25. Juli 2020

Berlins Abfallproblem Sonntagsmüll im Park, ohne Georges

Über „Park-Knigges“ in der Hauptstadt, Punkte und die große Ordnung und wie alles miteinander zusammenhängt

von Dushan Wegner

Artikelbild
Bildquelle: Everett Collection / Shutterstock.com „Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte“: In Berlin mit Georges Seurat

In Berlin wollen sie jetzt den Berlinern beibringen, ihren Müll im Park nicht einfach liegenzulassen. Was sagt es über Berliner aus, dass man ihnen mühsam beibringen muss, was anderswo sogar kleine Kinder wissen?

Die Buchstaben, die Sie auf einem Bildschirm sehen, sie bestehen aus Punkten. Auf Bildschirmen und Displays nennen wir diese Punkte „Pixel“.

Wir zahlen gern einen Aufpreis für hochaufgelöste Bildschirme, also Bildschirme mit so vielen Punkten, dass unser Auge die Unterschiede kaum noch ausmachen kann. Natürlich wissen wir, dass das Bild auf dem Bildschirm nur eine Illusion ist, eine Täuschung gewissermaßen, und wir zahlen gern extra, um besser getäuscht zu werden.

Es gibt eine Kunstrichtung, welche auf ihre eigene gewisse Weise unser Zeitalter der Bildschirme und der in Punkte zerlegten/zerlegbaren Realitätswahrnehmung voraussah – und dass es um Punkte geht, das erkennen wir schon im Namen: Pointillismus.

Als Variante des Spätimpressionismus will der Pointillismus tiefere und/oder neue Wahrheiten aus dem Motiv und dem Akt des Sehens herausarbeiten. Während der aus heutiger Sicht „klassische“ Impressionismus den flüchtigen Moment des Betrachtens und Erlebens festzuhalten sucht, will der Spät-/Postimpressionismus auch ganz explizit eine neueOrdnungherausarbeiten, was teils zu geradezu geometrisch angeordneten Bildern führt. Der Pointillismus erforscht nicht nur die Ordnung der Dinge, sondern unser Sehen, unsere Wahrnehmung von Farben und Objekten.

Der bekannteste Maler des Pointillismus war Georges Seurat (1859–1891, er ist also nur 31 Jahre alt geworden!). Seurats berühmtestes Bild, „Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte“, besteht aus Millionen von Punkten und kurzen Pinselstrichen.

Ginge man wirklich nah an das Bild heran, würde man nicht die Motive sehen, sondern bunte Punkte, ähnlich wie bei einem frühen Bildschirm. Der Betrachter beginnt seine Zeit mit dem heute in Chicago ausgestellten Bild natürlich aus der Position des Überblicks.

Man tritt ja immer aus einiger Entfernung an das Bild heran. Man sieht zuerst die Gestalten. Etwas steif sind sie, die Gestalten, aber natürlich ordentlich. Das Licht ist flirrend und sonnig (auch wenn über die Jahre das Zink nachgebräunt ist, leider).

Sollte man aber ganz nah ans Bild herantreten – oder sollte man es sich auch nur vorstellen, ganz nah an das Bild heranzutreten – „zerfallen“ die Gestalten in Punkte.

Jedoch erleben wir die stärkste Kraft des Bildes nicht in der Näherung an das Bild, sondern indem wir uns wieder entfernen. Dass die Dinge zerfallen, das sind wir ja beinahe gewohnt – doch indem wir uns entfernen, bilden und formen sich neue Dinge, das ist spektakulär!

Stellen wir uns vor, dass einer zuerst das pointillistische Bild aus der Nähe sieht, und einer, der es aus der Entfernung betrachtet, spricht zu ihm: „Was für Linien! Was für eine Ordnung! Was für eine Harmonie der Figuren!“

Der aber, der ganz nahm am Bild steht, sagt: „Welche Linien? Welche Ordnung?“

Daraufhin sagt der, der das Bild aus der Entfernung betrachtet: „Mache einen Schritt zurück!“, und der, der ganz nah am Bild steht, entfernt sich ein wenig vom Bild, und dann noch etwas mehr, und dann ruft er aus: „Ich sehe sie, die Linien! Neue Farben und eine große Ordnung tauchen auf!“

Der, der ihn anwies, sagt: „Die Linien waren die ganze Zeit da, die Ordnung wie auch die Figuren.“

Was dem, der zu nahe war, lediglich als Punkte und Farbflecken erschien, das wird zum Park – zum Park, der nach des Künstlers neuer, vielleicht wahrer Ordnung geordnet ist.

„Kleine Reste gehören in den Mülleimer“

Die Unordnung im Denken manifestiert sich zuverlässig in der Unordnung der Dinge des unordentlich Denkenden. (Der Müll in der Wohnung ist selten das einzige Problem des Unordentlichen.)

Berlin und die Tonangebenden unter den Berlinern leiden an ganz erheblichen Problemen in ihren Denkweisen. Es folgt: Berlin und Berliner Parks haben ein Müllproblem. Wir lesen:

„Leere Flaschen, Verpackungsreste von Schnellrestaurants und Zigarettenkippen prägen das Bild öffentlicher Grünanlagen. Ob auf den Wiesen, unter den Bäumen oder in der Nähe der Mülleimer – überall liegt zurückgelassener Abfall.“ („faz.net“, 22.7.2020)

Was will die Stadt nun dagegen unternehmen? Wir ahnen es: Man druckt Broschüren, mehrsprachig und in einer merkwürdigen Einfachheit, als hieße die Zielgruppe „achtjährige Bürokraten“! Sogar in der seit einigen Jahren wohl eher links und staatstreu zu verortenden „FAZ“ formuliert man halb ironisch: „Ein Knigge wird kommen, sie vom Müll zu befreien.“

Einige Zitate der in vielen Sprachen formulierten Sinnsprüche auf den Plakaten: „Kleine Reste gehören in den Mülleimer und nicht in die Natur“, „Respekt, für deine Mitmenschen, Tiere und Natur“ oder: „Hilf mit, die Vermüllung zu stoppen! Engagiere dich für dein Umfeld.“

Es ist holprig. Es ist, als wollte einer, der kaum einen Bogen spannen kann, seinen ebenso unbeholfenen wie unmusikalischen Freund in die hohe Kunst der Violine einweisen.

Abgesehen von Midlife-Crisis

Wenn Sie mich dabei antreffen sollten, dass jemand mich die allerersten Grundlagen des Geigenspiels lehrt, welche Schlussfolgerungen würden Sie daraus schließen (abgesehen von einer späten Midlife-Crisis meinerseits)? Sie würden völlig richtig darauf schließen, dass ich das Geigenspiel nicht beherrsche – dass ich keine Ahnung vom Geigenspiel habe, dass ich bislang nicht einmal die einfachsten Grundlagen des Geigenspiels erlernte.

Was sagt es über die Bürger einer Stadt aus, dass man ihnen beibringen will, ihren Müll nicht einfach liegenzulassen?

Wir wissen, wie die Berliner wählen. Wir wissen, dass Berliner sich für weltstädtisch und in moralischer Hinsicht unfehlbar halten. In Berlin versucht man, seinen Bürgern grundlegende Verhaltensweisen beizubringen, die man doch bereits in der Kinderstube gelernt haben sollte – was sagt das über die Berliner aus?

Gegenden so schön

„Links“ bedeutet heute, Verantwortung für eigene Handlungen anderen Menschen aufzubürden. Jede einzelne „linke“ Aussage und Forderung enthält im Kern die Forderung, andere Leute sollten die Verantwortung für einen übernehmen – nicht selten Leute, die man bekämpft und hasst: Die Kernforderung von „Fridays for Future“ ist: Jemand sollte etwas tun! Aus der umbenannten SED hört man, dass sie die Reichsten erschießen wollen, und außerdem sollen die Reichsten bitte die Wohnungen bauen … derer man sie dann später enteignen wird. Die Grundidee der marxistischen Bewegung „Black Lives Matter“ und ihrer Geistesgenossen ist, dass Weiße für alle Fehler verantwortlich sind, die in traditionellen schwarzen Kulturen und Nationen begangen werden.

Es ist leicht zu erklären, warum konservative Kulturen und Gegenden regelmäßig so schön, malerisch und ordentlich sind. „Konservativ“ beinhaltet als moralische Forderung, die Verantwortung für seine Umgebung zu übernehmen – „links“ bedeutet heute immer auch, persönliche Verantwortung abzugeben. Es ist kein Widerspruch, dass linke Denkweisen zu Schmutz und Anarchie neigen und zugleich zu Diktatur und Totalitarismus. Man verweigert/verteufelt die persönliche Freiheit und Verantwortung, also wird man offen für Systeme, in denen wenig demokratische Komitees oder Diktatoren die totale Kontrolle übernehmen.

In Berlin versucht man, Verantwortung und persönlichen Einsatz zu lehren, doch es ist ein Widerspruch zu allem, was Linke die Menschen ansonsten lehren, wofür das linke Berlin steht.

Momentaufnahmen

Ich glaube nicht, dass die großen Linien der Weltgeschichte nur von Geld und Vermögen bestimmt sind, nicht einmal von politischer oder militärischer Macht (allein). Wo sind sie denn, die Römer, die Griechen oder die Perser? Welches große Reich, welches wirklich alte, einflussreiche Volk existiert denn heute noch – außer natürlich den Juden und den Chinesen?

Selbst das Vermögen der heutigen Superreichen ließe sich durch ein paar politische Federstriche zusammenstreichen (es wird seine Gründe haben, warum sie so viel Geld an die Politik spenden – Moral wird es wohl nicht sein).

Ich bin der Überzeugung, dass die als Kultur – und darin manchmal als Religion und/oder Tradition – gespeicherten Werte, sprich: „relevanten Strukturen“, eines Volkes seinen mittel- und langfristigen Erfolg, sein Überleben wie auch das Glück seiner einzelnen Familien weit zuverlässiger vorhersagen als die Momentaufnahmen von Macht und Geldverhältnissen. Die Balance militärischer Macht kann in wenigen Jahren oder Jahrzehnten schwerwiegend verschoben werden. Geld und Besitz sind am Ende des Tages eben doch „nur“ ein paar Zahlen in irgendeiner Datenbank. Die Werte eines Volkes aber, kodiert in seiner Kultur, die sind es, die sein Überleben sichern – oder seinen Untergang besiegeln.

Der pointillistische Maler Georges Seurat hat einst die Szene des Parks ganz genau betrachtet, und dann zerlegte er sie in ihre einzelnen Punkte. Die Kubisten, etwas mehr als ein Jahrhundert später, praktizierten eine neue, wichtige, geradezu schmerzhafte Zerlegung und „irreparable“ Neu-Zusammenstellung – denken wir nur an die Anwendung jenes Stils in Picassos Bild zum Angriff der „Legion Condor“ auf Guernica.

Beides ist ratsam! Wenn wir näher ans Bild herantreten, erkennen wir das Wesen der Linien – es sind Konstrukte unseres Geistes. Wenn wir einen Schritt zurückmachen, erkennen wir die eigentliche Ordnung, wo eben noch wenig mehr als nur ein Flimmern der Farben zu sein schien.

Bei hochaufgelösten Bildschirmen zahlen wir gern extra, um „besser getäuscht“ zu werden – doch auch in der Realität zahlen wir bitter drauf, wenn und weil wir getäuscht werden – doch wir sollten es nicht auch noch gern tun! Das sollte so selbstverständlich sein, wie es eigentlich selbstverständlich sein sollte, seinen Müll hinter sich aufzuheben – oder ihn gar nicht erst zu verteilen.

Politiker denken selten weiter als bis zur nächsten Wahl, vielleicht noch an die eigene Anschlussverwendung, etwa wenn sie für viel privat eingestecktes Geld ihr auf Steuerzahlerkosten entstandenes Adressbuch vermieten – und das sind die Fälle, in denen es verhältnismäßig gut läuft. In den übleren Fällen könnten Politiker von den „Sachzwängen“ des Tages gezwungen sein, vielleicht wenn dieser oder jener Georges S. anruft, weil er hier und da gern ein paar Farbkleckser setzen möchte – diese Pointillisten sind Herren mit sehr präzisen Vorstellungen!

Die großen Linien der Welt werden gezeichnet von Völkern und Propheten, die in Jahrzehnten und nicht in Kleinkram denken, die Jahrhunderte in die Zukunft planen und auf Jahrtausende an Geschichte zurückblicken. Wir hier werden von Leuten regiert, die zu Beginn des Satzes noch keinen Plan davon haben, wie sie ihn zu Ende bringen werden – wenn überhaupt.

Nehmt einen Hut mit!

Mensch wie Staat leben und handeln im Jetzt – doch nur Narr und Tor planen ihre Handlungen immer und zuerst aus dem Jetzt heraus, aufgrund des Jetzt, mit dem Jetzt als letztem Ziel.

Der Benimm-Knigge in Berliner Parks ist ein buchstäblicher wie metaphorischer „bunter Klecks“, ein Haufen bunter Punkte – es ist unfreiwilliger und postmoderner Real-Pointillismus. Das „große Bild“, die eigentliche Ordnung lässt sich auch hier erst erkennen, wenn wir ausreichend viele Schritte zurückgehen. (Betrachtet sie nicht zu lange!)

Es könnte, etwa als „Berliner wider Willen“, eine gute Idee sein, am Sonntag vielleicht, mal wieder mit Georges in den Park zu gehen und die Linien zu erkennen versuchen, die sich aus den Bildern ergeben. Nehmt einen Hut mit oder eine Mütze natürlich – die Sonne im Parkt kann einem heiß auf den Schädel brennen!

Wir sehen rätselhafte Punkte, die da in Berlin flirren. Wir treten einen Schritt zurück, und wir erkennen, dass einigen Berlinern die grundlegendste der Kinderstuben fehlt.

Wir induzieren und extrapolieren, und wir erkennen: Da sind wenige gemeinsame Werte, und wo nur wenige gemeinsame Werte erkennbar sind, da ahnen wir bereits die Zukunft.

Bevor ihr handelt, tretet erst einen Schritt näher. Seht die einzelnen Punkte! Dann tretet zwei Schritte zurück, und seht die große Ordnung – wie auch die große Unordnung.

Handelt im Jetzt – wo sonst? –, doch handelt aus der Zukunft heraus!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Umweltschutz

Mehr von Dushan Wegner

Über Dushan Wegner

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige