21. Juli 2020

Schöpferische und zerstörerische Kräfte in der Gesellschaft Wenn die Masken fallen

Konstruktive Menschen haben es selbst in der Hand!

von Udo Geißler

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Bildquelle: sirtravelalot / Shutterstock.com Spätere Psychopathen: Meist schon in der Kindheit destruktiv

„Schon als Kind im Sandkasten erlebt man den Unterschied zwischen schöpferischen, konstruktiven und heimtückischen, destruktiven Menschen. Es gibt immer Kinder, die Sandburgen bauen, und jene, die in diese hineinspringen, sobald der Erbauer sich abwendet.“ Diese Zeilen stammen aus Roland Woldags Artikel „Die Gauner hetzen“. Die wichtigste Sandkastenfrage lautet dabei: Warum lässt sich der Konstruktive diese Heimtücke (vermutlich) so einfach gefallen?

Ist es falsche Toleranz? Ein Sich-selbst-Belügen? Die Angst vor der richtigen Antwort und der daraus folgenden Konsequenz? Hat der Schöpferische bereits die Idee einer viel mächtigeren Sandburg im Kopf?  Braucht er gar die Konfrontation mit der Gemeinheit, weil er instinktiv merkt, wie ihn die richtige Mischung aus beiden Prinzipien reifen lässt?

Am wahrscheinlichsten ist es jedoch, dass dem fleißigen Sandburgbauer, der sich abgewendet und somit das Geschehene nicht gesehen hatte, vom Sandburgzerstörer etwas weisgemacht wurde. So eine Geschichte könnte beispielsweise auf ein versehentliches Ausrutschen oder gegenseitiges Schubsen hinauslaufen, was aber im letzten Fall bedeuten würde, einen Dritten als möglichen Beteiligten noch schnell überrumpeln zu müssen, damit das Geschilderte zumindest einigermaßen plausibel klingt.

Neben der (fadenscheinigen) Story ist jedoch ein Aspekt zur Rettung der angespannten Lage viel entscheidender. Wie – also mit welcher Gestik, vor allem aber mit welchem aufgesetzten Gesichtsausdruck – schafft es der Destruktive, seine Tat zu verschleiern oder zu verharmlosen? Immerhin droht ihm möglicherweise der Verlust eines Freundes, den er in der Zukunft – beispielsweise in der Schule – vielleicht noch gut gebrauchen kann. Außerdem ist die Gefahr noch nicht gebannt, in eine körperliche Auseinandersetzung zu geraten. Und so lotet der Heimtückische schon im Kindesalter ganz genau aus, welche Maske aufgesetzt werden muss, um sein Ziel zu erreichen. Ist die „Nettigkeitsmaske“ am besten geeignet? Die „Beste Freunde“-Maske“? Oder etwa die „Tut mir leid, aber es war doch nur ein Versehen“-Maske?

Mit ziemlicher Sicherheit setzt der Hinterhältige verschiedene und der jeweiligen Situation angemessene Masken auf, die ihm letzten Endes wohl Erfolg bescheren. Von früh an lernt er durch diese oder ähnliche Konstellationen die Fähigkeit zur Manipulation. Er schafft es, dass die Menschen ihn so sehen, wie er es möchte. Die Wirklichkeit hingegen bleibt verborgen.

Was bereits im Sandkasten bestens funktioniert, setzt sich in der Schule, an der Uni und im späteren Beruf fort und wird laufend weiter verfeinert. Roland Woldag bringt es wieder auf den Punkt, indem er ausführt, dass die ehrgeizigsten der Sandburgen-Zertreter „besessen davon sind, alle Strukturen, die auch nur im Ansatz funktionieren, radikal zu zertrampeln und umzukrempeln“.

Aber was passiert mit den konstruktiven Menschen? Sie besitzen nach wie vor keine Macht, weil sie – im Gegensatz zu den Destruktiven – niemals gelernt haben, sich diese zu ergaunern und alles dafür zu tun, um sie zu erhalten. Viele derjenigen, die sich täglich abrackern, stellen irgendwann ernüchtert fest, wie ihnen der Lohn ihrer Arbeit regelrecht unter den Händen verrinnt. Außerdem verschlechtern sich allmählich ihre Lebensumstände, weil sie von den notorischen Lügnern mit den schönen Masken, die sich mittlerweile in Führungspositionen eingenistet haben, erneut malträtiert werden. Die Schöpferischen begreifen erst nach vielen Enttäuschungen, dass das Prinzip Hoffnung nicht funktioniert. Es kommt eben kein Retter von außen, der den skrupellosen Chef ersetzt und die Konflikte beseitigt. Im Gegenteil. Es wird von Mal zu Mal schlimmer und nur langsam reift die Erkenntnis heran, dass Menschen mit Gewissen im heutigen System anscheinend vollständig von den Machtpositionen ausgeschlossen sind.

Doch es kommt noch bitterer, weil die Konstruktiven wieder und wieder am eigenen Leib erfahren, dass sie zudem auch kaum Verbündete finden, die bereit wären, mit ihnen gegen die Zerstörungswut der Psychopathen anzukämpfen. Zu ihrem Entsetzen kommen die allermeisten der Freunde und Kollegen mit ihrer Untertanen-Maske, die diese täglich aufsetzen, nämlich gut zurecht. Sie sind froh und vollkommen zufrieden damit, wenn andere vorgeben, die Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen. Außerdem fühlen sie sich umso sicherer, je mehr Leute aus ihrem Umfeld ebenfalls Weisungen ausführen, ohne diese jemals kritisch zu hinterfragen. Ganz umsonst ist ihre Unterwürfigkeit natürlich nicht. Es fallen vom Tisch der Herrschenden bekanntlich ständig ein paar Krümel herab, die ihr Leben erträglicher machen: eine unbefristete Anstellung, ein höheres Gehalt, ein gehobener Posten oder sonstige kleine Vergünstigungen und Privilegien. Verkommene Funktionseliten reichern ihre Sektoren – den Sandburgenbauern wird diese Erkenntnis eines Tages unumkehrbar bewusst – nur allzu gerne mit unmündigen Befehlsempfängertypen an und sortieren die Widerspenstigen gnadenlos aus.

Ungeachtet dieser Tatsachen ist für die Schöpferischen überhaupt nichts verloren. Sie haben ihr Schicksal selbst in der Hand, solange das eigene Gewissen die alles überragende Instanz bleibt. Trotz innerer Verletztheit und anfänglicher Verunsicherung ist es ihnen jederzeit möglich, sich zu verändern und zu kämpfen. Die Kraft dafür besitzen sie. Vielleicht werden sie hierfür eine entsprechende Maske aufsetzen müssen, um endlich nach außen hin Entschlossenheit zu demonstrieren. Eventuell werden sie mit dieser Maske sogar früher oder später einmal eins. Da die meisten Menschen dieses Schlags mit keiner Beförderung oder keinem Geld der Welt für Fälschungen, Vertrags- und Rechtsbrüche oder Manipulationen zu verführen sind, müssen sie allerdings – wenn sie gesund und glücklich bleiben oder wieder werden wollen – den bisherigen Spieltisch verlassen und sich Gleichgesinnte suchen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf politkarikatur.de.


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