16. Juni 2020

Medialer Zeitgeist „Amüsements“ eines Zeitungslesers

Erhellender Einblick in die „spannenden“ Themen eines konservativen deutschen Leitmediums

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: BlueRingMedia / Shutterstock.com Besser als jeder Vergnügungspark: Ein Blick in die Zeitung

Gestern ließ ein Bekannter die „FAS“ bei uns liegen, also die Sonntagsausgabe des Frankfurter Weltblattes, die etwas lockerer, weniger tiefgründig und nicht ganz so paläokonservativ und zeitgeistfresserisch ist wie die unter der Woche erscheinende Muttergazette. Mir geriet so seit Langem einmal wieder eine Zeitung in die Hände, und ich sollte es nicht bereuen.

Auf Seite eins der Aufmacher „Streit über ‚Rasse‘-Begriff“. Es geht natürlich um die vorgeschlagene GG-Änderung. Eine CSU-Frau argumentiert pfiffig, wenn man den Terminus tilge, sei der ja doch irgendwie übrig bleibende Rassismus juristisch noch schwerer zu greifen; irgendein Bischof, mit Sicherheit Protestant, also Atheist und dazu verdammt, gegenüber (Noch-)Minderheiten offiziell so viel Zerknirschung zu bekunden, dass es vor den eigenen Leuten fürs Auserwähltsein langt, verkündet in bußgestützter Ahnungslosigkeit, seit Jahrzehnten rede „niemand Vernünftiges“ mehr „von verschiedenen Rassen“. Am Ende des Artikels Verweise auf die Fortsetzung des Themas, gleich auf sechs weiteren Seiten, und zwar in den Ressorts Politik, Feuilleton und Sport. Und im Wissenschaftsteil? Ach was.

Auf Seite zwei ein ganzseitiges Interview mit einer ehemaligen Vizepräsidentin der bald ohnehin wohl abgeschafften Berliner Polizei, die über Diskriminierung (seitens der Bullen) klagt und Racial Profiling schlimm findet. Klar, wenn die Polypen im Görlitzer Park immer nur junge Schwarze kontrollieren, können die weißen Omas mit dem ganzen Stoff abhauen.

Auf Seite sechs folgt mein persönliches Haileid der gesamten Ausgabe: Ein Soziologe und Biograf Max Webers erklärt im Interview unter der Überschrift „Merkel verkörpert das Ideal Max Webers“, dass Merkel das Ideal Max Webers verkörpere. Warum? Weil sie die „richtige Kombination“ aus den bekannten beiden Ethiken lebe, ja inkarniere: „Jetzt in der Corona-Zeit zeigt sie eine alternativlose Verantwortungsethik. Aber in entscheidenden Momenten ist sie eben auch Gesinnungsethikerin, etwa in der Flüchtlingskrise.“ Die einsetzende Sprachlosigkeit, wie Karl Kraus geschrieben haben könnte, ging im Gelächter unter.

Seite acht, Meinung, „Rassismus steckt in uns allen“. Stimmt, aber anders, als der Journalist es therapieren zu können meint. (Daneben fordert eine Frederike namens Böge: „China entgegentreten“, einstweilen noch ohne Ausrufungszeichen; wir sind gespannt.)

„Die deutsche Diskussion über Rassismus muss sich ändern“, meint auf Seite 36 wiederum James Gregory Atkinson, „Sohn eines in Deutschland stationierten schwarzen US-Soldaten und einer weißen deutschen Mutter“, der in Frankfurt/M. irgendwie als Kurator arbeitet und originell argumentiert: „Bei der Frage, ob es strukturellen Rassismus auch in Deutschland gibt, stellen sich bei mir die Nackenhaare auf. 12,6 Prozent für die AfD bei der letzten Bundestagwahl.“ Effektvoll gewählt ist auch seine Kadenz: „Mit den Worten der afrodeutschen Grünen-Politikerin Aminata Touré: ‚Die Frage ist nicht: Gibt es Rassismus in Deutschland?, sondern: Wie können wir gemeinsam als Gesellschaft Rassismus bekämpfen?‘“ Wenn wir ihn erst mal bekämpfen, wird es ihn schon geben. Erinnert ein bisschen an Elektroautos oder Martin Schulz.

Aber endlich das Feuilleton! Ganzseitiges Interview mit Paul B. Preciado, einem spanischen Philosophen und „Queer-Theoretiker“. Früher hieß Paul übrigens Beatrix, er ist ein Transmensch, und da er bereits promoviert wurde, „in Philosophie und Architektur-Theorie“ und überdies in Paris „Drag King-Workshops“ durchführte, „wo die performative Konstruktion von Männlichkeit erforscht“ wurde, geht der Seitenwechsel vielleicht als Habilitation durch.

Denn, wie Preciado sich elitär-performativ selbst konstruiert, „immer mehr Leute definieren sich als nicht-binär und fordern nicht mehr einfach das Recht, von einem Mann zur Frau zu werden oder umgekehrt, sondern stellen das Regime binärer Geschlechter in Frage. Wenn ich darüber rede, halten mich die Leute manchmal für verrückt – aber für mich ist das mit der kopernikanischen Wende vergleichbar. Ich glaube, wir erleben die Infragestellung von Kategorisierungen, die die Infrastruktur des patriarchal-kolonialistischen Systems bilden.“

Na, was denn sonst!

„Zum ersten Mal in diesem Ausmaß sehnen sich Menschen unter 30 nach dem Ende der Nekropolitik. ... Niemand interessiert sich mehr für Produktion.“

Zumindest nicht bei Sozialdemokraten, Grünen, UNESCO-Linken und anderen Kennern, die wissen, dass Gelder oder geldwerte Dinge bewilligt und nicht produziert werden.

„Das [sic!] Ziel ist nicht irgendeine Art von Kommunismus, sondern eine komplette Veränderung des Begehrens und des Bewusstseins. Dazu gehört auch eine radikale Kritik der modernen Demokratie. Denn es geht auch um eine andere Art politischer Repräsentation. Ich nenne es Somokratie; nicht die Macht des Demos, des Volkes, sondern die Macht lebendiger Wesen, die Macht des Lebens.“

Eigentlich mag ich Exoten und auch eine gewisse Hybris, sogar, wenn ihr Träger zu spinnen anfängt („Jede Revolution ist Trans-„; insbesondere die von Khomeini). Als im Körper eines alten weißen Nazis eingesperrte minderjährige nigerianische Lesbe bin ich auch für eine gewisse Devianz erwärmbar. Doch ich käme nie auf den Trichter, Exoten oder Deviante zu Veranstaltern einer kopernikanischen Wende zu überhöhen. Als ein solcher Schwätzer ist man im Feuilleton wahrscheinlich am besten aufgehoben. Für härtere Fälle gibt es Spezialisten.

Weiter habe ich die Amüsierausgabe des konservativen deutschen Leitmediums dann nicht gelesen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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