06. September 2026

Klassiker der Ökonomie Hayeks „Entnationalisierung des Geldes“

Was ist in den 50 Jahren bis heute geschehen?

von Götz Piwinger

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Bildquelle: Redaktion Geldmonopol: Zentralbank und Währungswettbewerb im Spannungsfeld (KI-generiert)

Im Herbst 1976 veröffentlichte Friedrich August von Hayek ein schmales, provokantes Buch, das die Geldtheorie für immer verändern sollte: „Choice in Currency – A Way to Stop Inflation“, aus dem später „Denationalisation of Money“ hervorging, auf Deutsch: „Entnationalisierung des Geldes“. 50 Jahre später liest sich dieser Text wie eine hellsichtige Prophezeiung – und zugleich wie eine Anklage gegen ein System, das sich seither nicht grundlegend gewandelt hat, sondern in seinen Pathologien eher verhärtet ist.

Hayek erinnert in seinem Aufsatz zu Beginn an Adam Smith, der bereits 1776 in „The Wealth of Nations“ feststellte, dass Herrscher das Vertrauen ihrer Untertanen missbraucht hätten, indem sie aus Habgier den Edelmetallgehalt ihrer Münzen reduzierten. Damals wie heute ist das Muster dasselbe: Der Staat greift in das Geldwesen ein, um kurzfristige Interessen zu bedienen – immer auf Kosten der Bürger. Was Smith für Monarchen beschrieb, gilt für Zentralbanken in erschreckend ähnlicher Weise.

Hayeks Diagnose: Das Staatsmonopol als Inflationsmaschine

Hayeks Kernthese ist so einfach wie radikal: Das staatliche Geldmonopol ist strukturell inflationsanfällig. Unsere Regierungen können niemals im Allgemeininteresse handeln, wenn es um die Geldmenge geht. Die Versuchung, sozialen und wirtschaftlichen Unzufriedenheiten mit billigem Geld zu begegnen, sei schlicht zu groß. „Wir sollten gelernt haben“, schreibt Hayek, „dass die Geldpolitik viel eher eine Ursache als ein Heilmittel von Depressionen ist, weil es viel einfacher ist, dem Geschrei nach viel billigem Geld nachzugeben.“

Billiges Geld – so Hayek – schafft nicht nur durch Inflation massive Ungerechtigkeiten, es verzerrt auch die relativen Preise. Inflation ist nichts anderes als die Vermehrung des Geldes. Umso mehr davon erzeugt wird, desto nahezu proportional weniger wird es wert. Kapital und Arbeit fließen in Pseudo-Investitionsprojekte, die nur unter künstlich niedrigen Zinsen oder mit Subventionen rentabel erscheinen. Wenn die Geldmengenexpansion endet oder sich verlangsamt, kollabieren diese Fehlinvestitionen. Krisen sind in der Folgelogik nicht „Marktversagen“, wie es Kollektivisten gerne proklamieren, sondern die unausweichliche Folge staatlicher Geldmanipulation.

Hayeks Lösung: Ein Wettbewerb der Währungen. Private Banken sollen das Recht erhalten, eigene Währungen zu emittieren – getrieben vom Anreiz der „Seigniorage“ – dem Gewinn aus der Differenz von Produktionskosten und Nennwert. Die Nutzer wählen frei. Wer stabile Währungen anbietet, gewinnt Marktanteile; wer inflationiert, verliert Kunden. Der Markt selektiert das beste Geld – so wie er die besten Produkte selektiert. Die Beobachtung des persönlichen Warenkorbs ist die Messlatte.

Die Europäische Zentralbank: Das Erbe einer fehlgeleiteten Architektur

Gemessen an Hayeks Grundgedanken erscheint die Europäische Zentralbank als institutionaliserter Widerspruch. Die EZB ist weder demokratisch legitimiert noch dem Markt unterworfen. Ihre Politik der vergangenen anderthalb Jahrzehnte – Negativzinsen, Anleihekaufprogramme in Billionenhöhe, die Verwischung der Grenze zwischen Geld- und Fiskalpolitik – ist das genaue Gegenteil dessen, was Hayek für heilsam hielt.

Die EZB hat seit der Finanzkrise 2008 und nochmals seit der Corona-Pandemie ihren Bilanzumfang auf über sieben Billionen Euro aufgebläht. Das Ergebnis: historisch niedrige Zinsen, welche die Vermögenspreisinflation bei Aktien und Immobilien befeuerten und damit exakt jene Ungleichheit schufen, die Hayek vorhergesehen hatte. Die Vermögenden, die Eigentümer von Sachwerten, wurden reicher; Sparer, Mieter und Lohnempfänger verloren relativ an Boden. Die EZB hat damit, wenn auch möglicherweise unbeabsichtigt, eine der größten Umverteilungen von unten nach oben in der Geschichte des Kontinents organisiert.

Als die offizielle Inflation 2021/22 mit 3,1 Prozent auf den höchsten Stand seit einer Generation stieg, reagierte die EZB zögerlich – und bestätigte damit Hayeks Diagnose, dass politische Institutionen strukturell zu spät reagieren. Die Zinserhöhungen kamen mit Verzögerung und trafen nun ihrerseits Staaten, die sich unter dem Schutz billiger Kredite massiv verschuldet hatten. Die Geldpolitik der EZB ist zum Gefangenen der europäischen Fiskalpolitik geworden – eine Abhängigkeit, die Hayeks schlimmste Befürchtungen bestätigt hätte.

Der digitale Euro: Werkzeug der Stabilität oder Instrument der Kontrolle?

In diesem Kontext ist auch das Projekt des digitalen Euro äußerst kritisch zu betrachten. Die EZB arbeitet seit 2021 an einem digitalen Zentralbankgeld (CBDC), das zunächst als ergänzendes Zahlungsmittel für Privatpersonen eingeführt werden soll. Die offiziellen Begründungen klingen plausibel: Finanzstabilität, finanzielle Inklusion, Unabhängigkeit von privaten Zahlungsanbietern wie Visa oder PayPal, Wahrung der geldpolitischen Pseudo-Souveränität gegenüber privaten Kryptowährungen.

Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich eine eiskalt geplante Machtarchitektur. Ein digitaler Euro, der direkt von der Zentralbank emittiert wird und auf individuellen Konten liegt, gibt den Währungsdiktatoren eine beispiellose Sichtbarkeit auf alle Transaktionen – und damit potenziell das Instrument, Konsum zu steuern, Vermögen zu begrenzen oder negative Zinsen unmittelbar auf Bürgerkonten durchzusetzen. Was als technologische Modernisierung verkauft wird, ist in Wahrheit ein massiver Schritt zur Zentralisierung monetärer Macht.

Programmierbarkeit des Geldes

Die technische Möglichkeit, Geld mit Verfallsdaten, Ausgabebeschränkungen oder politisch definierten Verwendungszwecken zu versehen, ist keine Fantasie mehr. Wer unbequem ist, landet im De-Banking. Was heute noch als Horrorvision gilt, könnte morgen Realität sein: Geld, das nicht mehr neutral ist, sondern Träger staatlicher Verhaltenslenkung. Hayek hätte dies als die vollständige Entfesselung des Leviathans über das Geldwesen bezeichnet – das Ende monetärer Freiheit und damit das Ende des Eigentums.

Dabei ist nicht zu leugnen, dass ein digitaler Euro – so wie er im Ursprung geplant war – nämlich als ECU, einer reinen Handelswährung – auch genuine Vorteile bietet. Er könnte den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr in Europa vereinfachen oder auch die Abhängigkeit von amerikanischen Zahlungsdienstleistern reduzieren. Diese Argumente rechtfertigen aber nicht die Errichtung einer geldpolitischen Überwachungsinfrastruktur, die in ihrer Eingriffstiefe alles bisher Dagewesene übertrifft.

Für und Wider des Währungswettbewerbs – eine volkswirtschaftliche Betrachtung

Hayeks Idee des privaten Währungswettbewerbs hat in 50 Jahren wenig institutionellen Widerhall gefunden. Seine Idee blieb bisher reine Theorie, aber dennoch konnte sie nie widerlegt werden. Mit dem Aufkommen von Bitcoin, Ethereum und Dollar-gedeckten Stablecoins hat sie eine empirische Testfläche erhalten, die Hayek selbst nicht voraussehen konnte. Freie, unternehmerische Initiativen wie Bitcoin sind trotz aller Regulierungen entstanden. Die Gemeinschaft der öffentlichen Banken und Regierungen – vor allem in der EU – tut alles dafür, das Vertrauen des Volkes in Bitcoin zu erschüttern, sei es durch gezielte An- und Verkäufe, durch Negativberichterstattung oder den Versuch der Besteuerung.

Die Argumente für einen Währungswettbewerb sind gewaltig. Erstens erzwingt er Disziplin. Eine private Bank, die ihre Währung inflationiert, das heißt die Gesamtmenge bei gleichbleibendem Gesamtwert erhöht, verliert Nutzer an stabilere Alternativen. Der Marktmechanismus übernimmt die Funktion, die politisch gesteuerte Zentralbanken nicht verlässlich erfüllen können. Zweitens fördert er Innovation: Konkurrierende Währungen schaffen Anreize zur Entwicklung besserer Zahlungssysteme, günstigerer Transaktionskosten und höherer Transparenz. Drittens schützt er die individuelle Freiheit: Wer zwischen Währungen wählen kann, entzieht sich der Willkür eines staatlichen Monopolisten.

Die volkswirtschaftlichen Einwände sind jedoch nicht zu unterschätzen. Zunächst das Problem der Netzwerkexternalitäten: Geld entfaltet seinen Nutzen erst, wenn gegenseitig akzeptiert wird. Hier wären goldgedeckte Währungen eine gute Schnittstelle. Ein Währungswettbewerb könnte unter Umständen zu einer Fragmentierung führen, welche die Transaktionskosten erhöhen und wirtschaftliche Koordination erschweren könnte. Kein Unternehmen könnte sinnvoll kalkulieren, wenn es beispielsweise keine klaren An- und Verkaufskurse gäbe.

Manche Kritiker sprechen das Problem der Instabilität in Krisen an. Ein staatliches Zentralbanksystem könnte in deren Argumentation als Lender of Last Resort fungieren – es könne Liquidität bereitstellen, wenn private Akteure in Panik geraten. Sie verweisen dabei gerne auf die Bankenpanik des 19. Jahrhunderts. „Hayek (unter anderem in ‚Geldtheorie und Konjunkturtheorie‘, 1929) begründete Konjunkturzyklen damit, dass Zentralbanken in der Prosperitätsphase die Zinsen künstlich zu niedrig halten. Dies führt zu exzessiver Kreditvergabe und Spekulation, was schließlich im Kollaps (dem ‚Bust‘) endet“, schreibt Gunther Schnabl. Hinzu kommt die heutige, digitale Internationalisierung durch moderne Fintechs wie Revolut und viele andere. Durch die Verfügbarkeit von Internet ist heute vieles und vor allem vieles viel schneller möglich, als Hayek es jemals zu glauben gewagt hätte.

Es wird weiter kritisiert, dass private Währungsemittenten rasch in Niedrigregulierungsgebiete abwandern würden (Regulierungsarbitrage). Stablecoins, die heute zum Beispiel auf den Kaiman-Inseln domiziliert sind, zeigen, dass Finanzstandorte außerhalb der EU reizvoll sind. Nicht zuletzt die exponentielle Zunahme von Offshore-Firmen, zum Beispiel durch Gründung von LLCs zur Stabilisierung des eigenen Finanzrisikos, ist Zeuge für die schnelle Abwanderung in freiere Märkte. Es mag sein, dass die regionale und politische Finanzstabilität darunter leidet, doch nur wer global denken kann, wird überleben.

Manche hoffen auf den goldenen Mittelweg mit einem regulierten Wettbewerb zwischen privaten und öffentlichen Geldangeboten – einem System, in dem Stablecoins, Kryptowährungen und staatliches Geld unter gleichen Transparenzpflichten konkurrieren, ohne dass eine einzige Institution das Monopol auf Geldschöpfung behält.

Zwischenspiel: Ein KI-Agent zur Finanzmarktsteuerung ist möglich!

Im Schnelldurchlauf: EU-Finanzmarkt-Steuerung als KI-Agent, der periodisch Entscheidungen über Eingriffsintensität trifft:

Erstens „Zustände“ (stst) messen: Makro‑ und Marktindikatoren zu Zeitpunkt tt, zum Beispiel Kreditwachstum, Volatilität, Ausfallraten, Liquidität, Staatsverschuldung, Kapitalquoten, „politischer Druck“- Analyse.

Zweitens: „Aktionen“ (at) durchführen: Regulierungsmaßnahmen, zum Beispiel Leitzins anheben/senken, Eigenkapitalanforderungen verschärfen, neue KYC‑Regeln, Kapitalverkehrskontrollen, „Nichtstun“.

Drittens „Übergänge“ beobachten: Das Zusammenspiel aller Akteure (Banken, Firmen, Haushalte, Politik) bestimmt, wie sich die jeweiligen Zustände von stst nach st+1 verschiebt.

Viertens Belohnung „Reward“ (rt) an die KI vergeben: Eine (politökonomisch definierte) Zielfunktion, die die Behörde „optimieren“ soll.

In der Belohnungsfunktion als politökonomische Stellschraube steckt der normative Kern:

Eine „klassisch wohlfahrtsorientierte“ Belohnung der KI (Reward) könnte zum Beispiel kombinieren: hohe Beschäftigung, moderates Inflations‑ und Kreditwachstum, niedrige Krisenhäufigkeit, Stabilität des Finanzsystems.

Und: Eine „realpolitische“ Belohnung der KI (Reward) enthält üblicherweise: Wiederwahlwahrscheinlichkeit, Lobbydruck, Staatsfinanzierungsbedarf, kurzfristige Wachstumseffekte, Stabilität systemrelevanter Akteure.

Aus libertärer Perspektive ist zentral, dass die Belohnungen an die KI (Reward) nicht „objektiv“ gegeben sind, sondern die Präferenzen und Machtverhältnisse des politischen Systems kodiert. Wenn die KI-Regulierung algorithmisch lernt, diese Belohnungen (Rewards) zu maximieren, lernt sie letztlich, das bestehende Machtgefüge effizienter zu bedienen.

Fazit: Hayek als Kompass, nicht als Dogma

Hayeks „Entnationalisierung des Geldes“ bespricht letztendlich eine Ideologie, einen schönen Traum. Doch in der Paxeologie – dem Handeln des Menschen und damit auch des Homo Politicus – ist die konsequente Umsetzung eine Utopie. Ein Blick nach Argentinien hilft uns dabei, gesunde Realerfahrungen beim Thema Zentralbank zu verfolgen. Wenn der äußere Frieden in Zeiten von lautlosen Wirtschaftskriegen und geopolitischen Interessen gewahrt werden soll, wird man leider immer zu Kompromissen gezwungen.

Das Handeln der EZB hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten demonstriert, dass staatliche Geldhoheit keine Garantie für Preisstabilität ist – sie ist auch keine Garantie gegen Verteilungsungerechtigkeit, Fehlinvestitionen und politische Einflussnahme auf die Geldpolitik. Der digitale Euro droht, diese Pathologien nicht zu heilen, sondern durch technologische Mittel noch zu potenzieren.

Was not täte, wäre ein realistisches, politisches Handlungskonzept über die Grenzen staatlicher Geldmacht hinaus – und Bedingungen, unter denen private Alternativen gedeihen könnten, ohne die Stabilität des Systems zu gefährden. Diese Debatte findet nicht statt.

Stattdessen treibt die EZB ihr digitales Projekt voran, ohne dass Parlamente, Bürger oder unabhängige Wissenschaftler über die Bedürfnisse für Freiheit und Privatheit ernsthaft befragt werden.

Hayeks Arbeit hatte damals eine aktuelle Ursache. Sein Grundinstinkt – dass Geldmonopol Machtmissbrauch begünstigt – hat sich als sehr stabil und tragfähig erwiesen. Doch vor dem fünfzigsten Jubiläum von „Entnationalisierung des Geldes“ passierte das Bretton‑Woods‑System durch US‑Präsident Nixon 1971, wo die Goldbindung des Dollars beendet wurde und damit die direkte Einlösbarkeit von US‑Dollar in Gold für ausländische Zentralbanken nicht mehr möglich war. Was für eine Weitsicht!

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. August erscheinenden Sep./Okt.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 263.


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Dossier: Marktwirtschaft

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Götz Piwinger

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