26. November 2020

Deutschland im Teil-Lockdown Am Fenster

Von Ärzten und Wirten

von Burkhard Voß

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Bildquelle: Diliris / Shutterstock.com „Mediterranes Flair“ in Deutschland: Leben am Fenster

Lockdown. Am Fenster meiner Stammkneipe erledigt der Wirt den Außer-Haus-Verkauf mit unerbittlich guter Laune. Nichts kann ihn erschüttern. Naja, zumindest nach außen. Innen könnte sich ein Hauch von Resignation ausbreiten, aber außen, bloß nicht!

Nach Praxisschluss ist für mich als Neurologe aus dem Kneipenbesuch ein Spaziergang geworden. Auch gut. So kann man sehen, wie die Kollegen mit Corona umgehen. So hat der Kardiologe links neben meiner Stammkneipe ein Schild angebracht, das Patienten eindringlich darauf hinweist, nach Betreten der Praxis „die rote Linie auf dem Fußboden“ nicht zu überschreiten und die Eingangstür 20 Sekunden zur Stoßlüftung offen zu lassen und erst danach wieder zu schließen. Jawoll Herr Feldmarschall von Kardiologie und Bücklingshygiene! Und rechts ab nach der roten Linie gibt's gleich das Strampel-EKG mit FFP-2-Maske. Die darf erst ab 400 Watt abgenommen werden. Dann sinkt das Infektionsrisiko auf nahe null. Auf penetrante Schweißausdünstungen hat auch SARS-CoV-2 nicht so richtig Bock.

Auch wenn die Zeiten noch so fürchterlich sind, für eine Prise Realsatire ist immer noch Zeit. Doch es geht noch besser. Auch Corona-Blüten können schöner blühen. Wie auf dem Praxisschild des psychiatrischen Fachkollegen eineinhalb Kilometer weiter: „Heilmittelverordnungen, Termine und Rezepte erhalten Sie am Fenster.“ Das erinnerte mich an einen Spaziergang in der Altstadt von Neapel. Dort wurde auch alles am Fenster erledigt. So sorgt Corona schon fast für ein mediterranes Flair in deutschen Städten. Gespräche und Untersuchungen des leicht angstbesetzten Kollegen fanden aber weiterhin (noch?) in der Praxis statt. Immerhin. Wie sähe ein solches Szenario wohl beim Zahnarzt aus? Einfache Keramikfüllung am Fenster? Inlay im Treppenhaus? Implantate in der eigentlichen Praxis? Natürlich nur bei geöffneten Fenstern und Türen. Wie konnte ich nur so respektlos sein? Aber Phantasie kennt keine Grenzen und hat keinen Respekt. Sonst wäre sie auch keine Phantasie.

Eine interessante Phantasie wäre auch Psychotherapie am Fenster. Warum immer nur in SARS-CoV-2-verseuchten Räumen. Raus aus dem Therapiezimmer, hinein ins wahre Leben, heißt konkret auf den Bürgersteig. Wenn Sigmund Freud seinen Patienten den Ersten Weltkrieg zur Ertüchtigung empfahl (tat er wirklich, kein Scherz!) dann kann der Therapeut des 21. Jahrhunderts seine Patienten auch auf den Bürgersteig schicken. Vorteil: Null Infektionsrisiko und psychopathogene Familienmitglieder können gleich mittherapiert werden. Corona machts möglich. Und das Liedchengetröte von „Wir bleiben zu Hause“ überlässt man der Spaßzerstäuberin aus der ehemaligen SED-Wohlfühloase.

Eine respektlose Phantasie jagte die nächste. Aber, so mein Gedanke am Rheinufer, das ich mittlerweile erreicht hatte, vielleicht waren respektlose Phantasien das ideale Antidot gegen hektischen Aktivismus, Daueralarmismus und liebevoll hingehauchten Zweiwortsätze à la „Maske auf“. So ein respektvolles Miteinander hatte es schon lange nicht mehr gegeben. Fast wie im Sommermärchen 2006. Nur Fußball gab’s nicht. Dafür ein virologisch erneuertes Wir-Gefühl.

Mein Rundgang war beendet. Kardiologe und Psychiater, über deren Praxisschild ich mich amüsiert hatte, standen zufällig an der Klappe, Abstand zehn Zentimeter, höchstens. Sie hatten gemeinsame Patienten und wussten von denen über die Hygienemaßnahmen des anderen. Die sie als bedeutsam empfanden.

Derweil zündete sich mein Stammwirt Frank eine Zigarette an und genoss den Abend, auch wenn es eigentlich wenig zu genießen gab. Der Kardiologe schnorrte sich eine Zigarette und inhalierte nur ganz sacht. Das beruhigte sein Gewissen.

„Neulich“, so wandte er sich seinem psychiatrischen Kollegen zu, „hat mich ein Patient doch glatt gefragt, ob das Virus SARS-Cov-2 ein Bewusstsein hat. Na klar, mit Sicherheit. Das könne er in dem Artikel ‚Das virologische Bewusstsein‘ von Prof. Drosten nachlesen. Das sei so wahr, wie dass der Chef des Robert Koch-Institutes Tierarzt sei.“

„Hat er dir das abgenommen?“, fragte der Psychiater.

„Das SARS-Cov-2 ein Bewusstsein hat, ja, dass der Chef des Robert Koch-Instituts Tierarzt ist, nein. Weiß kaum einer. Das muss man sich einfach mal reintun, der Chef der größten Behörde für Humanerkrankungen ist Tierarzt.“

„Nur aus der tierärztlichen Distanz lässt sich das Risiko einer Seuche für Menschen realistisch beurteilen“, entgegnete der Psychiater. Er klang fast ernst.

Stammwirt Frank witterte radikales Gedankengut, radikale politische Unkorrektheit. Es roch nach Viren, Virologen und nahenden ordnungspolitischen Ausdünstungen. Man konnte es auch das Parfum von Angela Merkel nennen, Marke protestantisches Elternhaus 4711. Danach rochen schon seine beiden Stammgäste an der Klappe, damit Infektionsschutzhelfer und Ordnungsbeamte sie leichter erschnüffeln können. Bevor diese kamen, erklang der rettende Gong aus der Küche.

Nichts war schöner, als in Corona-Zeiten als Gastronom zu arbeiten! Abends am Fenster, gut gelüftet in den Abendhimmel schauend – wann sonst gab es eine so schöne Verbindung zwischen Funktionalität und Romantik?! Dass schaffte nur SARS-CoV-2. Ebenso die Frage, ob man über die Runden komme. Das gab dem Ganzen eine sonst nie erlebbare innere Spannung. Fast wie im Film „Outbreak – lautlose Killer“!

Dass die Infektionsherde nicht aus der Gastronomie, sondern von großen Familienfeiern ausgingen – unschuldig Büßende hatte es doch schon immer gegeben. Und sollte er darüber depressiv werden – auch kein Problem. In der Nachbarschaft sollte es einen Psychiater geben, der alles am Fenster abwickelt. So wie bei ihm. Null Umstellung. So wie er am Fenster seine Drinks verteilte und seinen Gästen einschärfte, diese erst in 50 Metern Entfernung zu trinken, so bekam er hier Rezepte für Gute-Laune-Moleküle. In kaum fünf Meter Entfernung konnte er diese einlösen. Denn da war eine Apotheke. Und die Apothekerin hatte überhaupt nichts dagegen, wenn er die Wohlfühlmoleküle direkt neben dem Regal der FFP-2-Masken einnahm.

Dr. med. Burkhard Voß, Autor von „Psychopharmaka und Drogen – Fakten und Mythen in Frage und Antwort“, Kohlhammer Verlag, ISBN-13: 978-3170746


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