20. August 2020

Dokumentation „Corona in der Kita“ Denn sie wissen nicht, was sie tun

Erlebnisbericht eines Vaters

von Redaktion eigentümlich frei

Artikelbild
Bildquelle: Mzorin / Shutterstock.com Corona-Alarm: Kita geschlossen – wie geht es weiter?

Für das neue Kita-Jahr waren wir eigentlich vorsichtig optimistisch gestimmt, was die Organisation und Notfallpläne für den Kita-Betrieb betraf. Schließlich bestand die Situation mit Corona bereits akut seit März dieses Jahres. Seit dem Lockdown Mitte März konnte man seine Kinder nur noch in der Notbetreuung in der Kita abgeben, wenn man einen systemrelevanten Job hatte. Diese Notbetreuung wurde bis zwei Wochen vor den Sommerferien weitergeführt. Die zwei Wochen vor den Sommerferien galten also als Probe für das neue Kita-Jahr im Hinblick auf die mögliche Ansteckungsgefahr bezüglich Corona. Nach diesen zwei Wochen und auch während der Sommerferien wurde kein positiver Corona-Fall in unserer Kita bekannt.

Am 1. August 2020 begann nun das neue Kita-Jahr und auch das Chaos.

Am Freitag, den 7. August 2020 erreichte uns abends eine E-Mail der Kita-Leitung mit der Information, dass der Sohn einer Erzieherin positiv auf Corona getestet worden sei. Es wurde uns mitgeteilt, dass die betroffene Erzieherin sich ebenfalls habe testen lassen und wir Bescheid bekämen, sobald das Ergebnis vorliege. Dies war am Samstag, den 8. August 2020 der Fall, zusammen mit der Information, dass die betroffene Erzieherin positiv auf Corona getestet worden sei.

Da unsere Kita-Leitung nach dem Lockdown und der Kurzarbeit weiß, dass bei vielen Familien die berufliche Situation sehr angespannt ist, versuchte Sie direkt mit dem Gesundheitsamt der Stadt in Kontakt zu treten, um alle Erzieher direkt testen zu lassen und damit den Kita-Betrieb aufrechterhalten zu können. Dies wurde jedoch vom Gesundheitsamt ausgebremst, mit der Begründung, dass für den Fall, dass keine andere Erzieherin Symptome aufweise, das Gesundheitsamt am Wochenende nicht teste. Auf die Frage, wie es nun am folgenden Montag weitergehen solle, ob die Kita geschlossen werden müsse oder nicht, konnte das Gesundheitsamt der Stadt der Kita-Leitung nicht weiterhelfen. Daraufhin versuchte die Kita-Leitung irgendwoher die Information zu bekommen, wie es weitergehen soll. Sie telefonierte mit dem Gesundheitsamt des Kreises, dem Ordnungsamt der Stadt, dem Corona-Testzentrum, dem ärztlichen Notdienst und der Gesundheitsaufsicht Nordrhein-Westfalens. Daraufhin bekam sie die Information, dass ihr diese Auskunft erst am folgenden Montag um acht Uhr beim Gesundheitsamt des Kreises erteilt werden könne.

Fazit: Am Wochenende sind Krisen wohl nicht erwünscht.

Die Kita-Leitung hat daraufhin beschlossen, die Gruppe der betroffenen Erzieherin bis auf Weiteres zu schließen.

Am folgenden Montag hat die Kita-Leitung unsere Kontaktdaten an die Gesundheitsaufsichtsbehörde des Kreises weitergegeben. Diese wiederum leiteten die Daten an das Ordnungsamt der Stadt weiter. Die Kita-Leitung informierte uns vorab, dass alle Kinder der Gruppe der betroffenen Erzieherin in Quarantäne müssten. Dies würde uns noch das Ordnungsamt durch eine ordnungsbehördliche Verfügung mitteilen. Diese sollten wir im Laufe des Tages erhalten.

Wir hofften, dass uns die Verfügung von einem qualifizierten Mitarbeiter des Ordnungsamtes überbracht werden würde, damit wir eventuelle Fragen direkt klären könnten. Da wir insgesamt mehrere Kinder haben, darunter ein schulpflichtiges, das zwei Tage später seine ersten Schultag antreten sollte, und auch im Hinblick auf unsere berufliche Situation wollten wir schon wissen, wie wir uns nun genau verhalten sollten.

Die Verfügung wurde uns jedoch nur von einem Boten überbracht (Fun Fact: ohne Mundschutz) der uns keine Fragen beantworten konnte.

In der Verfügung selbst stand, dass nur unser Sohn aus der betroffenen Gruppe in Quarantäne müsse, die anderen Familienmitglieder jedoch nicht. Des Weiteren steht in der Verfügung, dass wir unseren betroffenen Sohn vom Rest der Familie isolieren müssten.

Laut der Verordnung drohten bei der Nichtbefolgung der Quarantäne Zwangsmittel. Ich zitiere: „Für den Fall, dass Sie meiner Anordnung nicht, nicht vollständig oder nicht fristgerecht entsprechen sollten, drohe ich Ihnen das Zwangsmittel des unmittelbaren Zwangs an. Dies bedeutet für Sie, dass ich auch gegen Ihren Willen, notfalls unter Anwendung körperlicher Gewalt, sicherstelle, dass Sie den Quarantäne-Bereich nicht verlassen. Alternativ kann auch die zwangsweise Unterbringung in einer geschlossenen Quarantänestation angeordnet werden.“

Später am Tag rief uns ein Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde an und wollte wissen, ob wir zu der Verfügung noch Fragen hätten und das Kind Symptome zeige. Darauf sagten wir ihm, dass unser Sohn zwei Jahre alt sei und in der Familie nicht isoliert werden könne, da er zum Beispiel Unterstützung beim Essen brauche. Der Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde meinte, dass wir dann darauf schauen sollten, den Kontakt so gering wie möglich zu halten. Er solle zum Beispiel in einem Zimmer allein schlafen. Auf die Frage, was nun mit den Geschwistern sei, wurde uns gesagt, dass diese weiterhin in die Kita bzw. Schule dürften. Wir haben vorsorglich selbst an diesem Montag einen Corona-Test machen lassen. Laut der Gesundheitsbehörde hat jedoch ein negatives Ergebnis keine Auswirkung auf die Quarantäne, diese würde, Zitat, auch bei fünf negativen Tests an fünf aufeinanderfolgenden Tagen bestehen bleiben, da sich Corona immer noch entwickeln könne.

Der Quarantäne-Zeitraum wurde jedoch nicht berechnet ab dem Tag, als die Erzieherin den positiven Test erhielt, sondern ab dem Tag, als sie das letzte Mal in der Kita war. Dies war am 4. August 2020. Von da an werden nun die zwei Wochen Quarantäne berechnet. Da jedoch der positive Test erst am 8. August 2020 vorlag, waren die Kinder in der ersten Woche der Quarantäne noch in der Kita.

Weiterhin wurde die Kita von den Behörden im Stich gelassen. Auf die Nachfrage der Kita-Leitung beim Gesundheitsamt des Kreises, ob man nun nicht einen Test bei allen Erzieherinnen und Kindern durchführen sollte, bekam die Kita-Leitung die Antwort, dass man dafür keine Kapazität habe. Es wollte auch kein Mitarbeiter vorbeikommen, um mit der Kita-Leitung zu reden, obwohl dies am Wochenende vom Gesundheitsamt zugesagt worden war. Auf die Nachfrage, warum nun doch niemand vom Gesundheitsamt komme, lautete die Antwort, die Kita habe ja gute Vorarbeit geleistet, als sie auf eigene Faust die betroffene Gruppe geschlossen habe. Bezüglich der Tests meinte das Gesundheitsamt, dass sich die Erzieherinnen an ihre Hausärzte wenden sollten. Hier scheint es jedoch ein Glücksspiel zu sein. Die Erzieherinnen berichten, dass manche Hausärzte ohne Probleme testeten, andere jedoch bei fehlenden Symptomen den Test verweigerten.

Also ging es erst mal normal weiter. Eine Gruppe wurde geschlossen, die anderen Gruppen blieben offen. Wir ließen jedoch alle Kinder zu Hause, damit der Schulanfang unseres ältesten Sohnes nicht gefährdet war – was im Nachhinein auch die richtige Entscheidung war.

Am Donnerstag, den 13. August 2020 kam dann die Information der Kita-Leitung, dass sich ein Praktikant aus einer der noch offenen Gruppe vorsorglich gegen Corona habe testen lassen. Nach Aussage der Kita-Leitung gab es keinerlei Symptome. Der Test war jedoch positiv. Daher wurde die betroffene Gruppe sofort geschlossen und mit Wirkung 10. August 2020, der Tag, an dem der Praktikant das letzte Mal in der Kita gewesen war, für zwei Wochen in Quarantäne geschickt. Die Kinder mussten sofort abgeholt werden. Die Eltern versuchten, nun auch Termine für Tests zu bekommen, hatten aber das gleiche Problem wie die Erzieherinnen. Es ist ein Glückspiel, ob man einen Arzt hat, der vorsorglich testet oder nicht. Da es natürlich auch Probleme wegen der Betreuung der Kinder gab, haben die Eltern der betroffenen Kinder nun ebenfalls versucht, von den Behörden zu erfahren, was man nun tun könne, ob zum Beispiel mein Kind, wenn ich einen Test mache und dieser negativ ist, zu den Großeltern dürfe oder diese zu uns kommen müssten. Dabei kommt es darauf an, wenn man fragt. Das Ordnungsamt meinte, man könne eine Aufhebung der Quarantäne beantragen, wenn der Test negativ sein solle, das Gesundheitsamt sagte hingegen, dass die Quarantäne auf jeden Fall aufrechterhalten bleiben müsse, da die Tests nicht genau genug seien.

Es wurde wohl von einem Elternpaar versucht, die Quarantäne beim Gesundheitsamt aufzuheben. Dies scheiterte jedoch.

Daraufhin ist es der Kita-Leitung gelungen, genug Druck auf das Gesundheitsamt auszuüben, damit nun doch alle Erzieherinnen und Kinder getestet werden. Dies wird durch das Rote Kreuz erfolgen. Die Eltern dürfen sich jedoch nicht mittesten lassen. Bis dahin bleibt die Kita komplett geschlossen.

Nun kam die Information, dass ein zweiter Test des Praktikanten negativ ausgefallen sei. Dies ändert, wie bereits erwähnt, nichts daran, dass die Kinder aus der betroffenen Gruppe zwei Wochen in Quarantäne müssen.

Eine Mutter teilte uns mit, dass sie mit der Stadt telefoniert habe, um darauf hinzuweisen, dass der Test des Praktikanten doch negativ sei. Die Stadt antwortete darauf, dass es schon mal zu falschen Quarantäne Anordnungen kommen könne, da der Test auch schon mal falsch positiv ausfallen könne. Aber eine einmal angeordnete Quarantäne könne nicht mehr zurückgenommen werden.

Das Gesundheitsamt hat nun auch entschieden, dass die Kita erst mal komplett geschlossen bleibt, auch die zwei restlichen Gruppen, in der es keinen Fall gab, bis der Test durchgeführt wurde. Dies verzögert sich jedoch noch mal um einen weiteren Tag, da niemand der Kita mitgeteilt hat, dass dem Roten Kreuz die Liste mit den Daten aller zu testenden Erzieherinnen und Kindern bis heute, den 17. August 2020 um 7.30 Uhr vorliegen müsse, da es wohl eine neue Verordnung gebe, die vorschreiben, dass alle Daten vor der Testung in ein System eingegeben werden müssten. Somit bleibt die Kita eine weitere Woche geschlossen, wodurch es natürlich für die Eltern wieder problematisch wird, Beruf und Kinder unter einen Hut zu bekommen.

Es bleibt spannend, wie es weitergeht. Auf die Frage an die Kita-Leitung, wie das weitere Vorgehen sei, falls bei dem Massentest ein positiver Fall auftrete, wurde uns mitgeteilt, dass es seitens des Gesundheitsamtes keinen Fahrplan gebe, wie weiterverfahren werden solle. Die Kita selbst solle sich ein Konzept überlegen. Das Gesundheitsamt biete nur seine beratende Unterstützung an.

Hier wird die Kita von den Behörden komplett allein gelassen. Es wird darauf gehofft, dass sich unsere Kita-Leitung ein gutes Konzept überlegt, dass man dann gegebenenfalls auf andere Kitas übertragen kann.

Noch mal eine kurze Zusammenfassung:

  • Bei einem positiven Fall will das Gesundheitsamt trotzdem nicht direkt alle Erzieherinnen und Kinder testen, vor allem nicht am Wochenende.
  • Das Gesundheitsamt verspricht am Wochenende, am kommenden Montag in die Kita zu kommen, um das weitere Vorgehen zu besprechen.
  •  An besagtem Montag kommt niemand. Auf Nachfrage der Kita heißt es, dass die Kita mit der vorsorglichen Schließung der Gruppe gut vorgearbeitet habe und das ausreichend sei.
  • Quarantäne gilt auch weiterhin, selbst wenn ein negativer Test vorliegt, da nach Aussage des Gesundheitsamtes die Tests nicht zu 100 Prozent genau sind.
  • Das Gesundheitsamt hat keine Kapazitäten, um in der Kita zu testen. Jeder soll selbst zum Arzt gehen.
  • Es ist ein Glücksspiel – manche Ärzte testen, manche nicht.
  • Die Verordnung öffnet eine Hintertür zum Entzug der Kinder.
  • Erst nach einem zweiten positiven Testfall, der beim zweiten Test dann doch negativ war, organisiert das Gesundheitsamt einen Massentest durch das Rote Kreuz, bei dem aber nur Kinder und Erzieherinnen, keine Eltern, getestet werden.
  • Für den Fall eines weiteren positiven Tests gibt es vonseiten der Behörden keinen Fahrplan, wie es weitergehen soll. Die Kita muss sich selbst ein Konzept überlegen
  • Eltern werden mit dem Problem der Kinderbetreuung alleingelassen. Keiner kann die Frage beantworten, ob bei einem negativen Test eventuell die Großeltern die Betreuung übernehmen dürfen.
  • Beide positiv Getesteten wiesen keine Symptome auf.

Die Identität des Autors ist der Redaktion bekannt.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Coronavirus

Mehr von Redaktion eigentümlich frei

Über Redaktion eigentümlich frei

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige