09. November 2020

„Corona-Sturm“ rüttelt an den Grundfesten der bisherigen Lebensprinzipien Den Schlüssel lass’ ich stecken

Ab jetzt wird schwarz gelebt – eigensinnig, hartnäckig, halsstarrig

von Frank Jordan

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Bildquelle: minoru suzuki / Shutterstock.com Haus als Sinnbild für bisheriges ideeles und materielles Leben: Kann dem (Corona-) Sturm nicht standhalten

Mit der Äußerung eines Bekannten über die „seltsame Lähmung“, die sich in und um ihn her breitmache, riss in mir etwas auf. Was in den letzten Monaten im Vagen, Ungeordneten und bloß Gefühlten gedräut hatte, ließ sich abseits windelweicher Wehleidigkeiten endlich in Worte fassen und damit in eine für mich lebbare Ordnung hinüberziehen. Denn nur dort, wo wir Dinge in Worte fassen und aussprechen können, können wir entscheiden. Ohne die Möglichkeit solchen Ordnens bleibt Handeln ein Getriebensein. Ohnmacht.

Das Grundprinzip meines Lebens ist denkbar einfach. Es lautet: Mein Leben – meine Verantwortung. Gleichauf mit dem Ziel des eigenen Wohlergehens steht daher der Wille, keinem zu schaden. Niemand anderen emotional oder materiell für das eigene Wollen und Streben zahlen zu lassen, sondern sich vielmehr die Möglichkeiten zu erarbeiten, um helfen, unterstützen und da sein zu können. Das ist in meinen Augen der Inbegriff von Freiheit und sie verlangt schonungslose Analyse, Planung, Investitionen und auch Verzicht. Wo solches freiwillig ist, werden Lebensträume erlebbare Realität. Und genau das war mein Leben: mein Traum.

Was sich in den vergangenen Jahren langsam und damit ein Stück weit vorausnehm- und planbar verändert hat, wurde in den letzten paar Monaten in rasendem Tempo zu einer neuen Realität. Heute kommt mir mein Leben vor wie ein ausgedehnter letzter Gang durch mein altes kleines Haus. Ich habe es mir mit Arbeit, also Lebenszeit erkauft. Ich kenne jede seiner Ecken, seiner Stärken und verborgenen Schwächen. Ich weiß genau, wie viel Holz ich brauche, um es im Winter warm zu halten. Ich weiß um die Arbeit, die es macht, die stete Pflege, den Unterhalt. Ich weiß um das Risiko der alten Leitungen und jenes des undichten Daches. Ich weiß, wo der Wind reinzieht und wo die wärmste Ecke ist. Kurz: Es war mein Haus, ich kannte es und wusste, worauf ich im Heute zu verzichten hatte, um es mir für die Zukunft zu erhalten.

Ich schreibe bewusst „war“, denn damit scheint es vorbei zu sein. Die giftige Saat dessen, was den Leuten seit Jahren eingehämmert wird, geht dieser Tage im Zeitraffer auf. Jene Saat, die da sagt, dass Freiheit und Selbstverantwortung ohne die glättende und inkludierende Hand des Staates ein Sturm von Gesetzlosigkeit und Ungerechtigkeit und Gefahr seien, in den der Mensch ohne Kompass und Messgeräte hinausgejagt werde. Dass, wer solche Freiheit zu leben fordere, wer persönlich zu planen und vorzusorgen und zu verzichten wünsche, unsolidarisch und egoistisch sei. Und dass, was nicht der Kontrolle des Staates überantwortet werde, eine Gefahr darstelle, und wer nicht bereit sei, die einen auf Kosten der anderen zu mästen, auf zigfache Weise betraft gehöre.

Für mich ist es daher höchste Zeit für diesen letzten Rundgang durch mein bisheriges Leben. Es ist ein Abschied. Was ich geplant hatte für meine Zukunft, wofür ich vorgesorgt hatte, was ich investiert hatte und worauf ich zu diesem Zweck verzichtet hatte, wird wahrscheinlich gerade zur Makulatur. Geld als Wertaufbewahrungs- und Tauschmittel wird seines Wertes beraubt. Andere Wert- und damit Verantwortungsspeicher werden kriminalisiert. Eigentum wird verhandelbar. Planungs- und Rechtssicherheit werden im Namen des Zeitgeists und künstlicher Notstände geschreddert.

Ich trete vor das Haus und schließe die Tür hinter mir. Den Schlüssel lasse ich stecken. Es gibt nichts mehr schützen. Denn hier draußen tobt der wahre Sturm, vor dem nichts mein bisheriges und ideelles und materielles Heim zu bewahren vermag. Jener, den sie Rettung, Sicherheit und Gerechtigkeit nennen. Jener, in dem ich nichts planen, nicht vorsorgen, nicht investieren, nicht aufbauen kann und es vor allem auch nicht soll. Es ist der obrigkeitliche Zwang zu einem „Leben mit der Lage“ – zum Nicht-Planen, Nicht-Vorsorgen, Nicht-Riskieren und Nicht-Wagen. Auslieferung auf Kleinkindniveau.

Ich kann den Sturm nicht aufhalten. Aber ich kann wach bleiben, beweglicher werden, mich der Ohnmacht verweigern und mithilfe des Kompasses und der Messgeräte der Freiheit und der Verantwortung entscheiden. Beispielsweise dafür, mich dem Furchtdiktat nicht zu beugen. Dafür, mich dem geschürten Misstrauen meinen Mitmenschen gegenüber zu verweigern. Dafür, nicht zuzulassen, dass man die Einheit meines Denkens, Glaubens und Erlebens in isolierte ausgelieferte Teile zerfetzt. Und dafür schließlich, dass das Leben mehr ist als die Krumen, mit denen man mich abzuspeisen versucht. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Von seiner staatlichen, matschigen und geschmacklosen Variante erst recht nicht. Schwarzarbeiten war gestern. Ab jetzt wird schwarz gelebt. Eigensinnig, hartnäckig, halsstarrig. Jetzt erst recht. Eine neue Form von Glück.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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