Durchbruch sollte ihm ein dahergelaufener „Fortschrittler“ keinen Strich durch die Rechnung machen. „Haarsträubender Blödsinn! Hirsebrei! Gedankenloses Bimbamgeläute!“, wütete Lassalle über Schulze-Delitzschs Arbeiterkatechismus. Spargroschen, Pumpvereine, Kleinbetriebsnetze und Gemeinschaftsläden waren in seinen Augen lächerliche Antworten auf die soziale Frage der industriellen Moderne. Selbstverantwortung hielt Lassalle für ein bürgerlich-weltfremdes Klischee. Vielmehr bräuchten Arbeiter eine straffe, zentralisierte Führung. Seine Führung. Und Produktionsgenossenschaften in Arbeiterhand, finanziert durch Staatskredite. Ein Brief des sozialistischen Zentralkomitees in Leipzig kam ihm im Februar 1863 dann gerade recht. Das Komitee wollte endlich eine Arbeiterpartei gründen und ein Programm aufstellen. Die Sachsen suchten dafür einen Anführer. Ferdinand Lassalle verfasste schnell ein „offenes Antwortschreiben“. Seine 37 Seiten, heute unentbehrlicher Bestandteil des sozialdemokratischen Mythos, wurden im März 1863 in einer Auflage von 12.000 Exemplaren gedruckt und für einen Silbergroschen an interessierte Arbeiter verkauft. Der Weg zum ADAV und damit zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands war nun vorgezeichnet.

Am 23. Mai 1863 ließ sich Lassalle zum ersten Präsidenten des ADAV krönen. Danach kannte seine Häme gegen Schulze-Delitzsch keine Grenzen mehr. Ein siegestrunkener Allmachtsphantast hatte den Thron bestiegen: „Schulze-Delitzsch und sein ganzer Standpunkt ist aufgeschlitzt und seine Eingeweide ans Licht gekehrt“, schrieb er einem Parteifreund. Hemmungslos rechnete er mit der Selbsthilfe-Idee und dem „Sparapostel“ der Deutschen Fortschrittspartei ab. Der Versuch, Arbeitern Aufstiegsträume einzureden, sei „nervenschmerzerregend“. Eine „kleinbürgerliche Seele“ sei dieser Schulze: „Sind Sie denn nie aus Bitterfeld und Delitzsch herausgekommen?“ Zu gerne ließ er in Versammlungen seiner jungen Partei Spottlieder auf den geschlagenen Widersacher anstimmen.

Einen mächtigen Verbündeten gegen die letzten liberalen Widerstände und vor allem gegen den ungebrochenen schriftstellerischen Eifer Schulze-Delitzschs fand Lassalle in Otto von Bismarck. Während Schulze-Delitzsch nun auch gegen Bismarck als weiteren eben nur scheinbaren Freund der Arbeiter ausholte, kungelte dieser mit Lassalle in geheimen Kaminrunden. Beide glaubten an den starken Staat. Beide wollten sie die soziale Frage durch staatliche Interventionen lösen. Der preußische Kanzler sah Schulze-Delitzschs Genossenschaftsideen ebenfalls als Konkurrenz, nur eben auf seinem Felde. Bismarck vermutete in den entstehenden Genossenschaften der Kaufleute nämlich Tarnvereine alter Revolutionäre. Vorbilder aus England schickten Trainer und Unternehmensberater nach Deutschland und luden zu Gründertreffen. Darlehensvereine sprossen aus dem Boden, die Kreditklemmen kleiner Gewerbetreibender ausgleichen konnten. Diese „Kriegskassen der Demokratie“ gehörten in den Augen Bismarcks geschlossen. Die erbitterte Debatte um die Genossenschaften dauerte noch bis 1868. Immerhin konnte Schulze-Delitzsch vier Jahre nach dem Tod Lassalles zumindest für Kaufleute und Handwerker ein Genossenschaftsgesetz durchsetzen.

Dass der deutschen Arbeiterschaft sein Konzept der Selbsthilfe verwehrt geblieben war, war das zweifelhafte Verdienst Ferdinand Lassalles. Mit Brachialrhetorik und Klassenkampf-Pathos bereitete er den Boden für Staatsgläubigkeit, Unterwürfigkeit und Mutlosigkeit. Ein entstehendes Arbeiter-Versicherungs- und -Schulwesen wurden zugunsten staatlicher Modelle zurückgefahren. Kungelbruder Otto von Bismarck führte den Weg zu seinem bitteren Ende. Mittels bis heute gültiger Sozialgesetzgebung und protektionistischer Deutschtümelei verbannte er den bis dato keineswegs schwachen Selbsthilfe- und Malocherehrgeiz auf Jahrzehnte aus den Köpfen der deutschen Arbeiter. Auf diesem wenig fruchtbaren Boden gedeiht die Sozialdemokratie über alle Parteigrenzen hinweg bis heute.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. April erschienenen Mai-Ausgabe  eigentümlich frei Nr. 132


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Sozialstaat

Mehr von Henning Lindhoff

Über Henning Lindhoff

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige