16. Juli 2020

Die ewige Frage nach der gerechten Vermögensverteilung Pareto regiert: Der ewige Traum vom Reichtum für alle

Dank Pareto-Verteilung bleibt Medien und Politik die Klage über mangelnde Gerechtigkeit bei der Reichtumsverteilung erhalten

von Holger Finn

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Bildquelle: chase4concept / Shutterstock.com Arm und Reich: Die Pareto-Verteilung

Statt immer nur Corona, Rassismus, Rechte, Klima und Europa zu spielen – den Fünfklang der medialen Apokalypse im Jahre 2020 –, hat sich die für ihre umfangreiche „Neger“-Berichterstattung zuletzt harsch kritisierte Wochenzeitschrift „Die Zeit“ auf einen alten Standard besonnen, der in früheren Jahren, aus der Gegenwart betrachtet quasi Friedenszeiten, immer für einen Aufreger gut war. Gerechtigkeit! Reichtumsverteilung! Die Armen, die nicht sparen können! Und die anderen, die immer reicher werden!

Zwar ist das mit dem Reichwerden bei allen Wirecard-Aktionären ebenso wie bei den Anteilseignern von deutschen Automobilkonzernen, Banken, Chemieunternehmen oder Energieversorgern zuletzt auch so eine Sache gewesen. Aber in der Studie der „Ökonominnen und Ökonomen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)“ für das Arbeitsministeriums, die die drei prächtigen Jahre vor Corona abbilden, zählt das ja alles noch gar nicht richtig mit. Und folglich ist das Ergebnis ein weiteres Mal erschütternd: Die Armen werden ärmer, die Reichen reicher.

Die klaffende Schere

Die Verteilung der Nettovermögen sei in Deutschland weit ungleicher als bisher angenommen, so klagen die Forschenden an, die inzwischen fertig sind mit dem Forschen und deshalb als Geforschthabende bezeichnet werden müssen. Den obersten zehn Prozent der Bevölkerung gehörten, glaubt man es denn, „nicht etwa wie bisher geschätzt 59 Prozent der Vermögen“. Nein, sie besitzen rund zwei Drittel! Und der Anteil der reichsten Mitbürger und Mitbürgerinnen – von Udo Lindenberg über Herbert Grönemeyer bis zu den Aldi-Brüdern, Susanne Klatten, Hasso Plattner und „Zeit“-Besitzer Stefan von Holtzbrinck – steigt von bisher knapp 22 Prozent auf rund 35 Prozent.

Was für eine Ungerechtigkeit. Hatte die Bundesregierung vor sieben Jahren noch versucht, die herrschende Ungerechtigkeit aus dem alljährlichen Armutsbericht zu streichen, ist sie seitdem nur noch viel schlimmer geworden. Sollte das berühmte bettelarme Mädchen mit der roten Jacke wirklich umsonst aus allen Medien verschwunden sein? Haben Mindestlohn und Armenrente gar nichts gebracht für das Millionenheer der wackeren Riester-Sparer und Rürup-Rentner? Muss wirklich erst wieder Sozialismus werden, damit die Schere zwischen Arm und Reich endlich kleiner wird?

Zehn Prozent der Vermögen, immer

Bisher kämpft die Politik vergebens dagegen, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte in Deutschland über mehr als Prozent des gesamten Nettovermögens verfügen, die untere Hälfte der Haushalte dagegen immer nur über ein Prozent. Es herrscht Einigkeit darüber, dass Deutschland immer ungerechter wird. Und das Volk ist sicher, dass früher alles viel besser gewesen sein muss. Vor allem ganz früher, wie die Älteren glauben: Damals in der DDR zum Beispiel hatten alle nichts, das aber war gleichmäßig verteilt.

Fake News, die nicht nur von der langsam vor sich hinsterbenden Linkspartei gezielt gestreut werden. Auch Grüne, SPD und Teile der CDU leben in der Vorstellung, dass nur der beständige Ausbau eines umsorgenden und umverteilenden Sozialstaats das Marxsche Gesetz von der Akkumulation des Kapitals außer Kraft zu setzen vermag.

Dabei steht ausgerechnet das Beispiel DDR für das ganze Gegenteil von ausufernder Gerechtigkeit: Wie der Schröder-Bericht im Jahr 1990 zeigte, war der Reichtum im Arbeiter-und-Bauern-Staat nämlich keineswegs gerechter verteilt als heute im Westen. Auf nur etwa zehn Prozent der Sparkonteninhaber entfiel vielmehr mit 60 Prozent der Guthaben ein ähnlicher Anteil wie heute. Den reichsten zwei Prozent der DDR-Bevölkerung gehörten rund 20 Prozent aller Spareinlagen – dabei waren Immobilien, der Besitz von landwirtschaftlichen Kleinbetrieben und Anlagevermögen in Form von Schmuck, Antiquitäten oder Kunstgegenständen nicht einberechnet.

Auch die Armut erreichte in der Arbeiter- und Bauernrepublik, die eigentlich eine der Funktionäre war, fast detailgenau die Verhältnisse von heute. Nach der in der Bundesrepublik üblichen Berechnungsmethode lebten Ende der Achtzigerjahre in der DDR etwa 20 Prozent der Haushalte unter der Armutsgrenze. Das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen in der DDR lag bei etwas über 2.000 Mark, aber gut 26 Prozent der Haushalte verfügten monatlich über weniger als 1.200 Mark. Knapp zehn Prozent mussten sogar mit weniger als 800 Mark auskommen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Ausgaben – die DDR war eine Zweiklassengesellschaft. So gaben die Haushalte mit den höheren Einkommen für Genussmittel, Bekleidung und Textilien doppelt so viel aus wie die Haushalte mit den niedrigen Einkommen. Bei Technikartikeln, die zu DDR-Zeiten besonders preisintensiv waren, betrugen ihre Ausgaben sogar das Dreifache.

Die ungerechte DDR

Zu den Beziehern hoher Einkommen gehörten neben dem Leitungspersonal aus Partei, Staat und Wirtschaft, Künstlern, Ärzten und Selbständigen viele Mitarbeiter von Volkspolizei, Volksarmee und MfS; aus ihnen bildete sich ab Mitte der 70er Jahre eine Kaste aus Wohlhabenden. Auch wenn es keine Managergehälter und keine obszönen Boni gab, ist das Ergebnis fast identisch mit dem Bild, das die Vermögensverteilung in der Bundesrepublik heute zeigt: Hatten 1964 nur 11.000 DDR-Bürger Sparkonten, auf denen sich mehr als 50.000 Mark befanden, stieg diese Zahl bis 1974 auf 82.000.

Gleichzeitig stieg auch die Zahl der Konteninhaber, die bis zu 50.000 DDR-Mark gespart hatten – nur gerechter wurde die DDR-Gesellschaft dadurch nicht, weil zugleich die Zahl der Bürger stieg, die vom Anstieg der Vermögen nicht partizipierten.

Ein eher statistisches Problem, denn wie sehr die Experten bei Parteien und deutschen Leitmedien auch zetern: Vermögen haben stets die Angewohnheit, sich entlang der Pareto-Verteilung anzuordnen, die der namensgebende italienische Ökonom Vilfredo Pareto bereits anno 1896 beschrieb, als er feststellte, dass die Einkommensverteilung in einer Gesellschaft, unabhängig von den gesellschaftlichen Bedingungen, keiner Normalverteilung folgt, also nicht gleichmäßig ist. Im Italien seiner Zeit sah es vermögensmäßig auch nicht anders aus als in der DDR und der nach sozialer Gerechtigkeit lechzenden Deutschland der Gegenwart: 20 Prozent der Familien im Italien des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren im Besitz von etwa 80 Prozent der Vermögen.

Die Verteilung bleibt trotz Gezeter

Eine Verteilung, die sich bis heute nicht geändert hat, weil sie sich nach dem nach Pareto benannten Prinzip nicht ändern kann. Wer allen alles wegnähme und gleichmäßig neu verteilte, bekäme nach einer gewissen Zeit dieselben Verhältnisse wieder: Die einen würden alles verlieren, die anderen das Verlorene aufsammeln und akkumulieren.

Warum? Auch diese Frage hat Pareto abschließend beantwortet. Er übertrug seine Beobachtung bei den Vermögen ins Allgemeine und beschrieb, dass sich in den meisten Fällen mit einem Mitteleinsatz von 20 Prozent 80 Prozent aller Probleme lösen lassen, die restlichen 20 Prozent zur Lösung dann aber 80 Prozent Aufwand benötigen. Die Aufgabe wird dabei nach hinten zu immer schwieriger, da das Prinzip fraktal, also jeweils für den verbliebenen Teil der ungelösten Aufgaben gilt.

Verteilung erreicht mit zunehmenden Verteilungsversuchen ihren Grenznutzen, das heißt, verteilte Vermögen führen kaum noch oder gar nicht mehr zu größerer Gerechtigkeit bei der Verteilung. Das Problem der Schere, die immer größer wird, bleibt den deutschen Medien also in Ewigkeit erhalten – selbst eine Verdopplung oder Verzehnfachung der Klagen über wachsende Ungerechtigkeit würde nichts daran ändern, dass die Welt nach Paretos Gesetz funktioniert, das seine eigene Art mathematischer Gerechtigkeit repräsentiert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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