Mario Fleischmann

Mario Fleischmann, Jahrgang 1990, studiert Ressortjournalismus in Ansbach, erstellte die Internetseite Mises-media.de und arbeitet derzeit als Praktikant für eigentümlich frei.

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Diskussion bei Jauch: Mindestlöhne ahoi!

von Mario Fleischmann

Mit dem sinkenden Schiff nach Spanien und Griechenland

12. November 2012

Deutschland hat eine niedrige Arbeitslosenquote von 5,4 Prozent. Die Zahl ist zwar etwas geschönt, aber im historischen Vergleich ziemlich gut. Dafür verdienen 1,4 Millionen Menschen hierzulande weniger als fünf Euro pro Stunde und jeder fünfte weniger als 10,36 Euro. Lediglich vier Millionen Erwerbstätige haben einen gewerkschaftlich durchgesetzten, tariflichen Mindestlohn.

Aus diesem Anlass wurde am gestrigen Abend bei Günther Jauch in der ARD der Ruf nach einem flächendeckenden Mindestlohn laut. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), der Bundestagsabgeordnete Anton Schaaf (SPD) und Oskar Lafontaine (Die Linke) waren sich darüber einig, dass ein solcher Schritt notwendig ist. Lediglich die Höhe schwankte zwischen 8,50 Euro und zehn Euro. Der Unternehmer Thomas Kemmerich (FDP) hatte wenig entgegenzusetzen. Zwar lehnt er einen gesetzlichen Mindestlohn ab. Er befürwortet aber stärkere Gewerkschaften. Dass Mindestlöhne eine höhere Arbeitslosigkeit nach sich ziehen könnten, befürchten die Diskutanten nicht. Der Ökonom Karl Brenke fasste zusammen, dass man zwar nicht genau wisse, ob Mindestlöhne Arbeitslosigkeit verursachen. Jede Studie sage etwas anderes. Aber man sollte es doch einfach mal versuchen.

Nun sind Löhne aber nicht von Emotionen abhängig oder gar durch die Politik bestimmt. In der Wirtschaft geht es auch nicht um Geldbeträge. Geld ist nur ein Tauschmittel. Niemand will Geld. Jeder möchte Waren. Und Waren müssen produziert werden. Wer einen höheren Lebensstandard beziehungsweise höhere (Real-) Löhne möchte, der muss ein Umfeld schaffen, in dem möglichst viel produziert wird. Das heißt, die Produktivität der Arbeit muss möglichst hoch sein. Daran kann ein Dekret der Politik nicht viel ändern. Denn es bedarf Kapitalgüter wie Maschinen, Fabriken und des Wissens der Arbeiter, um mehr zu produzieren. Ein Arbeiter mit einer Schaufel braucht viel länger, um ein Loch zu graben, als ein Arbeiter, der mit einem hochmodernen Bagger ausgestattet ist. Letzterer ist also produktiver. Wer höhere Löhne will, muss ein Umfeld schaffen, in dem mehr Kapitalgüter entstehen. Weniger Arbeiter produzieren dann mehr Waren und können mehr Waren konsumieren. Der Wettbewerb zwischen den Unternehmen stellt sicher, dass jeder annähernd das bekommt, was seiner Produktivität entspricht. Die Arbeiter lehnen niedrige Lohnangebote ab und gehen zu jenen Unternehmen, die mehr bezahlen.

Ein Mindestlohn wirkt sich auf die Produktivität aber nicht aus. Er kann bestenfalls zur Umverteilung von Besserverdienenden zu Schlechterverdienenden führen. Mindestlöhne sind aber im Grunde nur eines: erzwungene Arbeitslosigkeit. Denn das Mindestlohngesetz sagt, dass es illegal ist, Menschen unter dem Stundenlohn von XY Euro pro Stunde einzustellen. Die Verträge kommen dann schlicht nicht zustande. Man könnte zunächst meinen, dass sie zu höheren Löhnen abgeschlossen werden. Aber höhere Löhne bedeuten immer höhere Preise, da die Gewinnspanne der Unternehmen im Schnitt nur etwa drei bis vier Prozent beträgt. Der Konsument bezahlt die Mindestlöhne also mit höheren Preisen der meisten Güter. Das bedeutet, dass die gesamte Nachfrage nach Gütern sinken muss. Wenn die Nachfrage sinkt, sinkt aber auch die Nachfrage nach der Arbeit, welche die Güter herstellt. Die Erwerbstätigen, denen die Lohnerhöhung eigentlich zugute kommen sollte, werden entlassen. Das sind in erster Linie die Unproduktivsten. Vor allem also junge Menschen und Geringqualifizierte.

Die Ökonomie ist sich darüber eigentlich einig. Dass empirische Studien manchmal das Gegenteil belegen können, ist nichts Ungewöhnliches. Die Wirtschaft ist ein chaotisches System, in dem keine Laborbedingungen herrschen. Zum Beispiel könnte ein Mindestlohn in Norwegen nicht zu Arbeitslosigkeit führen, wenn zur selben Zeit große Ölvorkommen entdeckt werden. Es gibt Tausende solcher Effekte, die in die eine oder andere Richtung wirken. Eine empirische Studie kann niemals alle Effekte berücksichtigen. Nur die Theorie kann eine Antwort geben und diese ist eindeutig. Viele Ökonomen glauben heute zwar (fälschlicherweise), dass es zu einem Nachfrageschock in der Wirtschaft kommen kann und dass aus einer solchen Krise nur eine staatliche Erhöhung der Nachfrage führen kann. Lohnerhöhungen wären in diesem Fall angemessen und könnten die Arbeitslosigkeit sogar verringern. Darüber lässt sich lange streiten, die Diskutanten bei Günther Jauch hatten sich aber zu keiner Zeit darauf bezogen. Ihre Denkweise hatte nicht viel Ökonomisches an sich. Es war nur ein: Es gibt ein Problem und die Welt ist so einfach, dass man jedes Problem per Dekret abschaffen kann, ohne ungewünschte Nebenwirkungen zu erhalten.

Man wäre gut damit beraten, erst einmal zu schauen, ob die niedrigen Löhne nicht durch eben solche Dekrete, sprich Markteingriffe, verursacht wurden. Zum einen bedeuten nämlich die von Frau von der Leyen gefeierten „tariflichen Mindestlöhne für vier Millionen Beschäftigte“, dass die Nachfrage nach Arbeit in diesen Branchen sinkt und die Arbeiter dann in die übrigen Branchen abwandern. Dadurch herrscht ein Überangebot an Arbeit in den Branchen ohne Mindestlohn. Der Lohn fällt dann notwendigerweise. Würden die Mindestlöhne abgeschafft, könnten die ehemaligen Mindestlohn-Branchen mehr Arbeiter einstellen. Dort sänken die Löhne anschließend. In den übrigen Branchen stiegen sie allerdings. Vor allem aber sind die durch die Europäische Zentralbank (EZB) künstlich niedrig gehaltenen Zinsen schädlich. Sparen lohnt sich nicht mehr. Der Konsum steigt und die Ersparnisse fehlen, um in Kapitalgüter zu investieren, oder das bestehende Kapital wird aufgezehrt. Zum anderen führen die niedrigen Zinsen zu Fehlinvestitionen, wie der Ökonom Ludwig von Mises feststellte. Kapital wird durch die falschen Signale des manipulierten Zinses in Bereichen investiert, die sehr lange brauchen, um Konsumgüter abzuwerfen. Es gibt in dieser Situation aber nicht genügend Kapital, um die fehlinvestierten Unternehmungen fertig zu stellen. Am Ende platzt die Blase und es wurden Dinge produziert, die nicht fertig geworden sind und die niemand braucht. Das ist etwa so, als würde man Löcher graben und anschließend zuschütten. Die Produktivität der Arbeit nimmt ab und die Reallöhne sinken. Bestes Beispiel dafür sind die Unmengen an halbfertigen Bauten in Spanien.

Momentan führen diese niedrigen Zinsen zusammen mit der Kapitalflucht aus den Südstaaten in Deutschland zu einem Immobilienboom. Die Häuserpreise und Mieten steigen vor allem in den Städten enorm, obwohl die Bevölkerung schrumpft. Das trifft in erster Linie Geringverdiener.

Einem solchen künstlich geschaffenen Boom sind die heutigen Krisenstaaten der Eurozone zum Opfer gefallen. Die niedrigen Zinsen der EZB führten zu einem Bauboom und einer Erhöhung der Mindestlöhne, die nicht dem Produktivitätszuwachs entsprach. Nach dem Platzen der Blase waren die Löhne zu hoch, um Vollbeschäftigung zu ermöglichen. Eine Senkung ist wegen der starken Gewerkschaften aber nicht möglich. Heute haben Griechenland und Spanien eine Arbeitslosenquote von 25 Prozent. EU-weit sind es satte 10,6 Prozent. Besonders hoch ist die Jugendarbeitslosigkeit von teilweise über 50 Prozent, was mit der Theorie der Mindestlöhne perfekt übereinstimmt. Laut Ifo-Chef Hans-Werner-Sinn müssten die Löhne in Griechenland um 30 Prozent fallen, in Portugal um 35 Prozent, in Spanien um 20 Prozent, in Italien um 15 Prozent und sogar in Frankreich um 20 Prozent. Erst dann wären die Krisenländer wieder wettbewerbsfähig. Bisher ist nur Irland eine angemessene Senkung des Lohnniveaus gelungen. Irland war erfolgreich, weil es seine Krise zuerst hatte und sich selbst helfen musste. Es konnte sich nicht auf Rettungen und Transferzahlungen durch andere verlassen. Auch ist die irische Volkswirtschaft sehr exportlastig. Eine eingeschränkte Wettbewerbsfähigkeit hätte viel gravierendere Folgen gehabt als in Spanien oder Griechenland, bei denen der Exportanteil nur etwa 30 Prozent des BIP ausmacht. Daher gibt es dort eine starke Lobby für angemessene Löhne. Für Deutschland als exportorientierter Wirtschaft wäre die gleiche Situation also verheerend. Die Immobilienblase ist bereits im Entstehen begriffen. Wenn nach dem Platzen zu hohe Mindestlöhne vorherrschen, ist das eine Katastrophe. Zumal halb Europa am deutschen Tropf hängt. Die Europäische Zentralbank hätte dann allerdings eine wunderbare Rechtfertigung dafür, höhere Inflationsraten zu verursachen. Das würde zumindest die Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellen, da Inflation die Löhne abwertet, real also senkt. Die wirtschaftliche Stärke Deutschlands ist der EU ein Dorn im Auge, weil die Deutschen eine Inflation nicht so einfach hinnehmen werden und die Löhne in den Krisenländern ohne eine Abwertung nicht sinken können. Zwar hat die Krise eine Zentralisation der EU ermöglicht. Dass die europäischen Südstaaten im Vergleich zu den Nordstaaten nun aber dermaßen unterschiedliche Entwicklungen aufweisen, droht das ganze Projekt zu gefährden. Da wäre es nur willkommen, wenn am Ende alle in einem Boot sitzen. Einem sinkenden Boot, überfüllt mit Mindestlöhnen.

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