05. Januar 2021

Massenmedien und „Verschwörungstheorien“ Ob man in Hamburg „Spiegel“ buchstabieren kann?

Damit ist nicht das Magazin-Imitat gemeint, sondern ein Licht reflektierendes Objekt, in dem man sich selbst erkennen kann ...

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: Prachaya Roekdeethaweesab / Shutterstock.com Auch er zählte seinerzeit zu den „Verschwörungstheoretikern“: Galileo Galilei mit seinem kopernikanischen Weltbild

Räusper. Also ... ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich ernst gemeint ist oder nur eine weitere der üblichen Verhöhnungen. Sagt ihr’s mir. Ich meine, liegt euch das tatsächlich am Herzen oder ist da wieder jemand auf Satireseife ausgerutscht?

Ach, ich zitiere mal einfach aus einem am 28. Dezember 2020 erschienenen Artikel eines gewissen Wochenblattes: „Überall auf der Welt“, wird gleich im Eingangstext zutreffend festgestellt, „wird von Verschwörungstheorien gesprochen“. Dann wird sich kräftig gewundert: „Nur in Deutschland hat sich der Glaube ausgebreitet, dass dieser Begriff schädlich und falsch sei.“

Direkt dahinter die krönende Frage, die Fasshersteller weltweit pleitegehen lässt: „Warum?“

Tja. Wie bringe ich euch das jetzt bloß schonend bei? Keine Sorge, ich mach’s ganz zärtlich: Also, da gibt es diese in Hamburg produzierte Wochenzeitung – Gerüchten zufolge soll es sich um eine der „renommiertesten“ des Landes handeln –, die seit Jahr und Tag ebensolche Theorien (sofern es denn wirklich welche sind ...) aus Leibeskräften zu diskreditieren versucht. Keine Gelegenheit lässt man dort aus, um alles und jeden, der es wagt, mehr zu wissen als – genderkorrekt formuliert – Mainstream-Journalismierende (siehe dazu auch: beliebig Biegbare oder windelweiche Wirbellose) und obendrein auch noch durch öffentliche Verbreitung dieses nicht auf offiziell abgesegneten Wegen, also unlauter erworbenen Mehr- oder Genauerwissens den, naja, „Horizont“ dessen, „was wir wissen, was wir nicht wissen“, als das zu entlarven, was es nun mal ist, nämlich eine jämmerliche, feige „Konsens“-Pfütze vermeintlicher „Ultima Ratio", hinter der nichts sein kann, was nicht sein darf, aus Leibeskräften, pardon, anzuscheißen, als handele es sich um ein unverzeihliches Kapitalverbrechen.

In den meisten Fällen übrigens ohne jede Recherchebasis. Es wird also einfach nur behauptet, es handele sich um „Theorien“. Meistens – wenn es den für die jeweiligen Artikel verantwortlichen „Journalisten“ an Kreativität mangelt – sind sie „krude“. In etwas „originelleren“ Fällen stammen sie samt und sonders von Nazis. Oder Reichsbürgern, Rechtsextremisten, Esoterikern, Spinnern oder Merkel-, Klima-, Euro- und Europa-, Masken-, Impf- oder Corona-Leugnern–- take your pick. Auch toll: „Kita-Skeptiker“. Ich erlaube mir keinen Scherz. In derselben Zeitung erschien unlängst ein Artikel, in dem Eltern, die ihre Kinder nicht staatlicher Rundumbetreuung überlassen möchten, als „Kita-Skeptiker“ bezeichnet wurden. Ich war erstaunt: Warum so zurückhaltend? Ihr seid doch sonst so nassforsch. An eurer Stelle hätte ich das viel konsequenter formuliert: „Verfassungsschutz warnt: Kita-Skepsis wird vor allem in rechtsextremen Chaträumen auf Hitlergram verbreitet.“ Das sitzt!

Mit anderen Worten stammen solche angeblichen Theorien zumeist von Staatsleugnern, die offiziös verkündete Lesarten bestimmter Ereignisse infrage stellen. Offiziös – oder offiziell – bedeutet heutzutage, dass diese Lesarten aus der Parallelwelt der (glücklicherweise und zu Recht schwer angeschlagenen) politisch-medialen Meinungsindustrie irgendwie – ich möchte fast sagen, auf kruden Wegen – in die Realität gelangten. Wie bereits erwähnt, reibt sich jeder, der andere Deutungen anbietet, nachts heimlich mit Hitlers bester Himbeerkonfitüre ein und übt vor dem Spiegel verschwörungsnazistisches Liedgut – so wie alle anderen, die nicht auf derselben Frequenz dieser Parallelwelt schwingen, also das niedere Volkspack (siehe dazu auch: alte, abgehängte, scheißweiße Globalisierungsverlierer).

Doch genug davon. Besser wäre es, ein paar Beispiele dafür zu geben, wie alltäglich konspiratives Verhalten ist. Das ist nämlich gar nichts Besonderes.

Wenn man – so wie es in der Politik ja gang und gäbe ist – zum Beispiel innerhalb einer Partei ein unliebsames Mitglied (also einen Nazi beziehungsweise eine Nazi*in oder Nazierende) aus welchen Gründen auch immer loswerden oder am weiteren Aufstieg hindern will, kann es vorkommen (so wie es in der Vergangenheit schon zuhauf geschah), dass einige Leute die Köpfe zusammenstecken und sich überlegen, wie sie dieses Ziel am besten erreichen. Sie schmieden beispielsweise eine Intrige, locken den Delinquenten, pardon, Delinquierenden in eine Falle (beispielsweise eine gut vorbereitete Sexfalle oder Ähnliches) und geben das solcherart gesammelte Material dann an die Presse weiter (siehe dazu auch: „Causa XY“ oder „Skandal“). Auch sehr beliebt: Dunkle Flecken aus dem Werdegang des/der zu Entsorgenden ausgraben und einem befreundeten Journalisten übergeben, der das Ganze dann schön medienwirksam aufkocht. Da natürlich niemand etwas davon wissen soll, tun sie es im Geheimen, vulgo: Sie konspirieren, sie verschwören sich.

Oder denkt nur an die – jetzt muss ich schon wieder dieses doofe Wort gebrauchen – Verschwörung zur Ermordung eines gewissen Gaius Julius Cäsar. Diese ging bekanntlich nicht zuletzt dadurch in die Geschichte ein, dass Cäsar, als auf ihn leidenschaftlich eingestochen wurde, etwas überrascht gesagt haben soll: „Auch du, Brutus, du Populist?“

Noch ein Beispiel: Wenn eine Gruppe von, sagen wir mal, drei Konzernen im Geheimen Preisabsprachen trifft, die zulasten des Kunden gehen, wäre auch das eine Verschwörung. In der amerikanischen Rechtsprechung findet sich dazu sogar eine entsprechende Formulierung: „Conspiracy against ...“, also „Verschwörung gegen ...“. Im Rahmen der grotesk lächerlichen „Russiagate“-Affäre wurde Donald Trump zum Beispiel vorgeworfen, er habe sich an einer „Conspiracy against the United States of America“ beteiligt.

Um die leidige Thematik etwas aufzulockern: Wenn Anton, Monika und Horst ihren Freund Franz zum Geburtstag aus einem verdunkelten Nebenzimmer mit einer Torte anspringen wollen, um ihn zu überraschen, wovon Franz natürlich nichts wissen soll (sonst wäre es keine Überraschung mehr), müssen sie sich hinter Franz’ Rücken vorher absprechen. Strenggenommen wäre auch das eine Verschwörung, in diesem Fall allerdings eine positive, gut gemeinte. Es sei denn, der arme Franz verträgt keine Überraschungen und erleidet dabei einen Herzinfarkt. Das wäre dann ein Fall fürs „Ministerium für dumm gelaufen“.

Dies sollte genügen, um zu verdeutlichen, dass konspiratives Verhalten absolut nichts Ungewöhnliches ist. Es ist alltäglich. Es geschieht ständig. Ungeachtet der Intentionen, ob es sich also nun um eine harmlose Geburtstagsüberraschung, eine miese politische Intrige, Kartellbildungen, die möglichst unentdeckt bleiben sollen, die Ermordung eines römischen Imperators oder sonst was handelt.

Wenn nun also ausgerechnet eine gewisse deutsche Wochenzeitung meint, ihre Lesenden allen Ernstes fragen zu müssen, warum dieser Begriff in der Volksrepublik Merkelkorea eigentlich so verpönt ist, kann ich es leider nicht bei der Frage belassen, ob man dort die Bezeichnung eines weit verbreiteten Alltagsgegenstandes buchstabieren kann, in dem man sich schockierenderweise wiedererkennen könnte, sondern muss eine weitere stellen: Wie viele Clowns gehen in eine Tasse Frühstückskaffee?


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