21. Mai 2020

Mundschutz Subjektives Sicherheitsgefühl sticht objektiven Schutz

Oder: Der Corona-Maulkorb

von Burkhard Voß

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Bildquelle: shutterstock.com Seuchenlappen: Und alle machen mit

„Aufwachen“. Im Mundschutzgeflecht wurde es unruhig.

„Wenn wir jetzt nicht loslegen, verdampfen wir noch in der Mikrowelle“, ermahnte die Covid-Mutter ihren Sohn.

„Wieso?“, fragte dieser genervt.

„Weil der Söder gleich zu Ende gequatscht hat und dann seinen Maulkorb desinfizieren wird, in dem wir es uns gemütlich gemacht haben.“

Auf einmal war der Covid-Sohn hellwach.

„Dann sollten wir keine Zeit verlieren, so schlecht war’s in seiner Rachenschleimhaut nicht.“

„Genau“, beruhigte sich seine Mutter, „dort können wir erneut an diversen Zellen andocken, hineinschlüpfen und uns weiter vermehren.“

„Und“, so ihr Sohn, „nach ein paar Stunden, wenn er wieder an zu quatschen fängt, werden wir in seinem Atem erneut Richtung Mundschutz starten und beim ersten Niesen nur so durch die Poren fliegen.“

„Oder“, so ihr Sprössling weiter, „er sitzt mundschutzbefreit bei Maybrit Illner und wir surfen auf seiner Ausatmung in ihre Einatmung. Am Ende gibt’s auch dort ’ne Rachenschleimhaut.“

„Ob mit oder ohne Mundschutz, grünen, weißen oder blauen Fasern, gebügelt oder geröstet, vom Virologen-Papst abgesegnet oder verdammt, am Ende werden wir in jede Schleimhaut reingerammt.“

Der Illner-Flug begann. Szenenwechsel. Sprung in die Wirklichkeit.

Angeblich soll die Atemschutzmaske nicht nur die Illner – sondern auch alle weiteren Flüge verhindern. Covid-19 lacht. Nicht ganz zu Unrecht. Denn so eindeutig ist die Studienlage nicht. Die angestrebte Schutzwirkung vieler Masken ist mangelhaft – so eine Studie der Universität der Bundeswehr in München.

Auch einfache Schutzmasken können die Abgabe von Viren deutlich verringern – so eine im April 2020 veröffentlichte Studie.

Oft weisen Studien eine verblüffende Ähnlichkeit mit Zeitungen auf. Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Die Studien von heute erklären den Studien von gestern den Krieg, und beide zusammen zittern vor den Studien von morgen. Studien und Zeitungen – fast könnten sie eine Trauerselbsthilfegruppe gründen. Die wollten Chirurgen, die die Atemschutzmaske zuerst bei OPs anwendeten, um die Patienten vor ihren Keimen zu schützen, ganz gewiss nicht gründen. So war es ursprünglich gedacht und funktioniert bis heute. Atemschutzmasken verhindern sicher, dass Flüssigkeit aus Nase oder Mund in das OP-Gebiet gelangt und dieses infiziert. Umgekehrt wird es schwierig. Covid-19 hat keine inzestösen Beziehungen zu Tropfen und fliegt auch schon mal völlig losgelöst durch die Luft. Dabei ist es so winzig, dass die Barrierefasern einer Atemschutzmaske eine Lachnummer sind. Eintrittspforte über die Bindehaut der Augen geht natürlich auch. Perfekte Abdichtung der Ränder der Atemschutzmaske mit dem Gesicht? Wohl eher nicht. Insbesondere bei Bartträgern. Covid-19 lacht erneut. So könnte es durchaus sein, dass die hochpropagierte Atemschutzmaske mehr Mode als effektiver Schutz ist. Mal zart rosa, mal geblümt, mal negativistisch schwarz. In jedem Fall trendy, zur Schuhmode passend und gesundheitspolitisch absolut korrekt. So korrekt wie der Infektionskodex. Dieser beschreibt die Wahrscheinlichkeit einer Infektion unter definierten Verhaltensweisen. So liegt die Wahrscheinlichkeit, sich mit Covid-19 zu infizieren, bei einem Gespräch mit einem Infizierten unter eineinhalb Metern Abstand und länger als 15 Minuten Dauer bei 60 bis 70 Prozent. Mit anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit, sich beim Joggen zu infizieren, liegt bei nahe Null. Die Wahrscheinlichkeit, sich beim Autofahren ohne Atemschutzmaske zu infizieren, liegt ebenfalls bei nahe Null. Trotzdem sind Autofahrer mit Mundschutz und allein am Steuer keine Rarität. Sollten sie ängstlich sein, kein Problem. Problematisch könnte es werden, wenn sie sich als Gesundheitspolizisten fühlen. Denn die gesundheitspolizeiliche Korrektheit führt nicht automatisch zu ethischen Höchstleistungen. So ist die Corona-Krise nicht unbedingt ein Brutstadium für mehr Solidarität. Für manche könnte es die ideale Gelegenheit für Spießer- und Denunziantentum sein.

Auch mit Corona-Maulkorb könnten die zukünftigen Gesundheitspolizisten ihr Diktat verkünden. Dieses kennt keine Barrieren. Ist wie bei Covid-19.


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